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Interview "Facebook ist ein richtig schleimiges Unternehmen".

Andrew Keen: "Das Internet hat die Erwartungen, die in es gesetzt wurden, nicht erfüllt."
Andrew Keen: "Das Internet hat die Erwartungen, die in es gesetzt wurden, nicht erfüllt." - Foto: Patrick Dax, futurezone
Andrew Keen sah im Internet den Untergang der Kultur und musste dafür viel Kritik einstecken. Heute sieht er sich bestätigt. Der "Anti-Christ des Silicon Valley" im Interview.

In seinem 2007 erschienenen Buch "The Cult of the Amateur" (deutsch: "Die Stunde der Stümper") zog Andrew Keen gegen das "Mitmach-Web" vom Leder und warnte vor der "Diktatur der Affen". Die Kultur sah er durch nutzergenerierte Inhalte gefährdet, der Musik- und Medienbranche prophezeite er den Untergang.

Die Lust an der Kontroverse hat Keen, der sich selbst als "Anti-Christ des Silicon Valley" bezeichnet, nicht verloren. Nach seiner Auseinandersetzung mit Social Media ("Digital Vertigo", 2012) erscheint im Jänner sein jüngstes Werk "The Internet Is Not The Answer" (deutsch: "Das digitale Debakel"). Vergangene Woche war Keene bei einer Konferenz der Industrieinitiative icomp in Wien zu Gast. Die futurezone sprach mit ihm über den Wert von Inhalten im Netz, Google, Facebook und Selfies.

futurezone: In "The Cult of the Amateuer" sahen Sie die Kultur durch das Internet bedroht. Was hat sich - sieben Jahre später -  bewahrheitet?
Andrew Keen: Meine Befürchtungen sind in vielen Bereichen eingetreten. Das Internet hat ganz zweifellos schädliche Auswirkungen auf die Kultur. Etwa wenn es darum geht, eine ökonomische Grundlage für Künstler und Kreative zu schaffen. Die Tonträgerindustrie hat sich in den vergangenen 20 Jahren fast halbiert, Zeitungen sind in einer Dauerkrise und auch die Fotografie wurde hart getroffen. Möglicherweise noch härter als der Musikbereich. Es wird für Kreative immer schwieriger ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Woran liegt das genau?
Es hat mehrere Gründe. Zum Einen die Online-Piraterie, die besonders den Musik- und Filmbereich trifft, zum Anderen sind die Geschäftsmodelle im Internet so gestaltet, dass eine kleine Gruppe von Monopolisten, besonders Facebok und Google, den Großteil der Gewinne abschöpfen. Ich sehe aber auch eine kulturelle Krise, wenn es um das kulturelle Klima geht, das im Netz erzeugt wird.

Können Sie das erklären?
In "The Cult of the Amateuer" habe ich vor der Echokammer gewarnt, die das Internet mit sich bringt. Die Leute kapseln sich in ihrer Welt ein, anstatt wirkliche Gemeinschaften zu bilden. Eli Pariser hat mit der "Filter Bubble" später ein ganzes Buch darüber geschieben. Wir teilen nicht, sondern lassen nur Informationen an uns heran, die uns in unseren Ansichten bestärken. Das führt uns tiefer und tiefer in unsere eigenen kleinen Darkrooms. Das passiert aber nicht nur im Netz, sondern auch im Fernsehen. Wir sind auch Opfer einer Echtzeit-Always-On-Kultur geworden, in der nur das Jetzt zählt. Es ist eine unglaublich oberflächliche Welt in der sich niemand an irgendetwas erinnert. Das ist nicht ohne Ironie, denn das Internet erinnert sich an alles.

Zurück zur Musik: Ist es wirklich so schlimm? Ich habe selten so viel gute Musik gehört wie in den vergangenen Jahren. Eine Krise sieht für mich anders aus.
Da haben Sie recht. Es gibt sehr viel gute Musik da draußen. Aus der Sicht der Konsumenten gibt es auch keinen Grund zu jammern. Sie wurden mit freien, hochwertigen Inhalten verwöhnt. Das kommt aber nicht notwendigerweise den Kreativen zugute. Musiker tun sich immer schwerer damit, ihre Musik zu verkaufen. Sie verdienen mit Konzerten und Merchandising Geld. Auch bei Abodiensten wie Spotify sind die Einnahmen minimal, das liegt allerdings auch an den Labels, die den Großteil einbehalten.

Warum wollen die Leute nichts bezahlen?
Das liegt daran, dass die Medienindustrie in den 1990er Jahren einen großen Fehler gemacht hat.  Es wurde angenommen, dass das TV-Modell im Internet funktioniert. Man ist davon ausgegangen, dass mit Werbung Geld verdient werden kann, aber Werbung wird immer billiger. Das macht es zunehmend schwieriger über den Verkauf von Werbung mit Inhalten Geld zu verdienen. Das können nur Google und Facebook, die für Inhalte nichts bezahlen. Es gibt aber auch diese gefährlich permessive Ansicht vieler Internet-Nutzer, die glauben, das alles kostenlos sein sollte.

Andrew Keen
Foto: Patrick Dax, futurezone
Wird sich das ändern?
Die Industrie ist dabei, das zu ändern. Es gibt immer weniger hochqualitative kostenlose Inhalte. Sogar YouTube startet nun einen kostenpflichtigen Abodienst. Ich glaube auch, dass die jungen Leute heute erkennen, das Inhalte nicht gratis sein können. Abodienste wie Spotify sind sehr effektive Mittel um junge Konsumenten zu erziehen. Es gibt wohl eine demographische Gruppe, die um das Jahr 2000 aufgewachsen ist, die für immer für verloren ist. Sie haben alles heruntergeladen was geht. Man muss aber auch sagen, dass die Industrie überreagiert hat, indem sie ältere Frauen ins Gefängnis gesteckt und Teenager auf Hundertausende von Dollar verklagt hat. Das war unangemessen. Aber viele Leute waren davon abgeschreckt und wollten das Risiko einfach nicht mehr eingehen.

