© Harman/AKG

Scholarship of Sound
05/04/2011

„Computer machen Musik eintönig“

Für den Mastering-Ingenieur und Musikproduzenten Stefan Betke aka Pole hat der Einsatz von Computern als Musikinstrument die elektronische Musik verändert. Bis auf wenige Ausnahmen sei sie dadurch eintönig und austauschbar geworden, so Betke im futurezone-Interview. Beim AKG Scholarschip of Sound will er jungen Musikern seine Ideen mit auf den Weg geben.

von Barbara Wimmer

Neben der „Red Bull Music Academy“ gibt es mit dem „Scholarship of Sound“ seit letztem Jahr eine zweite Veranstaltungsreihe, die sich an junge Musiktalente aus Europa richtet. Die siebentägige Veranstaltung, die vom Kopfhörer- und Mikrofon-Hersteller AKG initiiert wurde, wird unter anderem von Experten wie der Detroit-Legende Carl Craig, dem britischen Star-Produzenten Ewan Pearson sowie Betke unterstützt. Die futurezone konnte mit dem Soundexperten, der als Mastering-Ingenieur „scape mastering“ und das Label „scape“ gegründet hat, über die Veränderung der elektronischen Musiklandschaft durch Computer und das Internet sprechen.

Sie sind Musiker, Produzent, Labelbetreiber und Mastering-Ingenieur. Wie lässt sich heutzutage mit Musik noch genug Geld zum (Über)Leben verdienen? Mit welchen dieser Tätigkeiten verdienen Sie Ihr Geld?
Das ist eine sehr knifflige Frage, die ich nur schwer beantworten kann, da es sehr individuell zu betrachten ist. Generell glaube ich, dass es schwerer geworden ist, seinen Lebensunterhalt nur durch die Musik zu bestreiten. Es ist aber nicht unmöglich. Ich denke, dass die Qualität der Arbeit wieder entscheidender wird, da ein Musiker bzw. Produzent sich nur von der Masse abheben kann, wenn er besonders gut ist. Da reicht einfach keine Laptop-Produktion im 0-8-15 Format mehr aus.

Sie sehen Qualität als Überlebensstrategie?
Ja. Ich denke, wir brauchen wieder viel mehr Qualität und Vielfalt, um mit Freude zu "über"-leben. Genau das finde ich in meiner eigenen Arbeit, die ich mit sehr hohen Maßstäben beurteile. Ich bin äußerst kritisch, bevor ich eine Platte veröffentliche oder einen CD Master abgebe. Deshalb kann es passieren, dass ich ein paar Jahre keine Platte mache, weil ich nicht zufrieden damit bin.

Macht es heutzutage als junger Musiker noch Sinn, seine Stücke an bekannte Labels zu schicken, oder ist es im Online-Zeitalter einfacher, seine eigene Musik selbst zu vertreiben?
Es kommt darauf an, was der Künstler will. Der Arbeitsaufwand, der mit der Verbreitung der Musik, egal ob auf Platte oder über das Netz, verbunden ist, ist enorm groß und sollte nicht unterschätzt werden. Dabei bleibt nicht mehr viel Zeit fürs eigentliche Musik machen. Als Künstler sollte man deshalb immer auf seine Kunst achten und sich nicht primär damit beschäftigen, wie man Musik vertreibt oder Abrechnungen überprüft. Ein Label nimmt einem Musiker diese zeitraubende Arbeit ab.

Sollte ein junger Künstler nach wie vor einer Verwertungsgesellschaft beitreten?
Ja.

Worauf kommt es heutzutage beim Musik machen an?
Es kommt heute mehr denn je auf die Qualität der Musik an. Ich glaube, wir brauchen diese Massen an Veröffentlichungen nicht wirklich, da der Großteil einfach irrelevant ist und nur die Kanäle verstopft. Labels waren immer auch Regulatoren dafür, was wirklich auf den Markt gehört und was direkt wieder verschwindet, weil es einfach nicht gut genug war. Alleine die Möglichkeit Musik im Internet veröffentlichen zu können sagt noch lange nichts über die Qualität dieser Veröffentlichung aus.

