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Musik in der Wolke
05/11/2011

"Es geht nicht mehr darum, Musik zu verkaufen"

Mit Google und Amazon drängen große Technologieunternehmen auf den Markt für Cloud-basierte Musikangebote. Die großen Labels verweigern ihnen jedoch die Lizenzen. Für den britische Musikmanager Peter Jenner, der unter anderem mit Pink Floyd zusammenarbeitete, ist das ein Zeichen "geistiger Armut". Cloud-basierten Musikangeboten schreibt Jenner im Gespräch mit der futurezone großes Potenzial zu.

von Patrick Dax

futurezone: Nach Amazon hat am Dienstag auch Google einen Cloud-basierten Musikdienst gestartet. Weil aber die Lizenzen mit den Tonträgerunternehmen fehlen, sind diese Angebote wenig mehr als ein Musikspeicher im Netz. Wie beurteilen Sie die Erfolgsaussichten dieser Dienste?
Peter Jenner: Das ist schwer zu sagen. Cloud-Musikdienste haben ein großes Potenzial. Diese Dienste können den Musikgeschmack ihrer Nutzer verstehen und ihnen helfen neue Musik zu entdecken. Es liegt in der ökonomischen Logik dieser Dienste, dass sie ihren Nutzern neben einem Speicherplatz zahlreiche weitere Optionen bieten. In einem nächsten Schritt könnten sie etwa gegen Aufzahlung Zugriff auf ein breites Repertoire an Musik ermöglichen. Darauf aufbauend könnten zahlreiche weitere Services angeboten werden, etwa Musikfiles in höherer Qualität, Zusatzangebote wie etwa Videos, Lyrics oder Bilder, aber auch Konzerttickets sowie Interaktionsmöglichkeiten mit den Künstlern.

Davon könnte auch die Tonträgerindustrie profitieren. Es sieht allerdings so aus, als würden die Tonträgerunternehmen und die Musikverlage einmal mehr versuchen, die Entwicklung solcher Angebote zu blockieren, indem sie es nicht schaffen, Lizenzen bereitzustellen, die dem Geschäftsmodell dieser Dienste entsprechen.

Vertreter der Tonträgerunternehmen haben auch die Legalität dieser Online-Musikspeicherlösungen in Frage gestellt.
Wenn es erlaubt ist, Musik von CDs zu rippen und auf einer Festplatte zu speichern, warum sollte es dann nicht erlaubt sein, Musik auf einer Festplatte in der Cloud zu speichern? Das Problem ist, dass niemand weiß, woher ich meine Musik habe. Ich bin jetzt 68 Jahre alt und habe über 40 Jahre lang Platten und später CDs gekauft. Ich habe keine Möglichkeit zu beweisen, dass ich für die Musik auch bezahlt habe. Selbst wenn ich die Musik aus unautorisierten Quellen heruntergeladen oder von Freunden bekommen hätte, könnte das nicht festgestellt werden. Es kann auch nicht die Aufgabe von Google oder Amazon sein, für die Tonträgerindustrie Polizei zu spielen.

Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass diese Cloud-basierten Dienste erfolgreich sein werden, wenn die Nutzer beweisen müssen, dass sie die Musik, die sie hochladen auch gekauft haben oder wenn sie pro Stream oder Download bezahlen müssen.

Warum ist es so schwierig, Lizenzen für solche Angebot zu bekommen?
Die Tonträgerunternehmen wollen den Preis für Musik künstlich hochhalten. Sie verdienen noch immer drei Viertel ihres Geldes mit dem Verkauf physischer Tonträger. Die Umsätze aus dem Digitalgeschäft können damit nicht mithalten. Sie versuchen, ihren Markt zu schützen. Innerhalb dieses Marktes gibt es einen kleinen Anteil von Leuten, die sehr viel Geld für Musik ausgeben. Sie befürchten, dass sie diese Einnahmen verlieren, wenn es Angebote gibt, über die gegen eine geringe Gebühr auf die gesamte Musik zugegriffen werden kann.

In einer solchen Einstellung zeigt sich die geistige Armut der Tonträgerindustrie. Sie sollte sich darum kümmern, welche Dienste sie ihren Kunden im Rahmen der verfügbaren Technologien anbieten können. Stattdessen wollen sie die digitalen Anbieter dazu zwingen, wie Verkaufsstände oder Plattenläden zu agieren. Das ist dumm und mittlerweile sollten sie auch begreifen, dass sie damit nur verlieren können.