Ist es nicht so, dass heute die Angebote stimmen und Streaming auch bequemer ist?
Streaming löst auch nicht alle Probleme. Urheberrechtsverletzungen sind immer noch ein Problem. Viele Geschäftsmodelle von illegalen Streaming-Plattformen bauen darauf auf. Es ist viel sinnvoller gegen diese Plattformen vorzugehen als gegen Konsumenten.

Sie gelten auch als vehementer Kritiker von Google, das sie auch schon mal als "Parasit" bezeichnet haben.
Google ist ein brillantes Unternehmen das ein Vermögen damit verdient, dass es uns alle zu seinen Mitarbeitern gemacht hat. Je mehr wir Google und das Internet nutzen, desto intelligenter wird Googles Suchmaschine. Google hat das Geschäft mit Daten miterfunden. Wir erzeugen die Inhalte und sie verkaufen uns Werbung und wissen immer mehr über uns. Nun weiten sie ihr Geschäft auf selbstfahrende Autos und Datenbrillen aus. Das bereitet mir Sorgen.  Ich glaube nicht, das Google an sich böse ist, sie sind aber sehr mächtig. Die wirkliche Gefahr liegt darin, dass Google ein Monopolist ist, es ist erfolgreicher und mächtiger als andere Unternehmen und deshalb müssen wir über Google reden. Wenn ich aber zwischen Google und Facebook wählen müsste, würde ich Google nehmen, denn Facebook ist ein richtig schleimiges Unternehmen.   

Was stört Sie an Facebook?
Facebook will uns glauben machen, dass es an sich gut ist, wenn man alles über sich mitteilt und tut so, als wolle es die Welt verbessern. Aber je mehr wir auf Facebook schreiben, desto profitabler wird Facebook. Das Problem mit dem Social Web ist, dass es wie ein Beichtstuhl geworden ist. Die Leute geben alles über sich preis. In meinem neuen Buch "The Internet is not the answer" nenne ich das die Selfie-Ökonomie. Wir veröffentlichen permanent Bilder über uns selbst, egal wo wir uns gerade befinden, selbst in Auschwitz. Auf der anderen Seite werden wir zunehmend empfindlich, wenn unsere Daten gestohlen werden. Wir müssen uns entscheiden. Wenn wir Privatsphäre wollen, dann können wir kein Facebook und keine Google-Konten haben.

War die Privatsphäre nur eine historische Episode?
Das könnte sein. Vielleicht war die Privatsphäre ein modernes Konstrukt, ein Produkt der Aufklärung. Davor lebten wir in Dörfern und jeder wußte alles über den anderen. Es war eine transparente Welt. Auch Mark Zuckerberg sagt, er habe nichts zu verbergen. Das stimmt aber nicht ganz. Er hat sich ein Haus im Silicon Valley gekauft und nicht nur das. Er hat sich auch die Häuser darum herum gekauft, damit er Privatsphäre hat. Ich habe jedenfalls keine Sehnsucht in eine Welt zurückzukehren, in der jeder alles über mich weiß.

Haben die Snowden-Enthüllungen etwas verändert?
Snowden hat gezeigt, was wirklich passiert. Wir werden nicht nur durch die Geheimdienste ausspioniert, sie arbeiten mit den großen Silicon-Valley-Unternehmen zusammen. Snowden hat uns vor Augen geführt wie wir von der NSA und privaten Untenrehmen durchleuchtet und ausgebeutet werden.

The Internet is not the answer
Keens nächstes Buch erscheint im Jänner: The Internet Is Not the Answer - Foto: Random House
Wie wird es mit dem Internet weitergehen?
Das Internet hat die Erwartungen, die in es gesetzt wurden, nicht erfüllt. Es sollte mehr Demokratie bringen und Ungleichheiten beseitigen, aber das Gegenteil ist der Fall. Das Internet wird von wenigen Unternehmen beherrscht. Und sein Geschäftsmodell ist kaputt, weil es auf kostenlosen Inhalten und Daten basiert. Es ist eine zentrale Frage des 21. Jahrhunderts, wie wir die digitale Gesellschaft organisieren. Zur Zeit sieht es nicht gut aus. Es ist viel falsch gelaufen. Das heißt nicht, dass wir unsere Computer und Smartphones zertrümmern müssen, wir müssen aber bessere Lösungen finden.

Sind Sie optimistisch oder pessimistisch?
Es hängt davon ab, ob wir die Probleme erkennen. Auch in der industriellen Revolution haben die Leute erkannt, dass sie nicht ideal läuft. Viele Jobs wurden zerstört und es drohte eine Umweltkatastrophe. Heute wird unsere Umwelt mit Daten verschmutzt. Ich glaube, dass diese Probleme eine neue Art von grüner Bewegung hervorbringen werden. Ich bin also vorsichtig optimistisch, dass die Leute aufwachen. Ich sehe ein Umdenken. Nicht zuletzt auch deshalb, weil immer mehr Berufsgruppen durch die digitale Revolution in Mitleidenschaft gezogen werden. Seien es Universitätslehrer,  Taxi-Fahrer oder Hotelbedienstete. Es hat mit der Musik begonnen und sich dann auf die Filmindustrie und die Zeitungen ausgeweitet. Heute ist es ein viel breiteres Problem.  

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  • Machen Google und Facebook das Internet kaputt?


(futurezone) Erstellt am 21.11.2014, 06:00

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