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B2B
12/12/2018

"Überlebensraten von Start-ups steigen kontinuierlich an"

Der Wirtschaftskammerpräsident Harald Mahrer spricht im futurezone-Interview über Potenziale der Blockchain, heimische Innovationen und Herausforderungen für Unternehmen.

von Claudia Zettel

futurezone: Welche Vorteile kann die Blockchain für Unternehmen bringen?
Harald Mahrer:
Es handelt sich generell um einen neuen, großen Entwicklungsschritt für das Internet - in Sachen Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Sicherheit. Das betrifft vor allem Bereiche, die mit Transaktionen zu tun haben. Das geht von Rechtssicherheit bis Produktsicherheit und kann etwa nachvollziehbar machen, woher ein Lebensmittel kommt, woher eine Blutkonserve stammt. Man kann sich die Blockchain wie eine Perlenkette vorstellen, jeder neue Schritt wird immer wieder nachvollziehbar. Und es handelt sich um eine dezentrale Lagerung von Daten. Ich sehe einen großen Nutzen für Unternehmen. 

Wo wird die Blockchain von heimischen Unternehmen denn jetzt schon eingesetzt? 
Sehr stark kann man es bereits im Bereich der Logistik sehen. Dort geht es auch um die Nachvollziehbarkeit: Wo sind Güter in der Lieferkette? Eine Reihe von Anwendungen gibt es auch im Finanzbereich. Da geht es nicht nur um die sogenannten Kryptowährungen, sondern vielmehr um die Frage, wie man Finanztransaktionen von Zahlungen bis zu Verträgen nachvollziehbar vernetzt abbildet.  Das wird vor allem von den “Fintechs” getrieben, also Start-ups, die alternative Finanzdienstleistungen anbieten, die entweder mit klassischen Banken konkurrieren oder ihre Services diesen anbieten und mit ihnen kooperieren. Ein weiterer Bereich ist die Energiewirtschaft. Ein Anwendungsfall ist hier beispielsweise die neuen “intelligenten Netze” besser mit Verrechnungsmodellen verknüpfen zu können. 

Sieht man diese Beschäftigung mit der Blockchain aktuell nur bei den großen Unternehmen oder ist es auch für KMU schon ein Thema?
Ich sehe drei Gruppen, die sich damit beschäftigen: Gründerinnen und Gründer, also Start-ups in dem Bereich. Zweitens: sehr große Unternehmen, die sich aufgrund des Wettbewerbs-Drucks auf ihr Geschäftsmodell international anschauen, was die aktuellen Trends sind. Es gibt aber auch einige traditionelle Mittelständler, die in internationalem Wettbewerb stehen und hoch innovativ sind.

Harald Mahrer

Im September 2017 haben sie Blockchain-Anwendungen auf Regierungsebene angekündigt. Ist daraus etwas geworden? 
Es gibt eine Taskforce für die Fintechs im Finanzministerium und ich habe noch zu meiner Regierungszeit die „Blockchain Austria Agenda“ ins Leben gerufen, mit der nach wie vor gearbeitet wird. Zentraler Drehpunkt dafür ist das Institut für Kryptoökonomie an der WU, und da gibt es natürlich auch eine Reihe öffentlicher Projekte.

In Österreich hat man oft das Gefühl, dass Innovationen und Neuem eher kritisch begegnet wird. Wie kann man das Klima in Österreich innovationsfreudiger gestalten? Man muss unterscheiden zwischen dem allgemeinen Bild, das wir haben, und der Einschätzung, ob wir innovativ sind oder nicht. Österreich wäre nicht extrem erfolgreich im Export, wenn wir nicht innovativ wären. Unsere Unternehmen punkten auf dem internationalen Markt mit hoch innovativen Produkten und Dienstleistungen. Ein Problemfeld das wir haben: Schaffen wir genug Transformation aus dem Forschungsbereich, sprich, aus Ideen konkrete Produkte zu machen? Da haben wir Nachholbedarf. Wir geben nach Schweden in Europa am zweitmeisten für Forschung und Entwicklung aus, daraus entstehen aber zu wenig neue Unternehmen. Das liegt mitunter auch an zu wenig Risikokapital im Land und fehlender Erkenntnis in Innovationen zu investieren. 

