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Geschichte Blackbox: Ein Online-Wohnzimmer sperrt zu.

Foto: Mediaclan, Blackbox
Nach 20 Jahren verabschiedet sich die Blackbox, einst Österreichs größte Online-Community, Ende November aus dem Netz. Gründer, Nutzer und Admins erinnern sich im Gespräch mit der futurezone an zwei Jahrzehnte in dem virtuellen Wohnzimmer, das Anfang der 90er-Jahre als Mailboxsystem startete.

"Die Blackbox war für viele der Schuhlöffel für den Einstieg ins Internet", sagt Harald Harvas. Der Journalist und Autor ist der wohl letzte Präsident des Vereins Blackbox Systems, der sich noch bis 30. November um die Betreuung der einst größten Online-Community Österreichs kümmert. Ende des Monats geht die Blackbox, deren Glanzzeit fast 15 Jahre zurückliegt, vom Netz. Was bleibt sind Erinnerungen an eine Zeit, in der sich die Welt der "Datenfernübertragung" für tausende junge Österreicher über das 1992 gestartete Mailboxsystem öffnete.

Damals suchten Michael Eisenriegler und Gerin Trautenberger, zu dieser Zeit Mitglieder der Sozialistischen Jugend, nach Vernetzungsmöglichkeiten für die SPÖ-Jugendorganisation. Mit der Mailbox-Software FirstClass des kanadischen Herstellers SoftArc fanden sie eine Lösung, die sich leicht bedienen ließ und auch leistbar war. Im Unterschied zu anderen Bulletin Board Systems (BBS) - wie etwa Fido - verfügte FirstClass über eine grafische Nutzeroberfläche - auch Leute, die nicht technikaffin waren, konnten damit etwas anfangen. "Man hat sich über das Modem eingewählt und musste keine Befehle mehr eingeben", erinnert sich Havas, der sich 1993 bei der Online-Community registrierte: "Das war für Viele ein großer Schritt."

Blackbox-Veteranen
Blackbox-Veteranen: Michael Eisenriegler, Romana Cravos, Harald Havas und Gerin Trautenberger (v.l.n.r.) - Foto: Patrick Dax

"Schnell herumgesprochen"
Mit einer Förderung des Unterrichtsministeriums kauften die Blackbox-Gründer ein Server und Modems. Schon bald tummelten sich rund 1000 Nutzer, längst nicht nur Mitglieder von Jugendorganisationen, in den Konferenzen des Mailbox-Systems. "Die Blackbox hat sich schnell herumgesprochen" erinnert sich Havas. Den Betrieb der Blackbox übernahm mit dem zunehmenden Publikumszuspruch zunächst ein 1993 gegründeter Verein und wenig später die von Eisenriegler und Trautenberger gegründete Agentur Datenwerk. Über das Projekt Blackboard wurden auch Schüler vernetzt.  

"Online-Medium für Leute, die sich technisch nicht auskennen"
Mailbox-Systeme gab es Anfang und Mitte der 1990er Jahre viele, die Blackbox war aber etwas Besonderes. Dort tummelten sich nicht die üblichen Verdächtigen - Nerds und Geeks, die über Speicherkapazitäten und Gadgets diskutierten - , sondern Jugendliche und junge Erwachsene, die die Möglichkeiten der vernetzten Kommunikation für sich entdecken und sich über alle möglichen Themen austauschen wollten. "Wir wollten das Online-Medium für Leute sein, die sich technisch nicht auskennen", sagt Eisenriegler. "Das war uns wichtig."

Die Themenpalette reichte von Politik, die in der Community von Anbeginn an eine wichtige Rolle spielte, über Musik, Filme und Science Fiction. Im Bereich "Anarchy" konnten Nutzer bald selbst Konferenzen eröffnen. In der "Intimzone" wurden Pornobildchen getauscht. Auch eine Verbindung zum Usenet war über die Blackbox möglich.

Blackbox 99 screenshot
Screenshot der Blackbox aus dem Jahr 1999 - Foto: Mediaclan, Blackbox

Gratis-E-Mail
Als die Blackbox 1995 begann, Gratis-E-Mail-Adressen anzubieten, explodierten die Nutzerzahlen. "Mein schönstes Erlebnis war, als ich in der Straßenbahn saß und zwei wildfremde Mädchen hinter mir über die Blackbox sprachen", erinnert sich Trautenberger. 1997 zählte die Online-Community bereits 5000 Mitglieder, was für die damalige Zeit beachtlich war. Zwei Jahre später waren es 10.000.

Hoher Frauenanteil
"Der Frauenanteil war mit rund einem Drittel vergleichsweise hoch", erzählt Romana Cravos, Admin der Online-Community und jahrelang das Gesicht der Blackbox nach außen. Mit vielen Nutzern hält sie noch heute Kontakt: "Es sind Freundschaften enstanden, die ich nach wie vor pflege." "Die Blackbox war so etwas wie ein virtuelles Wohnzimmer", schwärmt Havas: "Man ist eingestiegen und hat Freunde getroffen. Es war eine virtuelle Familie."

