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Internet
05/30/2012

„Kritik sind wir bei der ICANN gewohnt“

Mit dem Start der Einreichphase für neue Domainendungen ab dem 12. Jänner 2012 rückt auch die oberste internationale Verwaltungsinstanz ICANN (Internet Corporation for Assigned Names and Numbers) wieder stärker ins Licht der Öffentlichkeit. Am Rande der Domainkonferenz newdomains.org in München sprach die futurezone mit dem Vorsitzenden des ICANN-Verwaltungsrates Steve Crocker über den Start des neuen Domainzeitalters und die Rolle der ICANN.

von Martin Stepanek

futurezone: Im Jänner 2012 startet das dreimonatige Registrierungsfenster für die

neuen Domainendungen
. Die großen Konzerne halten sich noch bedeckt, ob sie um eine eigene Top Level Domain ansuchen werden. Mit wievielen Anmeldungen rechnet die ICANN?
Steve Crocker:
Das ist eine gute Frage. Wir wissen es schlichtweg nicht. Derzeit geistern Zahlen von 180 bis 1000 Bewerbern herum, die öffentlich zumindest großes Interesse bekundet haben. Da sich so viele Firmen bedeckt halten, ist eine seriöse Schätzung aber unmöglich.

Ab wie vielen Bewerbungen wäre es für die ICANN ein Erfolg?
Die tatsächliche Anzahl ist für uns zweitrangig und auch den geplanten Inhalten stehen wir neutral gegenüber. Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass das System läuft und die Registrierung und Zuteilung gut und fair über die Bühne geht.

Kritiker merken aber an, dass aufgrund der hohen Kosten - allein die Registrierung beläuft sich auf 185.000 Dollar - gerade kleine Unternehmen stark benachteiligt sind, wenn sie sich eine Domainendung für ihre Marke sichern wollen. Wie fair ist das neue Domainsystem?
Das ist nun einmal im Leben so, dass große Unternehmen gewisse Vorteile haben. Sie können mit großen Marketingbudgets operieren, haben Zugriff auf Anwälte und ganze Teams von Spezialisten. Und ja, die wenigsten kleinen Unternehmen werden sich die neuen Domains leisten können. Kleine Unternehmen haben aber andere Vorteile. Sie können schnell am Markt agieren und das Internet wie bisher für ihre Zwecke nutzen. Die neuen Top Level Domains ersetzen ja das bisherige Angebot nicht.

Kritik kommt aber auch von großen Firmen, die hohe Kosten für den Schutz der eigenen Marke befürchten und vor einer Verunsicherung der User warnen. Selbst Internet-Koryphäen wie Esther Dyson sehen keinen Mehrwert in den neuen Endungen und

kritisieren
die Entscheidung öffentlich. Trifft Sie diese Kritik?
Dass die ICANN von allen Seiten kritisiert wird, sind wir gewohnt. Wenn ich eines Morgens aufstehe und es gibt keine Kritik, dann würde mich das vermutlich erst recht beunruhigen. Gleichzeitig kann es nicht unsere Aufgabe sein, Unternehmen ihren Geschäftserfolg zu garantieren. Wir bieten die Plattform, auf der andere aufbauen können und versuchen im Interesse der globalen Internet-Community zu agieren.

Bei Ihrer Keynote und in der nachfolgenden Pressekonferenz über die neuen Top Level Domains waren Sie auffallend zurückhaltend. Sind Sie am Ende gar selbst nicht restlos vom neuen System überzeugt?
Ich denke, ich bin lieber vorsichtig, was überzogene Erwartungen angeht. In den vergangenen Jahren hat es rund um das Thema Internet schon so viele Hypes gegeben, da brauchen wir nicht noch einen neuen. Bewerber und Unternehmen müssen sich im Klaren sein, dass eine Registrierung einer neuen TLD nur sinnvoll ist, wenn man es Ernst meint und über die nötigen technischen und administrativen Ressourcen verfügt. Der Beitrag von 185.000 Dollar ist dabei noch der geringste Aufwand.

Das derzeitige System funktioniert ja eigentlich recht gut. Was haben User denn von den neuen Domainendungen?
Technisch gesehen wird sich durch die neuen Domains tatsächlich nichts ändern. Eine Domainendung ruft allerdings eine weit stärkere emotionale Bindung und Wahrnehmung hervor als derselbe Begriff mit .com oder .at am Ende. Da die Auflagen für die neuen Domains finanziell und technisch gesehen recht hoch sind, kann man zudem davon ausgehen, dass die Verantwortlichen alles daran setzen werden, um die Qualität und Sichtbarkeit der Domain und ihrer Inhalte zu garantieren.

In den Anfangsjahren wurde der ICANN vorgeworfen, stark von der US-amerikanischen Politik geprägt zu sein. Jetzt bemüht sich die ICANN die eigene Neutralität in den Vordergrund zu rücken. Kann sich die ICANN diesen neutralen Standpunkt überhaupt leisten, wenn neuerdings ganze Staaten ihre Provider zum Abschalten des Internets zwingen? Sollte die ICANN hier nicht klare Positionen beziehen?
Ich denke, unsere Rolle wird oft überschätzt, weil wir beim Thema Internet derart in der Auslage stehen. In Wahrheit ist die ICANN nur für einen kleinen Teil des Internets verantwortlich, nämlich, dass das Zahlen- und Ziffernprotokoll funktioniert. Es ist nicht unsere Aufgabe, uns in die Politik einzumischen oder Inhalte zu bewerten. Wenn Chaos im Internet – etwa aufgrund von politischen Ereignissen ausbricht – muss die Gesellschaft, müssen die Leute das lösen.

Was passiert aber, wenn die Einführung der neuen Top Level Domains zu Chaos führt?
(lacht) Es wird kein Chaos geben.

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Steve Crocker zählt zu den Mitbegründern des modernen Internets und war an der Entwicklung von grundlegenden Webprotokollen (Arpanet) beteiligt. Seit Juni 2011 fungiert er als Vorsitzender des Verwaltungsrates der ICANN. Am Montag war Crocker bei der Konferenz newdomains.org in München zu Gast, wo er über die neuen generischen Top Level Domains (gTLD) referierte.

Über ICANN
Die Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN) verantwortet grundlegende Entscheidungen hinsichtlich der Verwaltung von Top-Level-Domains sowie technischen Fragen rund um das Internet. Formal ist sie als privatrechtliche Non-Profit-Organisation geführt. Aufgrund ihres Sitzes in den USA unterliegt die ICANN amerikanischem Recht.