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Internetzeitalter
07/28/2011

Facebook-Abstinenz wie Nikotin-Entzug

Das Internet und soziale Netzwerke wie Facebook rufen bei immer mehr Usern ein Abhängigkeitsgefühl hervor. Experimente und Umfragen unter technologieaffinen Anwendern zeigen, dass bereits der Versuch, 24 Stunden ohne Internet zu bleiben, gerade für junge User eine fast unlösbare Aufgabe darstellt. Im Gespräch mit der futurezone nehmen Suchtexperten die Problematik ernst, warnen aber vor einer überzogenen Panikmache und einer Verwässerung des Suchtbegriffs.

von Martin Stepanek

Laut einer Studie des britischen Marktforschungsunternehmens Intersperience mit 1000 Personen fühlten sich 40 Prozent ohne die Interaktion in Facebook und das Abrufen von E-Mails einsam. Mehrere Personen verglichen die Entzugserscheinungen beim Verzicht auf Technologien und Internet gar mit jenen beim Verzicht auf Zigaretten. Diese Ergebnisse decken sich mit einem vergleichbaren Versuch der University of Maryland, der bei Teilnehmern nach 24 Stunden Internet-Entzug Stresszustände, Isolationsgefühle, Langeweile und ein Abhängigkeitsgefühl auslösten.

Sucht nicht bagatellisieren
Im Gespräch mit der futurezone warnt Suchtexperte Michael Musalek, ärztlicher Leiter des Anton-Proksch-Instituts, allerdings vor einer Dramatisierung. „Dass man den ständigen Drang hat, Mails zu checken oder die neuesten Facebook-Meldungen zu lesen, hat mit einer Suchterkrankung nichts zu tun“, erklärt Musalek. Auch mehrstündiges Computerspielen falle im Normalfall nicht unter diese Kategorie.

„Wirklich Süchtige spielen am Stück 20 Stunden und mehr, und vergessen dabei auf Essen, Trinken oder Schlafen. Das damit einhergehende Entzugssyndrom, wenn man diesen Leuten das Spielen verbietet, hat mit dem Unwohlsein bei einem erzwungenen Facebook-Verzicht wenig gemein“, meint Musalek. Eine Sucht bedinge neben dem starken und bisweilen selbstzerstörerischen Drang, etwas zu tun, immer auch einen Kontrollverlust im Umgang mit dem Suchtmittel.

Kontrollverlust als Anzeichen von Suchterkrankung
„Wenn man sich immer und immer wieder vornimmt, nur einen gewissen Zeitraum online zu sein, und dann aber nächtelang nicht vom Computer wegkommt, ist das ein ernstes Anzeichen“, bestätigt auch der Psychologe Paul Braunger, der sich seit Jahren mit dem Thema auseinandersetzt. „Von Kontrollverlust würde ich dann sprechen, wenn durch derartige Aktivitäten das Leben und die Arbeit eingeschränkt werden. Das kann im schlimmsten Fall bis zur Arbeitsunfähigkeit und dem Verlust des Arbeitsplatzes führen.“

Ebenfalls im Steigen begriffen sind laut Suchtexperten die Online-Glücksspielsucht sowie die Online-Sexsucht in virtuellen Chaträumen und auf Videoportalen. Vor allem erstere ist analog zur Ausprägung in der realen Welt für die Betroffenen existenzbedrohend. Wie bei allen Suchterkrankungen ist die Behandlung von Online- und Spielesucht ein kompliziertes Unterfangen, das nicht auf die leicte Schulter genommen werden soll. „Die Ursachen für eine Sucht sind meist komplex und hängen nicht selten mit Problemen im familiären Umfeld zusammen“, plädiert Musalek für die Inanspruchnahme professioneller Hilfe.

Technologie mit Tücken

Dass der technologische Fortschritt auch bei Nicht-Süchtigen eine Belastung für die eigene Psyche und den Körper bis hin zu einem Burn-out-Syndrom bedeuten kann, wollen beide Suchtexperten allerdings ebenfalls nicht verneinen. „Technologie ist wie ein Medikament. Wo es hervorragende Wirkungen gibt, gibt es gleichzeitig auch immer Nebenwirkungen“, meint Musalek.

„Durch die ständige Verfügbarkeit über E-Mail, Mobiltelefon oder auch Facebook haben wir letztlich keine Erholungsphasen mehr. In Kombination mit der permanenten Beschleunigung im Arbeits- und Privatleben kann dies sehr leicht zu Angstzuständen, Schlafstörungen und anderen körperlichen Beschwerden wie Bluthochdruck oder Herzbeschwerden führen“, sagt Musalek im Gespräch mit der futurezone. Er vermisst den notwendigen Diskurs über die Nebenwirkungen dieser Technologien und die Auswirkungen auf die Arbeitssituation.

Richtigen Zugang zu Technologien finden
Auch Braunger glaubt, dass die Gesellschaft sich im Umgang mit neuen Technologien und Kommunikationsformen teilweise noch schwer tut. „Natürlich besteht die Gefahr, dass man durch die ständige Internet-Nutzung einem permanenten Stresszustand ausgesetzt ist, zumal heute ein Arbeitsplatz ohne PC oder Mobiltelefon kaum mehr denkbar ist.“ Gleichzeitig geht Braunger aber auch davon aus, dass jeder den richtigen Umgang mit den neuen Technologien lernen kann. „Das Wichtigste ist, sein Verhalten so anzupassen, dass man sich wohl fühlt“, so die simple, aber einleuchtende Empfehlung.

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