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Digital Life
10/14/2020

"Es gibt keinen Sex mit Robotern"

Im Rahmen der Filmpremiere von "Robolove" wurde über Frauen- und Männerbilder diskutiert. Auch Sexroboter waren Thema.

von Franziska Bechtold

Der Dokumentarfilm Robolove liefert einen Einblick, wo humanoide Roboter zukünftig eingesetzt werden könnten und was sie können - und nicht können. Der Film verzichtet auf Kommentare und beschränkt sich auf das bloßen Sichtbarmachen von Möglichkeiten und Zukunftsvisionen. Bei einer Podiumsdiskussion im Rahmen der Langen Nacht der Forschung nach der Filmpremiere sprachen Regisseurin Maria Arlamovsky, Soziologin Laura Wiesböck und die Leiterin des Fachbereichs für Genderkompetenz der TU Wien, Brigitte Ratzer, darüber, welche Genderrollen Robotern zugeteilt werden und wie man Sexroboter aus einer feministischen Perspektive betrachten kann.

Sexroboter gibt es (noch) nicht

Bevor die Diskussion begann, musste Maria Arlamovsky allerdings etwas klarstellen: So weit entwickelt, wie die Hersteller glauben machen wollen, seien die Roboter noch gar nicht. „Wenn man davorsteht, muss man ganz schön lange warten, bis sie tatsächlich etwas machen. Dieser Magic Moment, auf den wir irgendwie alle gehofft haben, hat nicht stattgefunden. Hinter einer Roboterfrau standen oft vier bis sieben Männer, die versucht haben, sie zu bedienen.“

Auch die Sexroboter, die man im Film sieht, würden (noch) nicht existieren, erklärt Laura Wiesböck: „Es gibt Real Dolls. Das sind Puppen mit Heiz- und einem Sound-System. Sie können stöhnen, wenn man sie an bestimmten Punkten angreift. Aber Roboter, mit denen man sich auch unterhalten kann, gibt es noch nicht.“

Alle Sexroboter-Prototypen, die im Film gezeigt werden, sind weiblich. Ein Trend, den man auch im Alltag beobachten kann, etwa bei Siri oder Alexa. Brigitte Ratzer hat dafür eine Erklärung: „In Bereichen, in denen es um Krieg oder Security geht, werden extrem maskuline Roboter gebaut. Geht es darum, mit Menschen zu agieren, fürchten wir uns vor Männern und da darf es dann eine Frau sein“. Das solle die Interaktion vereinfachen. Der Roboter dürfe nicht widersprechen und müsse unterwürfig sein.

„Das ist ein Spiegelbild unserer Fantasien“, sagt Ratzer. Man sollte sich daher fragen, ob diese Geschlechterrollen die Vorstellung der Gesellschaft davon abbilden, wie Männer und Frauen sind.

Staubsauger wird zum Haustier

Hinzu kommt eine Emotionalisierung, die etwa über das sogenannte „Kindchenschema“ angesprochen wird. Dafür brauche es laut Ratzer nicht mal einen Roboter mit großen Kulleraugen, sondern schon ein Staubsaugerroboter reiche aus. „Als Erstes bekommt der Roboter einen Namen und ist dann ein ‚er‘ oder eine ‚sie‘. Das hat den Status eines Haustiers. Wenn ein normaler Staubsauger kaputt ist, wollen wir einen neuen. Wenn ein Staubsaugerroboter kaputt ist, wollen wir ihn reparieren. Es ist wahnsinnig einfach, Menschen dazu zu bringen, Beziehungen zu Maschinen aufzubauen“.

Mit den Pronomen und den weiblichen und männlichen Artefakten, etwa der Stimme bei Alexa und Siri, gehe auch eine Wahrnehmung einher, wie Männer und Frauen sein sollen, damit eine Interaktion mit ihnen angenehm ist.

"Vergewaltigung"

Dazu gehören auch die Sexroboter. „Sie beruhen auf dem patriarchalen System, dass man positive Erfahrungen mit Frauen macht. Real Dolls oder Sexroboter können keine Einwilligung geben und deshalb gibt es keinen Sex mit ihnen, das ist eine Vergewaltigung. Das wird aber in diesem patriarchalen System nicht so gesehen. Bei Kindersexpuppen gibt es viel häufiger eine Abwehrhaltung, weil Pädokriminalität als Straftat stärker etabliert ist“, erklärt Laura Wiesböck.

Hinter der Annahme, Vergewaltigungen könnten durch solche Puppen reduziert werden, stecke laut der Soziologin ein schlechtes Männerbild: Das sexuelle Gewalt durch Männer an Frauen unvermeidbar sei.

