Eine Frau misst die Temperatur in einem riesigen Komposthaufen

Im Erdenreich wird Biomüll zu Kompost und weiter zu fruchtbarer Erde verarbeitet

© Brantner

Digital Life

Wie mit Bildanalyse aus Biomüll bessere Erde wird

Lebensmittel, die im Restmüll landen, sorgen weltweit dafür, dass in Mülldeponien viel klimaschädliches Methan erzeugt wird. Wer einen Beitrag zum Klimaschutz leisten will, entsorgt pflanzliche Speisereste und anderes biologisches Material in einer Biotonne.

Was mit den Inhalten anschließend passiert, habe ich mir bei einem Besuch im "Erdenreich" des Entsorgungsunternehmens Brantner im niederösterreichischen Gneixendorf angesehen.

Vermischung mit Gras und Holz

Das Erdenreich ist die neueste von 5 Kompostierungsanlagen, die Brantner betreibt. Sie wurde im September 2021 in Betrieb genommen. "Es ist die modernste Anlage ihrer Art in Österreich", meint Stefan Tollinger, Geschäftsführer von Brantner, beim Besuch der futurezone. "Sie ist die erste, die eingehaust ist."

Biomüll wird in großen Sammelfahrzeugen angeliefert und in einer Halle abgeladen. Ebenfalls in der Halle landet geschnittenes Gras, sowie Äste und Zweige, die in Abfallsammelzentren abgegeben wurden. Das Ganze wird zu Kompost vermischt und in einer zweiten Halle nebenan in langen, spitz zulaufenden Reihen aufgelegt, den so genannten "Mieten". Die Vermischung der Abfälle findet statt, um den Mieten eine luftdurchlässige Struktur zu verleihen.

80 Grad heiße Haufen

In der Halle durchläuft das aufgelegte und regelmäßig umgeschichtete Material eine 4- bis 6-wöchige "Intensivrotte". Bakterien zersetzen das Material und setzen dabei viel Hitze frei, weshalb die Mieten ordentlich dampfen. Im Zentrum der Haufen herrscht eine Temperatur von 70 bis 80 Grad, erklärt Tollinger. Die Sauerstoff- und Feuchtigkeitswerte der Mieten werden genau überprüft. Bei Bedarf wird von einem Schlauchsystem an der Decke Wasser aufgetragen, durch den Boden kann Luft in die Reihen gepumpt werden. Um den Gestank in Grenzen zu halten, wird die Luft in der Halle abgesaugt und durch einen natürlichen Filter gereinigt.

Für das Wenden der Kompostmieten kommt eine Zugmaschine mit einem Umwender zum Einsatz. Zur Zeit sitzt ein Mensch am Steuer, in Zukunft soll sie vollautonom fahren. Dafür wurden 14 Funksender in der Kompostierhalle installiert, welche die Position der Zugmaschine mittels Triangulierung genau bestimmen, erklärt Christoph Pasching, Head of Digital Solutions bei Brantner.

Weniger Bodenerosion

Nach der Intensivrotte wird der Kompost in den Außenbereich gebracht und erneut in langen Mieten aufgelegt. Auch hier werden Temperatur und Sauerstoffzufuhr genau reguliert. Weil das Material austrocknet, wird sichtbarer, wieviel Plastik und anderer Restmüll im Kompost steckt. "7 Prozent des Biomülls sind Störstoffe", sagt Tollinger. Um die herauszubekommen, wird der Kompost nach rund 12 Wochen durch eine Maschine befördert, die das Material siebt und Plastikteile absaugt. Heraus kommt Humus. Der wird mit verschiedenen Zuschlagstoffen, etwa Ziegelsplitt, Sand oder Holzfasern, vermischt, um fertige Erden für unterschiedliche Einsatzzwecke zu erhalten.

Mit dem Verfahren, wie es im Erdenreich angewendet wird, könne man hochqualitative Erde in relativ kurzer Zeit gewinnen, meint Tollinger. Je mehr dieser Erde auf landwirtschaftlichen Anbauflächen, in Gärten oder auf Sportplätzen landet, umso mehr Wasser könne der Boden aufnehmen und umso weniger komme es zu Bodenerosion. Wie sich die fertige Erde aus dem Erdenreich in puncto Pflanzenwachstum bewährt, wird in kleinen Gewächskästen mit einem Kressetest überprüft.

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Stefan Tollinger, Geschäftsführer von Brantner, plädiert für mehr Biotonnen

Störstoffe automatisch analysiert

Je weniger Störstoffe im Biomüll landen, umso einfacher sei die Verwertung. Deshalb wünscht sich Tollinger einerseits mehr Biotonnen für Haushalte, andererseits mehr Disziplin beim Mülltrennen. Brantner hat ein eigenes System namens Hawkeye entwickelt, das den Inhalt von Biomülltonnen schon beim Ausschütten in das Sammelfahrzeug analysiert. Dazu sind Smartphones in den Fahrzeugen montiert. Per Kamera und Bildanalyse mittels künstlicher Intelligenz in der Cloud werden Störstoffe erkannt und momentan in 32 Kategorien eingeteilt.

Das System erkennt etwa, ob Pizzaschachteln, Plastiksäcke, Flaschen, Dosen, Bauschutt oder Batterien in der Biotonne gelandet sind. Je nach Verschmutzungsgrad des gesammelten Mülls werden die Fahrzeuge in Echtzeit zum Erdenreich oder einer Müllverbrennungsanlage dirigiert. In Zukunft ist auch geplant, das System zu verwenden, um Menschen durch Gamification Anreize zu geben, ihren Müll besser zu trennen.

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David Kotrba

Ich beschäftige mich großteils mit den Themen Mobilität, Klimawandel, Energie, Raumfahrt und Astronomie. Hie und da geht es aber auch in eine ganz andere Richtung.

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