Digital Life
21.04.2011

Gehirnzellen-Massaker und twitternde Schuhe

Die Ausstellung "Playface Intercult" im Wiener MuseumsQuartier (MQ) widmet sich der spielerischen Aneignung von Technologien und zeigt Möglichkeiten im kreativen Umgang mit Twitter, PlayStation, Nintendo & Co. auf.

Auf den ersten Blick sind die Rambler-Schuhe der Medienkünstler Tiago Martins und Ricardo O`Nascimento ganz normale Sneaker, deren Logo etwas aufdringlich am Außenrist protzt. Tatsächlich haben die braunen Turnschuhe in ihrer weißen Sohle aber einen Sensor implementiert, der jeden Schritt aufzeichnet und über Bluetooth mit einer Smartphone-Applikation verbunden ist, die die Schrittfolgen auf der Microblogging-Plattform Twitter veröffentlicht. "Tap... Tap Tap" ist vollkommen sinnfrei auf dem dazugehörigen Twitter-Account zu lesen. 

"Wir haben die digitalen Medien so stark in unser Leben integriert, dass es uns gar nicht mehr auffällt, dass wir eigentlich jeden unserer Schritte dokumentieren. Rambler stellt das auf zynische und humoreske Art und Weise in Frage", sagt Georg Russegger, der gemeinsam mit Martin Kaltenbrunner und Ekmel Ertan die Ausstellung "Playface Intercult", kuratierte die von Donnerstag bis zum 8. Mai im freiraum quartier 21 im Wiener MuseumsQuartier zu sehen ist.

Neuartige Nutzungsmöglichkeiten
In der Schau haben die Kuratoren Positionen gesammelt, die sich spielerisch mit vorhandenen Technologien und Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine auseinandersetzen. Vertreten sind Künstler, die von der  aus Istanbuler amber Art and Technology Platform und vom Studiengang Interface Culture der Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung in Linz ausgewählt wurden. "Wir wollen zeigen, wie existierende Produkte und Entwicklungen modifiziert und auf neuartige Art und Weise genutzt werden können", erläutert Russegger, der an der Linzer Kunstuniversität einen Masterstudium-Lehrgang zu Ludic Interfaces erarbeitet, der 2012 starten soll.

Heldenhafter Gehirnzellenschwund
Wenige Schritte weiter ist die ebenfalls von Martins und O`Nascimentog gemeinsam mit dem Österreicher Andreas Zingerle konzipierte Installation "Headbang Hero" zu sehen, die das mittlerweile eingestellte PlayStation-Spiel "Guitar Hero" durchaus gesundheitsschädlich subvertiert. Dabei wird über eine mit einem Sensor bestückte Langhaar-Perücke der Gehirnzellenschund gemessen, der sich aus dem Headbangen zu Death-Metal-Musik ergibt: "Was man bei dem Spiel an Punkten gewinnt, geht beim Headbangen an Gehirnzellen verloren", so Russegger.

Die Installation "Punchout!!!" von Mar Canet, Jayme Cochrane und Travis Kirton nimmt sich dem gleichnamigen Nintendo-Spieleklassiker an. Das von den Medienkünstlern zum Ganzkörpererlebnis umgearbeitete Boxspiel lässt die Spieler bei Treffern über einen Stroboskopeffekt auch Schmerzen spüren. Damit sollen archaische und emotionale Momente angesprochen und auch der Spaß an dem Spiel verstärkt werden, sagt Russegger.

Rambler-Shoes

GML Recording Machine

Sound Tossing

headbanghero

Punchout

Zugang und Offenheit
Ein wesentlicher Aspekt der gezeigten Arbeiten ist auch der freie Zugang, die Offenheit und die gemeinsachaftliche Nutzung von Technologien. "Wir fragen uns, wie Systeme offen und modifizierbar gestaltet werden können", sagt Russegger.

Nutzungsbeschränkungen der Industrie seien "die letzte Bastion von simulierter Sicherheit", meint der Kurator. Die Künstler würden diese Restriktionen zur kreativen Auseinandersetzung nutzen: "Das ist auch ein klassisches Hacker-Paradigma."

Websperren und urbane Geräuschkulissen

Die Installation "Ban`Em All!" der türkischen Medienkünstler Murat Durusoy und Ahmet Türkoglu lässt Ausstellungsbesucher an einem Terminal Websiten sperren, die dann nach wenigen Minuten wieder freigeschalten werden. Die Besucher erhalten auch Informationen über die Internet-Zensur in der Türkei wo auf Anordnung der Regierung oder auf Druck von Rechteinhaber rund 7.000 Websites vom Online-Musikdienst Grooveshark bis hin zu Seiten politischer Gruppen nicht erreichbar sind.

"Sound Tossing" des Linzers Reinhard Gupfinger appliziert in Anlehung an das Shoe-Tossing, bei dem Schuhe über Äste, Telefon und Stromleitungen gehängt werden, kleine Audio-Devices im öffentlichen Raum, die sich in diestädtische Geräuschkulisse mischen.  "Es geht darum Raum neu zu besetzen und Aufmerksamkeitsmomente zu schaffen", sagt Russegger.  Die Baupläne zu den Sound-Tossing-Tools sind frei verfügbar und laden zur Nachahmung ein.

Die "GML Recording Machine" von Muharrem Yildirim und Aytac Kanaci zeichnet auf Basis der vom Graffiti Research Lab entwickelten Graffiti Markup Language (GML) Bewegungsabläufe von Graffiti-Zeichnern auf. Die Daten können danach über einen Computer projiziert werden und ermöglichen Bewegungsabläufe beim Graffiti-zeichnen zu erforschen und für sich zu nutzen. "Ich kann wieder etwas neues damit machen", erläutert Russegger.

"Technologien mit neuen Augen sehen"
Den Künstlern gehe es weniger um die elaborierte technologische Umsetzung, sie arbeiten mit einfachen Mitteln", so Russegger. Der spielerische Umgang mit Technologien solle auch dazu beitragen, dass sich die Leute selbst befähigt fühlen, technologische Entwicklungen einzuschätzen, Potenziale zu erkennen und kritische Positionen dazu einzunehmen. Es gehe darum, einen Perspektivenwechsel einzuführen: "Wir versuchen Technologien mit neuen Augen zu sehen."

Die Ausstellung "Playface Intercult" ist von 21. April bis 8. Mai im freiraum quartier 21 des Wiener MuseumsQuartiers zu sehen. Am 6. Mai sind im einem Seitenprogramm Workshops, Vorträge und Performances der Kuratoren und teilnehmenden Künstler geplant. Der Eintritt ist frei.