© Jonathan Worth

Interview
01/09/2012

"Computer müssen unsere Diener bleiben"

Der britische Buchautor und Blogger Cory Doctorow sagt einen Krieg um den Allzweck-Computer voraus. Im futurezone-Interview spricht der gebürtige Kanadier darüber, welche Rolle das iPad in dem Konflikt spielt, welche Industrien gegen offene Rechner und wie die Einschränkungen unser tägliches Leben beeinflussen werden.

von Jakob Steinschaden

Seit vielen Jahren setzt er sich für eine Liberalisierung des Urheberrechts ein, veröffentlicht seine Bücher kostenlos im Internet und tritt für ein offenes Internet und Datenschutz ein: Der in Kanada geborene Autor und Blogger Cory Doctorow (40) ist einer der bekanntesten Protagonisten der Copyright-Kriege. Doch seit kurzem hat er er satt, über das Thema zusprechen. Denn er sieht einen viel größeren Krieg heraufziehen, der unser Leben nachhaltig beeinflussen wird: “Der Krieg um den Allzweck-Computer”.

Doctorow befürchtet, dass Regierungen und Unternehmen zunehmends Interesse daran haben, die Funktionen von Computern zu beschneiden. So, wie man heute etwa von einem iPod keine Musik mehr auf einen anderen Computer übertragen könne, werde man in Zukunft immer tiefere Einschnitte in die Funktionen jeder Form von Rechner sehen - vom Auto bis zum 3D-Drucker. Im Rahmen des Hacker-Kongresses 28C3 in Berlin, auf dem der Autor einen mitreißenden Vortrag hielt, hat Doctorow mit der futurezone gesprochen.

futurezone: Sie prognostizieren einen drohenden Krieg um den Allzweck-Computer. Um was geht es in diesem Krieg?
Doctorow: Die Copyright-Kriege sind nicht das Ende des Kampfes darum, was Computer tun können oder nicht. Wenn ein Gesetzgeber heute sagt, ich will einen Computer, der alles kann außer einer schlechten Sache, dann hört sich das vernünftig an. Allerdings ist das so, als würde man von einem Autohersteller verlangen, ein Rad zu designen, das Bankräubern die Flucht vereitelt. Einen Computer zu entwerfen, der "the one bad thing" nicht ausführen kann, ist derzeit nicht möglich. Was ihm aber am nächsten kommt, ist Spionage-Software, die beobachtet, was man mit dem Computer tut. Wenn man etwa ein nicht genehmes Programm startet...

Zum Beispiel ein Programm wie BitTorrent, mit dem man nicht lizensierte Downloads wie Filme und Musik beziehen könnte?

Ja, oder ein Programm, dass die falschen Dateien kopiert, die falschen Befehle ausführt oder die falsche 3D-Form ausdruckt. Wenn man so ein "böses" Programm startet, dann versucht die Spionage-Software, es abzubrechen oder zu sabotieren.

Welche Rolle spielen etwa Musik-Streaming-Dienste wie Spotify in diesem Krieg? Mit ihnen erlebt der alte verhasste Kopierschutz eine Renaissance.

Streaming ist das Downloaden einer Musikdatei, die man nicht länger speichern kann. Die Datei wird wieder weggeworfen, sie gehorcht dir nicht. In der Welt der Allzweck-Computer ist das aber kein nachhaltiges Geschäft, weil man mit Tricks die Musik doch speichern kann. Deshalb befürchte ich, dass auf Streaming spezialisierte Firmen den Ruf nach Computern verstärken werden, deren Funktionen eingeschränkt sind.

Sind Geräte wie Apples iPad oder Amazons Kindle Fire bereits solche Computer, die von den Herstellern beschnitten wurden?

Im Prinzip sind das noch Computer, die alles können. Aber sie haben Software installiert, die den Nutzer bespitzelt, die bestimmte Prozesse sperrt, die verhindert, dass man jeden beliebigen Code darauf ausführen kann. Diese Computer werden gesperrt verkauft, aber man kann sie noch mit Tricks entsperren. Das ist noch der Unterschied zum Computer der Zukunft, der nicht mehr entsperrt werden kann.

Wie weitreichend sind die Konsequenzen aus diesem Krieg um den Allzweck-Computer?
Computer sind mittlerweile in jedem Produkt. Wir haben heute keine Autos mehr, sondern fahrende Computer, keine Hörgeräte, sondern Computer in unseren Ohren. Morgen werden wir in Computern sitzen, Computer ständig mit uns herumtragen, Computer in unseren Körpern tragen, und fremde Firmen werden sie ohne unsere Zustimmung kontrollieren dürfen. Das ist ein Albtraum.

Wer sind die Akteure in diesem Krieg?

Heute gibt es einen sehr kleinen Kreis an Leuten und Unternehmen, die den Allzweck-Computer als Bedrohung einstufen. Man findet sie vor allem in der Unterhaltungsbranche. Aber künftig ist es vorstellbar, dass die Pharmaindustrie, Gentechnik-Firmen, Autohersteller, Waffenproduzenten, die Pornobranche - also eine riesige Gruppe mit viel stärkeren Lobbys als die Unterhaltungsindustrie - ein Problem mit dem Allzweck-Computer bekommen werden.

Wie wird uns das in unserem täglichen Leben beeinträchtigen?

In Pennsylvania gibt es eine Schule voller reicher Mittelklasse-Kids, die niemals gedacht hätten, vom Staat unterdrückt zu werden. Die Schule ist so reich, dass jeder Schüler ein MacBook bekommen hat, das im Unterricht verpflichtend wurde. Und auf diesen Computern wurde Spyware installiert, welche die Kamera heimlich aufdrehen konnte. So wurden tausende Fotos von den Schülern und ihren Familien zu Hause gemacht, wach oder schlafend, angezogen und nackt, und diese Fotos wurden an die Schule geschickt. Der einzige Weg, wie man das verhindern kann, ist, auf unserem Recht zu bestehen, zu wissen, welche Programme auf einem Computer laufen. Wir brauchen offene Software und offene Computer, Computer müssen unsere ehrlichen Diener unter unserer Kontrolle bleiben und dürfen nicht zu Spionen im Dienste von Dieben und Kontroll-Freaks werden.

Wenn Computer unsere Diener bleiben - welche positiven Effekte haben sie auf unser Leben?

Dank Computern ist der Aufwand, um Aktionen, die viele Menschen involvieren, stetig gesunken. Um etwa eine Bewegung wie “Occupy” ohne Internet zu organisieren, bräuchte man eine strikt organisierte Partei. Früher waren Großaktionen auf Organisationen beschränkt, die wie das Militär organisiert sind. Heute sind solche Aktionen auch Menschen zugänglich, die nicht organisiert sind und keine gemeinsamen Ziele haben. Vor 15 Jahren war die Hauptbeschäftigung eines Aktivisten, Briefe in Kuverts zu stecken und diese zu verschicken. Heute braucht man weniger als ein Prozent seiner Zeit dazu, um Leute über etwas zu informieren, und 99 Prozent der Zeit kann man damit verbringen, etwas gemeinsam zu unternehmen. Aktivismus hat enorm von der Automatisierung und Koordinierung über Netzwerke profitiert, und wir werden mehr und mehr davon sehen.