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B2B
02/01/2020

Wien wird Hauptstadt des Vinyl-Geschäfts

Die von einem heimischen Unternehmer gegründete Vinyl Alliance will neue Geschäftsmodelle mit Schallplatten entwickeln und für nachhaltiges Wachstum des Marktes sorgen.

von Patrick Dax

2019 könnten weltweit das erste Mal seit 30 Jahren wieder mehr Vinyl-Schallplatten als CDs verkauft worden sein. Detaillierte Zahlen stehen zwar noch aus. Schallplattenverkäufe sind aber auch im vergangenen Jahr wieder stark gewachsen. Am US-Markt betrug das Plus fast 15 Prozent. Insgesamt wurden in den USA fast 19 Millionen Schallplatten verkauft. In Österreich pendelte sich der Marktanteil der Schallplatte in den vergangenen Jahren bei knapp 8 Prozent ein. "Vinyl ist kein kurzfristiger Trend, der Markt wächst seit 13 Jahren kontinuierlich", sagt Günter Loibl. Ende vergangenen Jahres rief der Tullner Unternehmer die Vinyl Alliance ins Leben. Die Brancheninitiative will das Vinylgeschäft nachhaltig ausbauen und auch neue Geschäftsmodelle ermöglichen.

Mit dabei sind nicht nur große Labels wie Sony und Universal, sondern auch Plattenspielerhersteller, Presswerke und Mastering-Studios. "Wir wollten die gesamte Wertschöpfungskette abbilden", erzählt Loibl von einem Treffen in New York, das vergangene Woche stattfand und bei dem der Zusammenschluss besiegelt wurde. "Es ist uns gelungen, einen Verband auf die Beine zu stellen, bei dem viele der maßgeblichen Player dabei sind."

HD Vinyl

Dass sich Branchengrößen auf Initiative einer kleinen österreichischen Firma an einen Tisch setzen und gemeinsam an einem Strang ziehen, hat auch einen weiteren Grund. Der heißt HD Vinyl. Das von Loibls Firma Rebeat 2016 gemeinsam mit dem Forschungszentrum Joanneum entwickelte High-Definition-Vinyl-Verfahren erhöht durch den Einsatz von Lasertechnik anstatt mechanischer Schneidstichel in der Herstellung Frequenzumfang, Tonqualität und Spielzeit von Schallplatten und senkt die Produktionskosten.

Erste HD-Vinyl-Schallplatten sollten eigentlich schon im vergangenen Jahr auf den Markt kommen, Probleme bei der Fertigung sorgten allerdings für Verzögerungen. "Im Juni oder Juli sollte es jetzt so weit sein, dass wir eine erste größere Testpressung machen können", sagt Loibl. Im Herbst sollen dann die ersten mit dem neuen Verfahren gepressten Scheiben in den Handel kommen. Sie könnten dem boomenden Geschäft mit der Schallplatte einen weiteren Schub verleihen. "Die Plattenfirmen können ihren Katalog noch einmal verkaufen. Die Beatles auf HD Vinyl werden die Leute auch dann kaufen, wenn sie die Musik in anderen Formaten schon zu Hause haben", meint Loibl.

Neue Geschäftsmodelle

Die von ihm gegründete Vinyl Alliance, die ihren Sitz in Wien hat, bringe erstmals nicht nur die Inhalteanbieter zusammen, sondern auch Hardware-Hersteller, Ton-Ingenieure und Presswerke. Daraus könnten auch neue Geschäftsmodelle rund um die Schallplatte entstehen, ist Loibl zuversichtlich.

So könnten etwa spezielle Künstlerplattenspieler gebündelt mit Schallplatten angeboten werden. Der österreichische Gerätehersteller Pro-Ject Audio Systems, der ebenfalls bei der Allianz dabei ist, brachte etwa vor kurzem eines Beatles-Plattenspieler auf den Markt. Künftig könnte ein solches Gerät auch gebündelt mit Vinyl-Pressungen der Beatles verkauft werden, meint Loibl. "Wenn alle an einem Tisch sitzen, ist es für Hersteller einfacher Lizenzen zu erhalten. Das war bis jetzt fast unmöglich."

“Reihe von Möglichkeiten”

Vorstellbar seien daneben auch eigene High-End-Versionen von Alben, die speziell für hochqualitative Endgeräte geschnitten sind. Hersteller könnten eigene Schallplatten-Editionen anbieten, die für ihre Geräte optimiert seien, führt Loibl weiter aus: "Es gibt eine Reihe von Möglichkeiten."

Eine weitere Rolle spielt auch der Umweltschutz. Bei der Vinylerzeugung sei mit der Galvanotechnik viel giftiger Müll entstanden, sagt Loibl. Mit neuen Fertigungsverfahren könnte dies vermieden werden. "Wenn man das Vinylgeschäft weiter haben will, muss man die Umwelt im Auge behalten. Das wissen die großen Firmen."

Gretchenfrage

Wie lange wird der Markt noch wachsen? Das sei die Gretchenfrage, meint Loibl. Und sie sei schwer zu beantworten. Es gebe Leute, die sagen, dass der Vinyl-Markt zwischen 10 und 15 Prozent des gesamten Musikmarktes erreichen könne. "Wenn man Musik verschenken will, schenkt man Vinyl", meint Loibl. Eine Zukunftsprognose traue er sich aber nicht abzugeben. Belastbare Analysen für die Entwicklung des Marktes gebe es nicht. Auch dafür will die Vinyl Alliance sorgen. "Wir wollen wissen, wo die Reise hingeht."

Daran, dass die Schallplatte auch langfristig überleben wird, zweifelt Loibl nicht. "Da bin ich mir ganz sicher." Die Schallplatte sei das Format für echte Musikliebhaber: "Spotify und Co. sind Fastfood, das man schnell zwischendurch isst. Die Schallplatte ist das Menü vom 3-Hauben-Koch. Man muss sie auflegen, umdrehen. Man muss sich mit ihr beschäftigen. Das macht sie aus."