© Max Gurresch, apertus°

Open Everything

Linuxwochen Wien: Von Pong und Fairphone bis zu Debian

Eine quelloffene 4K-Kamera, über die man Pong spielen kann; ein eigens entwickelter Micro-Controller, der zur Gartenbewässerung eingesetzt werden kann; ein freies Betriebssystem für smarte Gadgets oder ein faires Smartphone: Das alles gibt es auf den Linuxwochen in Wien, die noch bis einschließlich Samstag laufen, zu besichtigen oder zu erkunden.

Linuxwochen an der FH Technikum Wien.
Was sich einst um einen Kernel drehte, ist längst zu mehr geworden: „Bei den Linuxwochen geht es um freie Software, Open Hardware, Sicherheit und faire IT. Insgesamt gibt es 100 Vorträge von 80 Referenten“, erklärt Georg Markus Kainz, Mitveranstalter der Linuxwochen, im Gespräch mit der futurezone. (Hier geht es zum Programm.)

Open Source wird breiter

Dass auch Konzerne wie Microsoft zunehmend auf Open Source setzen und mit Satya Nadella auch der CEO Worte wie „Microsoft loves Linux“ in den Mund nimmt, zeigt laut Kainz, dass es sich dabei mittlerweile um eine „große, breite Bewegung“ handle. „Wir sind keine Separatisten, sondern der Open Source-Gedanke ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen.“

Open Source sei auch fixer Bestandteil der Zukunftsstrategie fast aller großen IT-Konzerne, wie Kainz erklärt. „Konzerne wie Microsoft erkennen die Stärke der Community und das große Potential, das in der Entwicklung freier Software steckt“, sagt Kainz. Doch es gehe heutzutage nicht mehr nur um Software, sondern auch um faire Hardware. So sei man froh, Vortragende des Fairphones für die Linuxwochen gewonnen zu haben. Rund 20 bis 40 Personen würden sich die Vorträge im Schnitt anhören, sagt Kainz.

Internet of Things

Am Donnerstag waren bereits zahlreiche Besucher aus der wachsenden Community vor Ort - und es wurde auch deutlich, wie sehr sich der Open-Source-Gedanke auch mit Geschäftsmodellen in Verbindung bringen lässt. Mit „guhIO“ präsentierte sich zum Beispiel ein freies Betriebssystem für vernetzte Geräte auf den Linuxwochen, das als Basis dient, um damit vernetzte Dinge wie Thermostate oder Blumenbewässerungssysteme anzusteuern. „Wir wollen nicht, dass uns Großkonzerne aus den USA ausspionieren“, erzählt Simon Hönegger, einer der vier Gründer. „Der Datenstrom bleibt in unseren Händen, oder in denen unserer Kunden, wenn diese die Daten selbst verwalten wollen.“

Die Firma, die seit Jänner existiert, bietet „Rapid Digital Prototyping“ für Unternehmen an, die smarte Gadgets vernetzen wollen. Die Basis dafür bildet „guhIO“, doch dazu werden Extra-Leistungen angeboten. Einige große Kunden habe man bereits an Land gezogen. „Wir sind auf den Linuxtagen, weil sich die Community hier mit Open Source auseinandersetzt und wir immer auf der Suche nach Programmierern sind“, erklärt Hönegger.

Linuxwochen an der FH Technikum Wien.
Was „guhIO“ für die Betriebssystem-Basis ist, ist der Verein „Internet of Things Austria“ (IoT Austria)für die Hardware-Basis. Rund um den Micro-Controller Merkurboard, auf dem das Open-Source-Nano-Betriebssystem "Contiki OS" läuft, können etwa Gartenbewässerungssysteme gebaut werden. Dazu kommen offene, kapazitive Feuchtigkeitssensoren zum Einsatz. „Wir wollen hier zeigen, dass man dafür nur ein System braucht, dass so klein ist wie ein Fingernagel und das sich trotzdem per WLAN-Verbindung bequem aus dem Wohnzimmer per App steuern lässt“, erzählt Thomas Reininghaus. „Und das geht auch ohne Cloud Computing“ , erklärt der Spezialist für „Rapid Prototyping“. Der Verein IoT Austria organisiert zudem regelmäßige Meet-ups, bei denen sich Entwickler austauschen können.

