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Diskussion
09/20/2016

"Die Zeitung ist ein ultimativer Browser"

Bei den Österreichischen Medientagen wurde die Zukunft des Gedruckten erörtert. Sie ist wohl eine Frage der Perspektive.

von Patrick Dax

"Zeitschriften und Zeitungen sind mit der LP verwandt, die Musik spielt in der Zukunft in der Nische", sagte Oliver Eckert, Chef des digitalen Arms des deutschen Hubert Burda Verlags am Dienstag bei den Österreichischen Medientagen am Wiener WU Campus. Dort wurde bei einer Diskussionsrunde die Zukunft des Gedruckten verhandelt. Eckert gab in gewisser Weise den Agent Provocateur. "Digital ist ein komplett überlegenes Medium und wird das Spiel gewinnen", zeigte sich der Geschäftsführer von BurdaForward (u.a. Focus online und Huffington Post Deutschland) überzeugt.

Seine Aussagen blieben nicht unwidersprochen. "Regional spielt Gedrucktes weiterhin eine große Rolle", sagte Hermann Petz von der Moser Holding, zu der unter anderem die Tiroler Tageszeitung gehört. "Ich sehe nicht, warum das nicht auch in Zukunft so sein sollte", sagte der Verleger unter Verweis auf neue regionale Printprodukte seines Verlags. Der Wandel zum Digitalen erfolge viel langsamer als gemeinhin angenommen. Die Tiroler Tageszeitung würde von 90 Prozent ihrer Leser heute auch in gedruckter Form gelesen "Es zeichnet sich nicht ab, dass Print keine Zukunft hat."

"Effizientes Medium"

"Die Zeitung ist ein ultimativer Browser. Es gibt kein effizienteres Medium", sagte Eugen Russ, dessen Medienkonzern Russmedia sowohl mit gedruckten (u.a. Vorarlberger Nachrichten) als auch mit Online-Produkten international aktiv ist. Wo sonst könne man in kurzer Zeit hunderte Meldungen überblicken und werde nichts wichtiges übersehen. Das "Zeitungsgefühl" lasse sich auch ins Digitale übertragen, etwa auf Tablets. Aber auch das Gedruckte müsse sich verändern, meinte Russ. "Wir sind guter Dinge, dass wir die nächsten zehn Jahre das Geschäftsmodell hinkriegen."

Im deutschsprachigen Raum habe die Anzahl der Print-Titel in den vergangenen 15 Jahren um fast 40 Prozent zugenommen, sagte Gerald Grünberger vom Verband Österreichischer Zeitungen (VÖZ). "Es hat eine starke Differenzierung gegeben. Aber die Märkte gibt es." Weltweit sei das Gedruckte sogar im Steigen, ließ der VÖZ-Geschäftsführer aufhorchen, bevor er seine Aussage dahingehend präzisierte, dass es in Indien und China starke Zuwächse bei Zeitungslesern gebe.

"Nichts schönreden"

"Wir sollten uns nichts schönreden, sondern uns mit der Situation auseinandersetzen", mahnte Mathias Müller von Blumencron, der bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) die digitalen Agenden verantwortet. "Wir haben die besten Zeiten für Journalismus, aber eine dramatische Krise im Geschäftsmodell", sagte der frühere Spiegel-Online-Chef: Entscheidend ist es, ob es gelinge, die Geschäftsmodelle zu transformieren. Dazu brauche es sowohl beim Gedruckten als auch beim Digitalen eine Kultur des Experiments.

Innovationen seien nur in getrennten Einheiten möglich, sagte Russ. Man müsse sich auch von dem Gedanken verabschieden mit einer Marke alle erreichen zu können. "Wir versuchen gar nicht mit den Vorarlberger Nachrichten so hip zu sein, dass wir bei den 16-Jährigen durchkommen", meinte der Verleger, der allein in Vorarlberg 15 Medienmarken unterhält. "Wir haben in Summe mehr Reichweite, als wir jemals hatten."

Auch BurdaForward-CEO Eckert hält wenig vom integrierten Arbeiten. Print und Online seien bei Focus und Focus online komplett getrennt. "Wir schauen nicht auf das, was unsere Magazinkollegen machen. Jeder muss seinen eigenen Weg gehen. Alles andere würde uns langsam machen."

Paid Content?

Wie aber wird sich Journalismus in Zukunft finanzieren? "Wir brauchen eine Bezahlkomponente", sagte FAZ-Digitalchef Blumencron. "Wir haben die Zeitung und digitale Produkte, die dem Charakter der Zeitung entsprechen. Das E-Paper und die App FAZ Plus hätten 50.000 Abonnenten. "Das hat uns positiv überrascht." Vorstellbar sei es dass man künftig auch im Web und bei der auf mobile Leser zugeschnittenen App Der Tag Premium-Sektionen einführen werde.

2016 habe eine Wende gebracht, sagte Russ. Globale Player wie der Guardian, Buzzfeed, Mashable oder die Huffington Post, die auf kostenlose Inhalte setzen, hätten zu stottern begonnen. Journalismus und redaktionell gestaltete Medien werde man in Zukunft nicht aus Werbung alleine finanzieren können, meinte der Verleger. Entscheidend sei es einzigartige Inhalte zu haben. "Wenn wir nur Inhalte wiederverwerten, die anderswo verfügbar sind, dann sollten wir nicht davon ausgehen, dass die Leser bezahlen."

Paid Content sei allenfalls in der Nische vorstellbar, sagte BurdaForward-CEO Eckert. Seine Medien würden zwei Drittel ihrer Erlöse mit Werbung erwirtschaften, ein Drittel komme aus E-Commerce-Aktivitäten. Den Einwand, dass Focus online und Huffington Post Deutschland viele ihrer Inhalte von anderen Medien abschreiben würden, ließ Eckert nur zum Teil gelten. Auch das erste iPhone sei in punkto Gesprächsqualität hinter der Konkurrenz von Nokia zurückgeblieben. Heute gebe es Nokia nicht mehr, führte Eckert aus: "Die digitalen Medien werden mit zunehmender Profitablität auch qualitativ besser werden."