Während der Dreharbeiten konnte Maria Arlamovsky eine ähnliche Meinung von Sexarbeiterinnen in Barcelona einholen. Dort gebe es die Sorge, dass es zu vermehrten Übergriffen führen könnten, wenn sexuelle Fantasien, die gesellschaftlich nicht tragbar seien, an Sexpuppen ausgelebt würden.

Harmony Baby

Im Film erklärt ein Hersteller solcher Sexpuppen, sie seien nur Gesprächspartner, gegenüber denen man mit seinen Bedürfnissen ehrlich sein könne. Laura Wiesböck sieht dabei aber einige Probleme. Zum Beispiel, warum so ein Roboter dann „Harmony Baby“ heiße und überdurchschnittlich ausgeprägte sekundäre Geschlechtsmerkmale habe. „Für mich war Schmerzvermeidung hier ein zentrales Thema, also das Vermeiden von zwischenmenschlicher Kränkung und Ablehnung.“

Das spiegele unter anderem das kapitalistische System wider, das auf Schmerzvermeidung ausgerichtet sei. „Es geht darum, nützlich und produktiv zu sein und Schmerz verhindert das, weil es den Selbstwert mindert.“ Verliebt sein gehe mit einem Kontrollverlust einher und das gelte es zu vermeiden. Zudem würde heute im Männlichkeitsbild Verletzlichkeit mit dem Verlust der Männlichkeit gleichgesetzt.

Die gesamte Diskussion zum Nachschauen:

Solche Sexroboter mögen noch in weiter Ferne liegen, doch kleine Veränderungen im Alltag und in der weiteren Entwicklung von Androiden, Robotern und Sprachassistenten könnten bereits Veränderungen bewirken. Ratzer schlägt vor, genderneutrale Stimmen zu verwenden und neue Darstellungen entwickeln. „Das würde uns das Problem abnehmen, ständig Ideen davon zu generieren, wie Menschen sind und sein sollen. Stattdessen könnte man ganz lustige, queere Sachen machen. Ich sehe das als keine Einbahnstraße, gefügige Sexpuppen und Hausdiener produzieren zu müssen.“

Kein negatives Technik-Bild

Gefragt seien hier Geldgeber und staatliche Förderstellen für die Forschung. „Man muss Dinge verlangen, die gar nicht im Angebot sind, technisch aber leicht machbar sind“, glaubt Ratzer. Zudem sprich sich Arlamovsky für mehr Frauen in der Technik aus, die bei der Entwicklung mitmischen. Ein negatives Bild von Technik wolle man aber nicht entwerfen. Sie werde täglich von jedem genutzt und entstehe nicht in einer geheimen Randzone, sagt Ratzer: „Wir müssen herausfinden, was wir mit Technik tun. Sie ist von uns gemacht und sagt mehr über uns aus als über ihre Möglichkeiten.“

"Robolove" läuft seit 9. Oktober in den österreichischen Kinos. Die futurezone ist Medienpartner, Redakteurin Franziska Bechtold moderierte die Veranstaltung.

14. Oktober, Linz, Moviemento, Filmbeginn: 18:00 Uhr
Special Screening in Kooperation mit dem Robopsychology Lab der Johannes Kepler Universität Linz
Im Anschluss Gespräch mit Maria Arlamovsky & Martina Mara (JKU), Moderation: Katharina Riedler

15. Oktober, Wien, Stadtkino im Künstlerhaus, Filmbeginn: 18:00 Uhr
Sonderscreening mit der Österreichischen Gellschaft für Psychosomatik in Gynäkologie und Geburtshilfe (Psygyn)
Im Anschluss Gespräch mit Maria Arlamovsky & Eva Thurner (Fachärztin für Frauenheilkunde und spezielle Psychosomatik)

16. Oktober, Wien, Stadtkino im Künstlerhaus, Filmbeginn 19:30 Uhr
Sonderscreening in Kooperation mit Ottobock Prothesen
Im Anschluss Gespräch zum Spannungsfeld zwischen emotionaler Bedeutung einer Prothese und dem funktionellen Nutzen mit Maria Arlamovsky, Karin Harasser (Kunstuniversität Linz), Adam Wehsley-Swiczinksy (Industriedesigner, AWS Desingteam), Martin Wehrle (Produktmanager Handprothetik Ottobock); Moderation: Philipp Kampas

19. Oktober, Innsbruck, Leokino, Filmbeginn 18:00 Uhr
Sonderscreening zum Weltbioethiktag in Kooperation mit der Medizinischen Universität Innsbruck
Im Anschluss Gespräch mit Maria Arlamovsky, Doris Eibl (Kulturwissenschaftlerin Uni Ibk), Anne Siegetsleitner (Philosophin Uni Ibk)
Moderation: Gabriele Werner-Felmayer

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