Wenn Sie sich die heimische Gründerszene ansehen, was ist Ihr Befund, ist aktuell ein Wachstum erkennbar? 
Die Frage ist, was man als Start-up-Szene bezeichnet. Meistens schaut man besonders auf die, die im Digitalbereich aktiv sind. Die Szene umfasst aber auch die ganze Biotech-Szene, angewandte Materialwirtschaft, den Medizinbereich usw. Das sind dann viel mehr. Die Gruppe ist insgesamt also dramatisch größer als jene, die wir gemeinhin beobachten. Auch die " Überlebensraten" steigen kontinuierlich Stück für Stück an.

Wenn man von den typischen Start-ups weggeht, wie sieht es mit dem Digitalisierungsgrad bei klassischen KMUs aus? 
Es gibt die Gruppe der „early adopters“, die schon sehr weit sind, dann haben wir eine breite Gruppe, die sich jedenfalls schon mit der Digitalisierung beschäftigt, und dann gibt es natürlich auch immer noch eine Gruppe, die Aufholbedarf hat, das ist aber nicht die Mehrheit. Für letztere sind wir aktiv daran, maßgeschneiderte Programme zu entwickeln, damit wir sie nicht „verlieren“. Insgesamt liegen wir im europäischen Vergleich akzeptabel, aber für eine exportorientierte Volkswirtschaft noch lange nicht dort, wo wir hingehören.

Harald Mahrer

Wie erreicht man die Nachzügler am besten?
Über ihre Branchenbetroffenheit. Es geht immer um die Anwendungsfälle. Sei das jetzt für einen Fleischer oder einen Tischler. Wir versuchen mit unseren Landeswirtschaftskammern über die Initiative “KMU Digital” mit dem Wirtschaftsressort möglichst viele Kontakte für unsere Mitglieder zu organisieren - damit sie feststellen, was ihnen Digitalisierung konkret bringen kann und wo sie aktuell stehen. 

Heikle Themen sind IT-Sicherheit und Datenschutz. Wie sind die heimischen Unternehmen da aufgestellt? 
Das Bewusstsein, dass Datenschutz ein Thema ist, hat rund um die Datenschutzgrundverordnung massiv zugenommen. Da haben wir auch massiv informiert. Noch nicht genug Bewusstsein gibt es allerdings in Sachen Angriffe und wie man sich davor schützt. Es wird zwar immer mehr investiert, aber es gibt noch viel Luft nach oben - etwa, wie man Mitarbeiter richtig informiert, wie man mit Passwörtern umgeht, wie man sich vor Hackerangriffen schützt oder Systeme so aufsetzt, dass sie im Zweifelsfall nicht zusammenbrechen.

Welche konkreten Maßnahmen setzt die Wirtschaftskammer, um das Dauerthema Fachkräftemangel in den Griff zu bekommen? 
Wir arbeiten an einem Maßnahmenpaket, das mehrere Punkte beinhaltet: Über unser Fachkräfteradar machen wir auf Basis von vorliegenden statistischen Daten sichtbar, wie groß der Unterschied zwischen Angebot und Nachfrage ist. Das geht bis auf die Bezirksebene in der jeweiligen Berufsgruppe. Zweitens müssen wir massiv in den Bereich Ausbildung und Qualifikation investieren. Zudem muss die Lehrausbildung um digitalen Kompetenzen erweitert werden, es werden neue Lehrberufe geschaffen und andere weiterentwickelt. Auch die Frage der qualifizierten Zuwanderung ist ein Punkt. Wir wollen uns aussuchen, welche Leute nach Österreich kommen, nämlich jene, die wir brauchen. Wenn wir die Fachkräfte im Inland nicht haben, brauchen wir sie von woanders. Dazu gibt es auch die Reform der Rot-Weiß-Rot-Karte.

Werden im Rahmen dieser Maßnahmen auch gezielt Frauen gefördert, die in der Tech-Branche noch immer sehr stark unterrepräsentiert sind und gleichzeitig ein großes Potenzial darstellen? 
Wir haben es auf alle Fälle mit einem großen Schatz zu tun, der noch nicht gehoben ist. Da geht es auch darum für Vereinbarkeit von Familie und Beruf bessere Bedingungen zu schaffen. Gleichzeitig müssen wir jüngere Frauen, Frauen in Ausbildung ansprechen und für diese Berufe begeistern. Die Berufswahl ist oft noch stark vorurteilsgetrieben. Wenn man die Frage stellt, wer Handy oder Apps verwendet oder Fotos digital bearbeiten kann, sind das meist alle. Das zeigt, dass die digitalen Kompetenzen im Privaten bei jungen Leuten sehr hoch sind und sehr intuitiv erfolgen. Das muss man ins Berufsleben übersetzen.