Kamera-Pong und Mini-Film-Festival

Mit Axiom ist auch eine quelloffene 4K-Kamera für Filmschaffende aus der Sparte „Open Hardware“ vertreten. Im Gegensatz zu proprietären Kameras muss man die Kamera nicht nach ein paar Jahren wegschmeißen, sondern kann sie reparieren, umbauen, erweitern. „Man kann damit alles tun“, erklärt Sebastian Pichelhofer von apertus. Auch ein Pong-Spiel bauen.

Extra für die Linuxwochen wurde ein Pong-Spiel entwickelt, das im Prozessor der Axiom-Kamera implementiert ist. Das normale Kamerabild wird dabei ausgewertet, adaptiert, die Farbe rausgesplittet und der Bereich eingegrenzt und diese Infos werden dann verwendet, um die Elemente im Pong-Spiel zu steuern. Gespielt wird dabei mit einem farbigen Handschuh.

Das Pong-Spiel mit dem Handschuh bei den Linuxwochen an der FH Technikum Wien
Apertusorganisiert als cineastischen Ausklang des zweiten Linuxwochen-Wien-Tags (am Freitag, 29.4. ab 19 Uhr) mit „Open Everything Films!“ ein Mini-Film-Festival für „radikale Offenheit“. Dazu werden drei internationale Filme und zwei dazugehörige Making of’s gezeigt, etwa „Floresta Vermelha“, der erste Kurzfilm weltweit, der ausschließlich mit freier Software und offener Hardware produziert wurde.

Digitale Selbstverteidigung

Der Donnerstag stand aber auch im Zeichen des Schutz der eigenen Privatsphäre. René Pfeiffer gab sein Crypto-Wissen an Systemadministratoren weiter und hielt einen Vortrag über sichere Dienste im Unternehmen mit TOR Hidden Services. Im Bereich der digitalen Selbstverteidigung kann aber jeder Strategien gegen Angriffe von Hackern und ungesetzlichen staatlichen Übergriffen entwickeln.

Die tschechische Domainverwaltung präsentiert z.B. einen Linux Open Source Router für zu Hause, auf dem sich Daten in den eigenen vier Wänden speichern lassen. Auch bei der Free Software Foundation Europe (FSFE), die mit einem Stand auf den Linuxwochen vertreten ist, lautet das Motto: „There is NO CLOUD, just other people’s computers.” (Es gibt keine Cloud, nur Computer von anderen Menschen.)

mini-Debian-Konferenz

Am Sonntag findet neben Debian-„Hacklabs“ zum Ausklang der Linuxwochen noch eine „mini-Debian“-Konferenz statt. Debian-Contributors und Entwickler können sich dort in angenehmer Atmosphäre zu Problemen und Themen austauschen, die sonst über Mailinglisten diskutiert werden.

Rhonda D'Vine und Christian Amsüss organisieren die mini-Deb-Conference bei den Linuxwochen an der FH Technikum Wien.
Für Christian Amüss ist die Motivation, sich in der Debian Community zu engagieren, schnell erklärt: „Es ist schön, eine Umgebung aufzubauen, mit der man selbst und andere gern arbeiten und die universell einsetzbar ist auf Routern oder großen Servern genauso wie auf Spiele-PCs.“ „Viele Sachen würde es ohne Debian nicht geben, weil extrem viele Projekt drauf aufsetzen. Debian garantiert langfristige Stabilität, die viele Jahre lang genutzt werden kann“, ergänzt Rhonda D’Vine.

Und genau darum geht es vielen in der Open Source Community auch: Weder Software noch Hardware soll nach ein bis zwei Jahren ausgetauscht werden müssen, man will etwas Nachhaltiges schaffen, das viele Jahre bestehen bleibt.

Hinweis: Die Linuxwochen in Wien finden inklusive mini-Debian-Konferenz noch bis Sonntag statt. In Graz finden von 29. bis 30. April zeitgleich die Linuxtage statt.

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Barbara Wimmer

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