Kaufhaus Österreich startet: Rot-weiß-rote Plattform für den heimischen Online-Handel

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Digital Life

Kaufhaus Österreich: "Wie aus den 90er-Jahren"

„Kaufe regional, das geht auch digital“: Mit diesem Motto ist am Montag mit „kaufhaus-oesterreich.at" eine Plattform des Digitalisierungsministeriums und der Wirtschaftskammer (WKO) an den Start gegangen. Dort sollen Nutzer rund 10.000 Online-Shops aus Österreich finden, bei denen sie online einkaufen können. Doch die „sicherlich gut gemeinte“ Plattform, wie noch die nettesten Formulierungen besagen, ist aus Sicht von Nutzern und Unternehmen gleichermaßen völlig missglückt und hat zudem Datenschutzprobleme.

"Handwerklich schlechte Umsetzung"

„Kaufhaus Österreich ist zwar eine nette Idee, aber es hilft Unternehmen nichts“, sagt Jürgen Haslauer, Online-Stratege im Gespräch mit der futurezone. Stattdessen werde aufgrund einer „handwerklichen schlechten Umsetzung“ das Vertrauen in österreichische Shops kaputt gemacht gemacht, so Haslauer. Auf der Plattform findet man nämlich auch Unternehmen, die gar keine eigenen Online-Shops haben, oder deren Angebot aussieht wie „aus den 1990er-Jahren“, wie Haslauer sagt. „Manche der Online-Shops, die gelistet sind, sind weder sicherheitstechnisch noch datenschutztechnisch in Ordnung, oder sie funktionieren einfach nicht.“

Einige der vermeintlichen Shops sind zudem in allen verfügbaren Kategorien wie Bau, Schmuck, Lebensmittel oder Bücher, gelistet und tauchen auf der Plattform immer wieder auf. Online-Nutzer bekommen damit keine zielgerichteten Angebote für zeitgemäße, regionale, digitale Shops, sondern landen auf dubiosen Seiten von Geschäften mit zahlreichen Rechtschreibfehlern. „Es fehlt eine Qualitätskontrolle und eine redaktionelle Kontrolle“, so Haslauer. Zwar werden Einträge nicht direkt automatisch freigeschaltet, aber eine richtige Kontrolle scheint es nicht zu geben.

Datenschutzprobleme gab es bei den Cookies und dem eingebundenen Werbevideo.

Links direkt zu Amazon

Auf der Plattform, die vom Bundesrechenzentrum im Auftrag des Digitalisierungsministeriums technisch umgesetzt wurde, finden sich auch Großhändler, die ihre Waren mit einer lokalen Adresse in Wien anpreisen. Sie verlinken jedoch dann auf einen Amazon-Shop. Dieses Beispiel ist an Skurrilität kaum zu überbieten, so geht es dem Ministerium doch vor allem darum, die Kunden von Amazon wegzulocken und ihr Geld in die „heimische Wirtschaft“ zu investieren.

Die Suchmaske bietet Nutzern zudem zwar ein Suchfeld, gesucht werden kann aber nur nach Shop, Ort oder Produktkategorie, nicht aber nach dem Produkt selbst. „Wenn ich weiß, wie ein Shop heißt, kann ich ihn auch einfach in die Google-Suche eingeben. Kunden verlieren hier sofort das Vertrauen und verlassen die Plattform frustriert, weil sie ihnen nichts bringt“, sagt Haslauer. Statt einer „Meta-Plattform“ wünschen sich die Kunden eine „One-Stop-Shop-Lösung“, wie sie Amazon bietet und keine Link-Liste, mit der man nicht einmal nach Produkten suchen kann. Der Digital-Stratege ist sogar überzeugt davon, dass ein derartiges „Leuchtturmprojekt“ dem heimischen E-Commerce sogar schadet.

627.000 Euro Kosten

Auch die Unternehmerin Claudia Behr, die eine Webagentur hat, ist dieser Meinung. „Das wird den E-Commerce in Österreich nicht weiterbringen und Kunden werden erst recht wieder auf Amazon abwandern.“ Die Webagentur-Besitzerin ist frustriert, dass die Wirtschaftskammer Geld für dieses Projekt ausgegeben hat. Laut Digitalministerium flossen für das Projekt 627.000 Euro aus „bestehenden Rahmenverträgen“.

