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Digital Life
10/08/2020

"Roboter werden sich nie wirklich um unser Wohlergehen scheren"

Im Film "Robolove" wird der Frage nachgegangen, ob Roboter gegen Einsamkeit helfen können. Wir haben nachgefragt, was das mit unserer Psyche macht.

von Franziska Bechtold

Roboter und Androiden soll das Leben einfacher und besser machen. Sie sollen helfen, „lästige“ Aufgaben übernehmen, uns nicht verurteilen und vielleicht auch Einsamkeit bekämpfen. In Maria Arlamovsky Dokumentation "Robolove" fragt die Regisseurin nach, ob das schon möglich ist - unter anderem bei Matt McMullen, dem Produzenten von Sex-Roboter.

Er sieht in den Robotern eine Möglichkeit für Menschen, Nähe zu finden, wenn sie diese nicht von anderen Menschen bekommen können. „In einer Beziehung hält man bestimmte Aspekte der eigenen Persönlichkeit zurück, weil wir denken, dass der Partner das vielleicht nicht mag. So gesehen denke ich schon, dass künstliche Intelligenz und Roboter uns sehr nützlich sein können. Dann können wir einfach wir selbst sein, ohne beurteilt zu werden“, sagt er. Doch stimmt das wirklich? Können Roboter dafür sorgen, dass Triebe befriedigt werden, ohne dass jemand zu Schaden kommt?

Stereotype Geschlechterrollen

So ist nicht jede sexuelle Fantasie einfach nur etwas, für das man sich schämt. Erinnert man sich an die Kinder-Sexpuppen, die etwa bei Amazon in Umlauf waren, so liegt die Befürchtung nahe, dass Grenzen ausgelotet werden, seien es Pädophilie oder Gewaltfantasien. „Einerseits spricht man vom Katharsis-Effekt, also dass man eine Fantasie einmal auslebt und dann ist es vorbei. Andererseits könnte es noch verstärkt werden und man gibt sich vielleicht nicht mehr mit der Maschine zufrieden“, erklärt Martina Mara, Professorin für Roboterpsychologie an der JKU Linz, im Gespräch mit der futurezone.

McMullen verteidigt seine Sexroboter im Film mit der Aussage, seine feministische Frau habe ihn auf die Verkaufsidee gebracht. Damit wehrt er sich gegen den Vorwurf, dass so veraltete Weltbilder gefördert werden. Mara bewertet die zumeist weiblichen humanoiden Roboter anders: „Viele Sexroboter verfestigen sehr traditionelle, sehr stereotype Geschlechterrollen. Sie sind passive Figuren, mit denen man machen kann, was man möchte. Aus feministischer Perspektive wird so eine Rückkehr von stereotypen Mustern gestärkt“.

Auch die fehlende Scham und Ehrlichkeit sei nicht vorausgesetzt, wenn man mit Androiden umgeht. So haben bereits in den 1990er Jahren Studien ergeben, dass Menschen dazu tendieren, soziale Verhaltensweisen auf die Interaktion mit Computern zu übertragen. Sehen diese Roboter dann auch noch so aus oder klingen wie Menschen, würde das noch verstärkt. „Es gibt Studien, die zeigen, dass man gegenüber Computern ehrlicher ist, weil man glaubt, der Roboter bewertet nicht. Meine Hypothese wäre aber: Desto menschenähnlicher ein Roboter, desto stärker achtet man auch wieder auf eine vorteilhafte Selbstdarstellung“, so Mara.

"Bitte" und "Danke"

So ergab eine Studie etwa, dass 54 Prozent der Besitzer von Smarthome-Geräten mit Sprachassistenten wie Alexa, Siri oder dem Google-Assistant, häufig oder gelegentlich „Danke“ sagen, 19 Prozent sagen sogar regelmäßig „Danke“. Wegen der Roboter braucht man das freilich nicht zu tun, denn die haben kein Empfinden: „Das Argument dafür ist ein anderes, nämlich die Frage, ob sich Muster der Interaktion mit Maschinen auch auf den zwischenmenschlichen Kontakt übertragen“. Lerne man etwa, mit weiblichen Sprachassistenten wie Alexa oder Siri mit einem Befehlston zu sprechen könnte es dazu führen, auch im realen Raum so mit Frauen umzugehen.

Tatsächlich haben Google und Amazon bereits darauf reagiert, dass mit Sprachassistenten häufig in einem Befehlston gesprochen wird, auch weil die KI klare Fragen und Anweisungen braucht. So bieten beide Unternehmen Funktionen an, die verhindern sollen, dass sich Kinder durch den herben Umgangston schlechte Manieren aneignen. 2018 führte Amazon im Rahmen des kostenpflichtigen Kids-Abos die „Magic Word“-Funktion ein, wie die BBC berichtete. Sie belohnte Kinder, die „Bitte“ und „Danke“ sagten, wenn sie den Sprachassistenten nutzen. Alexa reagierte darauf mit Antworten wie „Vielen Dank, dass du freundliche fragst“ oder „Gern geschehen“. Im selben Jahr führte Google für alle Nutzer das gleiche Feature unter dem Namen „Pretty Please“ ein. Mattel hatte eine ähnliche Idee mit ihrem kinderfreundlichen Smartspeaker „Aristotle“, der überhaupt nur reagierte, wenn man „bitte“ sagt. Allerdings scheiterte man noch vor der Markteinführung am mangelnden Schutz der Privatsphäre.

