Digital Life
16.11.2018

"Es ist ein Blödsinn, dass man Mädchen für Technik begeistern muss"

Beim futurezone Day wurde erörtert, wie der Frauenanteil in der Technik gesteigert werden kann.

Warum ist der Frauenanteil in technischen Berufen so gering? Welche Erfahrungen machen Frauen in der Technik? Und wie kann die Situation verbessert werden? Diese Fragen wurden zum Abschluss des futurezone Day am Donnerstag im Wiener Erste Campus diskutiert.

Als sie an der TU Wien zu studieren begonnen hat, sei der Frauenanteil bei acht Prozent gelegen. Später im Arbeitsleben sei sie oft die einzige Frau im Team gewesen, sagte die Software-Entwicklerin Barbara Ondrisek. Zwar habe sie, von kleinen Irritationen abgesehen, keine negativen Erfahrungen gemacht, das Problem sei aber, dass beim Programmieren geschlechtsspezifische Vorurteile in die Software Eingang finden würden. Ein Beispiel dafür sei etwa der Algorithmus, der demnächst beim Arbeitsmarktservice (AMS) zum Einsatz kommen soll: "Alleinerziehende Mütter werden benachteiligt."

Mit der von ihr gestarteten Initiative Women & Code will sie Frauen für das Programmieren begeistern. "Wir wollen nicht nur Programmierkenntnisse an Frauen vermitteln, sondern hoffen, dass sich auch Gruppen und Netzwerke bilden", sagt Ondrisek: "Damit sich Frauen untereinander helfen können."

Diversität

Diversität zu schaffen sei wichtig, sagte die Spieleentwicklerin Iris Meyer. Wenn man den Fokus verschiebe, komme für alle etwas Tolles heraus. "Frauen machen etwas mit der Teamdynamik", sagt Isabella Frey, die bei der Erste Bank als Produktmanagerin für die Finanz-App George tätig ist. "Die Welt ist bunt, das soll sich auch in der Arbeitswelt widerspiegeln."

Auch Anna Steiger, Vizerektorin der TU Wien, arbeitet daran, dass sich das Geschlechterverhältnis in der Technik angleicht. An der Technischen Universität ist sie für Personal und Gender zuständig. "Wir versuchen Frauen an die TU zu bringen und sie auch dort zu halten", sagt Steiger. Ein Frauenförderungsplan soll dazu ebenso beitragen wie Mentoring und Coaching. "Wir haben auch eine Frauenquote. Ich bin ein Fan davon", sagt Steiger: Man müsse an den Strukturen arbeiten, dann würden sich auch die Zahlen bessern.

Underselling

Auch in der Start-up-Szene ist der Frauenanteil gering. Von lediglich zwölf bis maximal 15 Prozent Gründerinnen, spricht Lisa Fassl, die mit der Initiative Female Founders Frauen zum Gründen bewegen will. Bei Investoren sei das Geschlechterverhältnis noch unausgeglichener. "Gründerinnen tun sich schwer, externes Kapital aufzunehmen", erzählt Fassl. Frauen würden beim Präsentieren auch dazu neigen, sich unter ihrem Wert zur verkaufen. Bei Männern sei es das Gegenteil der Fall: "Sie bullshiten sich die Seele aus dem Leibe."

Fassl, die auch als Business Angel tätig ist, will einen Akzelerator ins Leben rufen, der Start-ups mit Frauen fördern will. "Wir hoffen, dass wir etwas bewegen können. Es gibt Bedarf."

"Frauen sind nicht behindert"

Was kann das Bildungssystem bewirken? "Es ist ein Blödsinn, dass man Mädchen für Technik begeistern muss. Wir müssen aufhören, sie von der Technik abzuhalten", sagt Anna Gawin, Gründerin des DaVinci Lab, das als außerschulische Bildungseinrichtung Kinder auf das Leben im 21. Jahrhundert vorbereiten will. Kinder, egal ob Mädchen oder Buben, seien an Technik gleichermaßen interessiert oder eben nicht. Anstatt Mädchen aber einzureden, dass sie nicht gut in Mathematik seien, müsse man ihnen nur Selbstvertrauen geben: "Frauen sind nicht behindert, sie brauchen keine Sonderbehandlung."

Keine Hemmungen

Was können Vorbilder bewirken? "Es ist wichtig, dass es positive Role Models gibt", sagt Ondrisek. Von einer "Barbie im Techberuf" hält sie aber nicht viel: "Das ist immer noch eine Barbie." Wichtiger wäre es, dass Mädchen keine Hemmungen haben, Computer zu benutzen.

Zur Informatik sei sie gekommen, weil ihre Eltern schon sehr früh einen Computer gekauft hätten, erzählt Spieleentwicklerin Meyer. "Es gab eine Diskette, da waren Spiele drauf. So entstand meine Liebe zur Informatik." Dass Informatik mathelastig sei, stimme zwar, aber Programmieren sei auch etwas Kreatives: "Man baut sich eine Welt und schafft etwas."

Oft würden kleine Momente reichen, in denen Frauen in Kontakt mit Technologie kommen und erste Erfolge haben, sagt DaVinci Lab-Gründerin Gawin: "Dann entwickelt sich Interesse und Selbstvertrauen."