Zum Fehlstart von „Kaufhaus Österreich“, oder ob noch nachgebessert wird, gab es anfangs trotz mehrfachen Nachfragen kein Statement. (Update, 18.08 Uhr): Erst am Abend meldete sich das Ministerium: "Die Suchfunktion besteht darin, dass nach Produktkategorien gesucht werden kann. Diese liefert auch entsprechende Ergebnisse. Sie wird nun verbessert, indem die wichtigsten Produkte zu den Kategorien zugeordnet werden, damit die Suche bessere Funktionen liefert", heißt es.

Info-Kampagne folgt

In wenigen Tagen soll zudem noch eine große Medienkampagne starten, so der Plan. "Es wird in den kommenden Tagen eine Info-Initiative zum Kaufhaus geben. Start ist Mittwoch", so der Ministeriumssprecher. Auskünfte, wie hoch hierfür das Budget sei, gab es keine.

Die Wirtschaftskammer verwies unterdessen am Dienstag auf das Digitalministerium und betonte gegenüber der futurezone, dass man erst „seit kurzem Projektpartner“ sei. Man habe das Ministerium via „Firmen A-Z“ unterstützt und Händler dazu aufgefordert, sich für das Kaufhaus Österreich zu registrieren, heißt es. Tatsächlich können sich bei der Wirtschaftskammer registrierte Betriebe mit einem Hakerl für das „Kaufhaus Österreich“ anmelden. Doch auch hier kam es zu Problemen, wie einige Online-Händler berichten, die sich am Dienstag anmelden wollten.

Medieninhaber der Online-Plattform sind laut Impressum das Wirtschaftsministerium und die Wirtschaftskammer, die Internet-Domain gehört dem Wirtschaftsministerium. Für den Betrieb der Website ist das Wirtschaftsministerium zuständig.

Datenschutzprobleme

Neben Problemen bei der Suche und der Anmeldung gab es bei der Plattform zum Start auch Datenschutzprobleme. „Die Plattform war zum Launch beeindruckend nicht-DSGVO-konform durch eingebundene und nicht in der Datenschutzerklärung ausgewiesene Tracker von Google, Doubleclick und YouTube“, sagt Klaudia Zotzmann-Koch, Podcasterin und zertifizierte Datenschutzbeauftragte. So wurden etwa im Hintergrund Daten an Google weitergereicht, über das YouTube-Video, welches automatisch gestartet ist. Auch hierzu gab es vorerst keine Auskünfte seitens des Ministeriums.

Auch die Cookie-Lösung könnte ein Digitalisierungsministerium sauberer umsetzen als getan. Cookies sind kleine Textdateien die von der Website im Browser abgelegt werden und Informationen speichern. Beim „Kaufhaus Österreich“ haben Nutzer nur eine Wahl: der Verwendung der Cookies zuzustimmen. Das geht mittlerweile deutlich besser, wie viele Websites zeigen. (Update 18:08 Uhr) Raphael Draschtak, Ressortsprecher des Digitalministeriums, sagt gegenüber der futurezone, dass die Cookies überarbeitet werden.

„Aktuell ist die Plattform ein hübsch aufbereiteter Branchenindex, der Endkunden wenig bringt“, sagt auch Zotzmann-Koch. „Statt weiterer schwacher Insellösungen brauchen wir aber starke, europäische Projekte, die eine wirkliche Marktmacht gegenüber großen US-amerikanischen Konzernen sein können“, so Zotzmann - womit wir wieder beim One-Stop-Shop sind, der einen echten Gegenpol zu Amazon darstellen könnte. „Im nächsten Anlauf wünsche ich mir eine EU-Kooperative, die einem gemeinsamen Markt so nahe kommt, wie es in einem vereinten Europa sein sollte“, so Zotzmann-Koch. Unter der Corona-Krise leidet nämlich nicht nur der österreichische Handel.

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Barbara Wimmer

shroombab

Seit November 2010 bei der Kurier-Futurezone, davor bei der ORF-Futurezone als Journalistin tätig. Interessiert sich für alle Themen, die das digitale Leben jetzt und in Zukunft bestimmen werden: Netzpolitik, Datenschutz, Social Media, Digitales und alles, was (vermeintlich) "smart" ist. Elektronische Musik ist ihre größte Leidenschaft, sie arbeitete vor dem ORF auch für Musik-Magazine wie Breakbeat (Deutschland) sowie Radio FRO.

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