"Wir reagieren sozial auf Computer"

Solche sozialen Umgangsformen sollen auch dabei helfen, Einsamkeit zu bekämpfen. Zumindest wenn es nach Ulises Cortés geht. Der Professor für Künstliche Intelligenz spricht in "Robolove" vom Potenzial von Robotern: „In Europa gibt es viele ältere Menschen, die sehr einsam sind. Eine sinnvolle Möglichkeit, die Einsamkeit zu besiegen, ist, einen Roboter zu besitzen.“ Man müsse also neue Wege finden und Roboter seien dafür optimal.

Das ist zumindest zu einem gewissen Grad möglich, wenn auch mit Grenzen findet auch Mara: „Wir reagieren sozial auf Computer. Wenn wir uns auf die Simulation einlassen, wird das zum Teil funktionieren, dass wir das als soziale Ansprache empfinden. Aber der Roboter wird sich niemals wahrhaftig um mein Wohlergeben scheren“. Vielmehr könnten solche Systeme helfen, den Kontakt zu anderen Menschen herzustellen, wenn man das selbst nicht kann. Etwa ein Assistenzroboter der eine Videokonferenz mit den Enkelkindern aufsetzen kann.

Kindchen-Schema

Allerdings sollte man auch mit Assistenzrobotern aufpassen, so Mara. Denn die könnten ganz einfach niedlich und nett designet werden, mit großen Kulleraugen und rundlichen Formen. Dann greife das Kindchen-Schema und man findet den Roboter süß. „Dadurch werden wir potenziell aber auch manipulierbar. Wenn man persönliche Daten dann schneller rausrückt, lässt sich das etwa für Social Engineering ausnutzen“, so Mara. Ein Beispiel, wie gut das funktioniert, hat ein Experiment in Belgien gezeigt. Ein niedlicher Roboter hat es mit einer Pizza bewaffnet problemlos geschafft, in einen Hochsicherheitstrakt zu gelangen. Gesteuert wurde er von Wissenschaftlern. Das konnte man aber nicht sehen, da nur der sympathische Roboter agierte, dem blind vertraut wurde.

Maria Arlamovskys Film zeigt aber auch, dass Roboter noch weit davon entfernt sind, wirkliche Interaktionen wie Unterhaltungen mit Menschen zu ermöglichen. Ab 9. Oktober ist er in Österreichischen Kinos zu sehen. Die Premiere feiert er an diesem Tag um 19.30 Uhr im Stadtkino. Im Anschluss findet eine Podiumsdiskussion mit der Regisseurin Maria Arlamovsky, Laura Wiesböck (Soziologin) und Brigitte Ratzer (TU Wien, Leitung Abt. Genderkompetenz) statt.

14. Oktober, Linz, Moviemento, Filmbeginn: 18:00 Uhr
Special Screening in Kooperation mit dem Robopsychology Lab der Johannes Kepler Universität Linz
Im Anschluss Gespräch mit Maria Arlamovsky & Martina Mara (JKU), Moderation: Katharina Riedler

15. Oktober, Wien, Stadtkino im Künstlerhaus, Filmbeginn: 18:00 Uhr
Sonderscreening mit der Österreichischen Gellschaft für Psychosomatik in Gynäkologie und Geburtshilfe (Psygyn)
Im Anschluss Gespräch mit Maria Arlamovsky & Eva Thurner (Fachärztin für Frauenheilkunde und spezielle Psychosomatik)

16. Oktober, Wien, Stadtkino im Künstlerhaus, Filmbeginn 19:30 Uhr
Sonderscreening in Kooperation mit Ottobock Prothesen
Im Anschluss Gespräch zum Spannungsfeld zwischen emotionaler Bedeutung einer Prothese und dem funktionellen Nutzen mit Maria Arlamovsky, Karin Harasser (Kunstuniversität Linz), Adam Wehsley-Swiczinksy (Industriedesigner, AWS Desingteam), Martin Wehrle (Produktmanager Handprothetik Ottobock); Moderation: Philipp Kampas

19. Oktober, Innsbruck, Leokino, Filmbeginn 18:00 Uhr
Sonderscreening zum Weltbioethiktag in Kooperation mit der Medizinischen Universität Innsbruck
Im Anschluss Gespräch mit Maria Arlamovsky, Doris Eibl (Kulturwissenschaftlerin Uni Ibk), Anne Siegetsleitner (Philosophin Uni Ibk)
Moderation: Gabriele Werner-Felmayer

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