Genutzt werden konnte die Blackbox kostenlos - mit Einschränkungen bei der Online-Zeit - oder gegen eine monatliche Gebühr. Den Betreibern war wichtig, dass Nutzer unter ihren richtigen Namen posteten. Fakes wurden nur in Maßen toleriert.  "Wir haben sehr wenige Trolle gehabt", erzählt Trautenberger. "Wir wollten als politisches Diskussionforum ernstgenommen werden und uns auch von anderen Mailboxen unterscheiden, wo die Leute fast nur mit Nicknames kommuniziert haben", meint Eisenriegler.

Blackbox-Flyer
Foto: Patrick Dax

Hohe Rechnungen
Die Faszination mit der vernetzten Kommunikation brachte für einige Mitglieder aber auch finanzielle Belastungen mit sich. "Die Tarife für Datenübertragung waren in den frühen 90er Jahren höher als der Telefontarif der Post, der bei einem Schilling pro Minute lag", erzählt Havas: "Damals gab es die ersten Opfer, mit Telefonrechnungen von 5000 oder 6000 Schilling."

Neben Privatnutzern entdeckten ab Mitte der 90er Jahre auch zunehmend Firmen, Organsiationen und Parteien die Blackbox. "Sowohl SPÖ als auch ÖVP und Grüne haben eigene Konferenzen gehabt und ihre ersten Sachen online gestellt", erzählt Cravos. Auch das Büro des damaligen Bundeskanzlers Franz Vranitzky forderte eine Blackbox-E-Mail-Adresse ([email protected]) an.

"Gottes Segen für alle Mitarbeiter"
Die Blackbox tat sich infolge auch mit Chats mit Politikern und Prominenten hervor. Neben zahlreichen Politikern fast aller Coleurs - darunter Caspar Einem, Gertrud Knoll, Wolfgang Schüssel und Fritz Verzetnitsch - chatteten auch Prominente - etwa Gerda Rogers oder Richard Lugner - mit der Blackbox-Community. Selbst der streitbare St. Pöltner Bischof Kurt Krenn stellte sich den Fragen der Nutzer. Danach schrieb er ins Gästebuch: "Gottes Segen für alle Mitarbeiter dieses Chats."

In der Community fanden sich auch zahlreiche zivilgesellschaftliche Initiativen, viele von ihnen gingen auch aus der Blackbox hervor. Auch die 70er-Jahre Nostalgiewelle rund um die Buch-, TV-, Radio- Clubbing- und CD-Reihe "Wickie, Slime & Paiper" nahm in der Blackbox ihren Ausgang. In dem von der Journalistin Susanne Pauser gegründeten Forum "30jährige" wurden Kindheitserinnerungen an TV-Serien und popkulturelle Artefakte wachgerufen. Insgesamt sammelten sich über die Jahre dort mehr als 30.000 Postings an. "Es war eine gemeinsame archäologische Suche", sagt Havas.

Von der Wirklichkeit überholt
Mit der zunehmenden Verbreitung von Internet-Zugängen in Österreich und dem populärer werdenden World Wide Web verlor die Blackbox an Attraktivität. Den Sprung ins WWW vollzog die Online-Community zwar noch, sie verlor aber an Strahlkraft. Ende 1999 wurde der Betrieb über die Software FirstClass eingestellt, bereits 1998 war die Webversion blackbox.net verfügbar

"Die Blackbox war sowohl technisch als auch von den Inhalten her nicht mehr notwendig", sagt Havas. "Man musste sich nicht mehr in das Mailbox-System einwählen, um sich mit anderen auszutauschen.  Auch Inhalte gab es im Web schon genug."

In den 00er-Jahren tümpelte die Blackbox vor sich hin. Zwar hatten noch viele Leute ihre E-Mail auf blackbox.net, in den Foren wollten aber nur noch wenige diskutieren. Die Blackbox wurde wieder den Usern übergeben. Ein Versuch, die Community im Jahr 2009 als "Forum für Politik und Gesellschaft" wiederzubeleben, verlief erfolglos. "Die Nische, die wir schaffen wollten, war offenbar nicht attraktiv genug", meint Havas heute.

"Man muss wissen, wann es genug ist"
Im August beschloss der Verein schließlich die Blackbox zum 20-jährigen Jubiläum abzudrehen. "Man muss wissen, wann es genug ist", sagt Eisenriegler. Die E-Mail-Adressen werden gegen eine freie Spende weitergeführt.

Von der Blackbox haben die Gründer und Mitarbeiter viel gelernt. "Auf die Erfahrungen, die wir damals gesammelt haben, bau ich bis heute auf", sagt Eisenriegler, der die Firma Mediaclan leitet, die unter anderem Social-Media-Beratung anbietet: "Die technischen Möglichkeiten haben sich geändert, die Verhaltensweisen der Leute sind aber noch immer die gleichen."

Abschiedsparty
Bevor voraussichtlich Ende November der Stecker gezogen wird, gibt es am Samstag im Wiener Ost-Klub (1040 Wien, Schwarzenbergplatz 10) eine Abschiedsparty, bei der einige wohl auch wehmütig auf die Geschichte der Online-Community zurückblicken werden. "Es kommt etwas, erfüllt seinen Zweck, langsam baut sich was anderes auf, und das ganze geht wieder von vorne los", sagt Eisenriegler: "Die Karawane zieht weiter."

(futurezone) Erstellt am 08.11.2012, 06:00

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