Die Digitalisierung hat die gesamte Musikindustrie verändert. Produzieren Sie selbst noch mit analogen Synthesizern oder ausschließlich mit digitaler Software?
Ich produziere ausnahmslos mit Synthesizern und nutze eher nur wenige Plug-ins. Alles entsteht an einem analogen Mischpult, auch wenn ich die Möglichkeiten der Nachbearbeitung am Computer als ergänzendes bzw. erweiterndes Instrument sehr schätze. Ich mag die Möglichkeiten, die sich durch diese Kombination ergeben. Ersetzen kann man die analogen Synthies jedoch auf keinen Fall.

Wie hat sich durch die digitalen Instrumente der Klang von Songs verändert?
Sie sind, bis auf wenige Ausnahmen, eintönig geworden. Austauschbar. Uniform. Sehr flach und eindimensional. Das merken wir immer öfter sowohl beim Mastern, als auch bei der Labelarbeit. Aber, wie gesagt, es gibt auch Ausnahmen, die man allerdings erst suchen muss. Ich mag dieses ausschließliche Vertrauen in die Computer-Technik nicht. Wer nicht lernt, einen Computer als Instrument richtig zu spielen, sondern nur die vorgegebenen Preset-Sounds nutzt, macht auch keine interessantere Musik. Man kann sie heutzutage lediglich leichter veröffentlichen.

Sie sind ja auch Mastering-Ingenieur. Heutzutage wollen viele Musiker bei ihren Tunes bereits bei der Bearbeitung die maximale Lautstärke rausholen. Wie geht man beim Mastering damit um?
Solche Tracks schicke ich zurück an den Kunden und wir versuchen, sie zu besprechen. Mastern kann man so etwas nicht mehr, da es bereits jedes dynamische Leben verloren hat. Dies ist ein Resultat des blinden Einsatzes von Kompressoren. Sie sind in jeder Software enthalten, viele verstehen allerdings nicht, was ein Kompressor eigentlich macht und wozu er gut ist.

Wie beim bereits erwähnten "Instrument" Computer, sollte ein Produzent auch lernen, wie man seine Plug-ins einsetzt. Er sollte die Klangeigenschaften studieren und mit anderen vergleichen. Erst dann ist ein sinnvoller Einsatz möglich. Presets, wie Maximizer oder Brickwall Limiter, sollten ignoriert werden. Die Idee, dass lauter gleich besser ist, stimmt nicht. Das ist immer noch trackabhängig.

Kommen wir zu Streaming-Modellen, Musik in der Cloud. Ist das für Sie ein Fort- oder Rückschritt?
Beides. Für den Austausch und die Diskussion freigegebener Musik ist dies ein sehr gutes Tool, aber auch hier sollte jeder selbst entscheiden, ob es nötig ist, jeden Track, den man fertig produziert hat (oder dieses auch nur glaubt), gleich online zu stellen. Ein bisschen Selbstkritik und Zurückhaltung tut manchmal gut.

Was ist Ihr bevorzugter Tonträger oder reicht Ihnen die Musik als MP3-File?
Ich nutze MP3-Files so wie ich früher die Kassetten genutzt habe – am Strand, beim Joggen, oder als Test für unterwegs. Wirklich Musik hören tue ich jedoch nur von Platten oder CDs. Allenfalls Wave-Files höre ich vom Computer, dann aber immer in 44.1 kHz und 16 Bit oder noch höher aufgelöst.

Was für Formate werden auf ihren Labels veröffentlicht?
Auf unseren Labels veröffentlichen wir auch nur Vinyl und CD. MP3s gibt es lediglich als Zusatzformat bei einigen Portalen, die es nicht höher aufgelöst anbieten. Auf unserem Label "slices of life" gibt es sogar ausschließlich Vinyl.

Was werden Sie den Schülern des AKG Scholarships of Sound auf den Weg mitgeben?
Eigentlich versuche ich, meinen Studenten Wege aufzuzeigen. Wege, um existierende Formate und Hilfsmittel miteinander vergleichen und verstehen zu können. Denn nicht das Ausschließen von Produktionsmitteln, sondern das Erweitern und Kombinieren macht Musik produzieren erst spannend. Ganz egal, ob es sich um eine Software oder eine Hardware handelt. Wenn jemand sein Instrument spielen kann, sich Zeit nimmt, die Musikgeschichte kennt, mit Freude bei der Sache ist und Kritik annimmt, wird auch etwas Gutes entstehen.

Die Workshops des AKG Scholarship of Sound finden vom 30. Juli bis 6. August in Berlin statt.

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