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iTunes Radio
06/11/2013

Apple bringt Radiosender in Bedrängnis

Apples neuer Musikdienst iTunes Radio wird nach Meinung von Experten dem Online-Radio einen Aufschwung bringen und traditionelle Rundfunkanbieter Hörer kosten. Auch Streaming-Diensten, die kein werbefinanziertes Gratis-Angebot anbieten, könnte das Apple-Radio zusetzen.

von Patrick Dax

Am Montag

Apple auf seiner Entwicklerkonferenz neben Neuerungen bei seinen Betriebssystemen iOS und Mac OS auch seinen bereits seit längerem kolportierten Online-RadiodienstiTunes Radio. Das in die Apple-Musik-Anwendung integrierte Internet-Radio bietet zwar wenig Neues. Maßgeschneiderte Radiostationen, die abgestimmt auf den eigenen Musikgeschmack weiter personalisiert werden können, haben auch andere Anbieter im Programm. Da Apple aber weltweit über rund 575 Millionen Nutzer verfügt, dürfte das Online-Radioangebot dennoch für nachhaltige Veränderungen auf dem Radio- und Streaming-Markt sorgen.

Gefahr drohe weniger etablierten Online-Radioanbietern wie Pandora, sondern traditionellen Radiostationen und kostenpflichtigen Musik-Streaming-Anbietern, schreibt der Online-Musikpionier und MP3.com-Gründer Michael Robertson in einem Beitrag für das Branchenblog Hypebot.

Online-Radioanbieter profitieren
Apple verfüge durch das iPhone und das iPad über eine große Nutzerbasis. Die Integration in die Musik-Anwendung auf Apple-Smartphones und Tablets werde dafür sorgen, dass von Beginn an Millonen Apple-Kunden das Angebot nutzen, prognostiziert Robertson. Schon heute würden 60 bis 70 Prozent der US-Online-Radionutzer von Smartphones und Tablets auf Online-Angebote zugreifen. Diese Zahl werde sich mit dem Start von iTunes Radio kräftig erhöhen.

"Kontrolle verlagert sich zu den Nutzern"
Trotz attraktiver Angebote, wie dem Online-Radio und Musikempfehlungsdienst Pandora, der 200 Millionen Hörer zählt, ist Online-Radio auch in den USA noch ein Nischenangebot. Neun von zehn Radiohörern nutzen vorwiegend AM/FM-Stationen. Apple werde Radiohörern die Vorteile des Online Radios vor Augen führen, meint Robertson: "Nutzer haben eine beinahe unbegrenzte Auswahl an Stationen und können Songs überspringen, die sich nicht hören wollen", so der Online-Musikpionier. Die Kontrolle über die gehörten Inhalte verlagere sich von den Rundfunkveranstaltern zu den Nutzern. Smartphones würden über kurz oder lang sogar das Autoradio ersetzen, sagt Robertson voraus. Nicht zuletzt deshalb werde Online-Radio traditionelle Anbieter weiter zurückdrängen.

In Österreich haben laut dem jüngsten Radiotest der Radio Marketing Service GmbH (RMS) fast 22 Prozent oder 1,6 Millionen Personen schon einmal Radio über das Internet gehört, 7,4 Prozent oder 553.000 tun dies zumindest mehrmals die Woche. Die Anzahl der täglichen Hörer von Online-Radioangeboten liegt bei etwas mehr als drei Prozent oder 250.000 Personen. Bei der Erhebung wurden Webchannels und Livestreams bekannter Sender ebenso erfasst wie reine Online-Radiostationen und maßgeschneiderte Streams von Anbietern wie Spotify und Simfy.

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Platzhirsch gelassen
Dass Online-Radio von dem neuen Apple-Dienst generell profitieren werde, glauben auch Investoren an der Börse. Die Aktien des US-Platzhirschen Pandora, dessen Angebot aus lizenzrechtlichen Gründen in Europa nicht verfügbar ist, stiegen nach der Apple-Präsentation um fast 2,5 Prozent. Pandora gab sich in einer ersten Reaktion auf iTunes Radio deshalb auch demonstrativ gelassen. Apple entwickle mit iTunes Radio sein Musikangebot weiter und schließe zu anderen Streaming-Diensten auf, die ebenfalls Online-Radio-Features bieten würden, hieß es gegenüber TechCrunch. Pandora selbst verfüge über jahrelange Erfahrung und konkurrenzlose Technik beim erstellen personalisierter Playlisten. Daran ändere auch der neue Mitbewerber nichts.

Einbußen für kostenpflichtige Streaming-Dienste
Pandora habe eine loyale Nutzerschaft und sei auf zahlreichen Geräten vorinstalliert. Der Dienst brauche sich vor Apple nicht zu fürchten, sagt auch Robertson. Mit Einbußen müssten neben traditionellen Rundfunkanbietern aber auch Streaming-Dienste wie Rhapsody/Napster, Deezer und Google Music All Access rechnen, die Nutzern kein werbefinanziertes Gratis-Angebot bieten würden. Online-Zahlungen seien eine große Hürde für Nutzer, die mit neuen Diensten experimentieren wollten, meint Robertson. "Viele jugendliche Hörer verfügen gar nicht über Kreditkarten."

Starttermin in Österreich offen
Wohl aufgrund lizenzrechtlicher Probleme wird iTunes Radio mit dem Start von iOS 7 vorerst nur in den USA verfügbar sein. Weitere Länder sollen schrittweise hinzukommen. Früher oder später wird der Online-Radiodienst dann auch in Österreich starten.

Die Konkurrenz ist schon heute groß. Derzeit sind unter anderem Spotify, Deezer, Simfy, Rara und die vor kurzem gestarteten Dienste Rdio und Napster in Österreich präsent. Die Umsätze der Anbieter, die alle auch Online-Radio im Programm haben, wachsen hierzulande zumindest prozentmäßig stark. Im vergangenen Jahr wurden nach Angaben des Verbandes der Österreichischen Musikwirtschaft (IFPI) 1,5 Millionen Euro mit Musik-Streaming umgesetzt, ein Plus von 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Damit ist der heimische Streaming-Markt zwar gerade einmal so groß wie der Markt für Vinyl-Schallplatten, mit weiterem Wachstum wird aber gerechnet. Mut macht den Anbietern der Blick auf internationale Entwicklungen. In den nordischen Ländern Finnland, Norwegen und Schweden ist der Streaming-Dienst Spotify schon jetzt der umsatzstärkste Musikanbieter.

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iTunes Radio
Mit iTunes Radio können sich Hörer ihr Programm nach dem eigenen Geschmack zusammenstellen. Apple orientiert sich dabei am bereits vorhandenen iTunes-Profil der Nutzer. Bei iTunes Radio soll es Werbeanzeigen geben, dafür kostet das Angebot nichts. Wer keine Werbung möchte, kann sich bei dem Musikdienst Match von Apple registrieren. Dann ist das Angebot werbefrei.