Cloud-basierende Dienste setzen einen anderen Zugang zur Bezahlung von Musik voraus. Es geht nicht mehr darum, Musik zu verkaufen. Diese Dienste sind wie Radio. Wir können über Werbung oder Abonnements Geld verdienen. Je mehr jemand bereit ist zu bezahlen, desto mehr wird er bekommen.

Die Manager der Tonträgerindustrie haben aber auch kein langfristiges Interesse am Musikgeschäft. Sie wollen nur sicherstellen, dass sie ihre nächste Prämie bekommen. Wenn sie ihren Job noch ein Jahr länger machen, bedeutet es für sie Millionen von Dollar an Prämien. Wenn sie also die Möglichkeit haben, Entwicklungen zu verlangsamen, werden sie davon Gebrauch machen.

Die Musikkonzerne haben aus den Entwicklungen der vergangenen Jahre nichts gelernt?
Es gibt in der Tonträgerindustrie ein totales Versagen mit den neuen Technologien umzugehen und neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Was Napster und andere Online-Tauschbörsen mit dem Musikgeschäft gemacht haben, ist im Vergleich zu den Möglichkeiten Cloud-basierter Musikdienste wie ein Teekränzchen im Pfarrhaus. Denn die Möglichkeiten solcher Angebote sind weit größer als jene, die Tauschbörsen bieten, aus denen sie lediglich Songs herunterladen können.

Wenn es den Anwälten der Tonträgerindustrie gelingt, die Nutzungsmöglichkeiten dieser Dienste einzuschränken, werden wohl "sublegale" Angebote entstehen, die rechtlich nicht so leicht zu fassen sind, weil sie etwa von Ländern aus betrieben werden, die mit dem Copyright-Regime nicht viel am Hut haben.

Wie werden sich Cloud-basierte Angebote von Google, Amazon und möglicherweise bald auch Apple auf bestehende Streaming-Dienste wie Spotify, Simfy oder We7 auswirken?
Dienste wie Spotify und We7 sind vielleicht was die Zahl ihrer Nutzer betrifft erfolgreich. Profitabel sind sie aber nicht. Sie könnten Dienstleister für Google, Amazon oder Apple werden oder etwa mit Internet-Anbietern zusammenarbeiten und ihnen technische Lösungen für Musikangebote bieten.

Spotify steht zum Teil auch im Besitz der Labels, die Anteile daran halten. Wenn die Labels Spotify fördern, gewinnen auch ihre Anteile an Wert. Es stellt sich allerdings die Frage, ob es das Anliegen der Musikkonzerne sein sollte, den Wert ihrer Anteile zu steigern oder ob sie Geschäfte im Interesse ihrer Künstler machen sollen.

Sie haben sich in den vergangenen Jahren wiederholt für eine Kultur-Flatrate stark gemacht, bei der gegen eine monatliche Gebühr Musik aus dem Netz heruntergeladen und genutzt werden kann.
Ich bevorzuge eine solche Flatrate und darauf aufbauende zusätzliche kostenpflichtige Angebote auch weiterhin. Früher oder später wird es auch in eine solche Richtung gehen. Die Unterscheidung zwischen Download und Stream wird durch Cloud-basierte Angebote ohnehin aufgehoben. Bei Spotify kann man gegen eine monatliche Gebühr von rund zehn Euro Songs auch am Handy oder PC speichern und auch offline nutzen. Für einen Download von iTunes bezahlt man rund einen Euro. Ich glaube nicht, dass es dafür noch lange einen Markt geben wird. Ich kann mir zur Zeit auch nicht vorstellen, dass die Tonträgerindustrie überleben wird.

Wie sehen Sie die Zukunft des Musikgeschäfts? Wer werden die großen Player sein?
Ich würde mein Geld auf die Technologieunternehmen setzen. Die Telekommunikationsunternehmen und die Apples, Googles und Amazons sind viel größer als alle Tonträgerunternehmen zusammen. Nach dem Gesetz des Dschungels ist es für gewöhnlich auch so, dass die größten und bösesten Tiere am Ende gewinnen.

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Peter Jenner ist seit mehr als 40 Jahren im Musikgeschäft tätig. Er entdeckte und managte die britische Rockband Pink Floyd und vertrat unter anderem auch The Clash, Mark Bolan, Ian Dury und Billy Bragg. Jenner betreibt in London die Agentur Sincere Management und ist Generalsekretär des International Music Managers Forum. In den vergangenen Jahren machte er sich für die Einführung einer Kulturflatrate für Musik aus dem Netz stark. Über Cloud-basierte Musikdienste schrieb Jenner im Blog der Musikmesse Midem:

Peter Jenner: On Locker Services

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