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08/29/2013

Mariahilfer Straße: Visionen statt Sudern

Die derzeitige Debatte rund um das neue Verkehrskonzept auf Österreichs größter Einkaufsstraße sei zwar verständlich, werde aber oft mit sehr engem Blickwinkel geführt, meinen zwei Experten. Statt zu jammern, solle man aber Zeit zur Gewöhnung einräumen und an zukünftige Chancen denken.

Seit 16. August ist auf der Inneren Mariahilfer Straße in Wien vieles anders. Die vormals in beiden Richtungen für Autos befahrbare Straße ist nun in eine Fußgängerzone und zwei so genannte "Begegnungszonen" aufgegliedert. Die Aufregung um die neue Verkehrsordnung ist groß. Fußgänger, Radfahrer und der öffentliche Verkehr werden auf der Mariahilfer Straße neu klar priorisiert. Das beabsichtigte Nachsehen hat der motorisierte Individualverkehr. Aber Wien wäre nicht Wien, wenn nicht jede der Verkehrsteilnehmer-Gruppen etwas an den neuen Verhältnissen auszusetzen hätte.

Besonders unter Kritik steht Vizebürgermeisterin und Verkehrsstadträtin Maria Vassilakou, der vorgeworfen wird, eine halbherzige Lösung verwirklicht zu haben. Eine, mit der man es allen Beteiligten recht machen wollte, die im Endeffekt aber alle vor den Kopf stößt. Gerade in den ersten Tagen der umgestalteten Mariahilfer Straße wurde die Thematik von vielen Seiten politisiert und emotionalisiert.

Hochfliegende Emotionen
"Ich verstehe eigentlich jede Gruppe, die damit Probleme hat", meint die Mobilitätsverhaltensforscherin Alexandra Millonig vom AIT Austrian Institute of Technology, und relativiert sogleich die momentan noch lauten Stimmen: "Aber es ist zu frisch, um zu sagen, was die wirklichen Probleme sind." Zunächst müsse man sich mit der Problematik aller Teilnehmer auseinandersetzen und sich an neue Umstände gewöhnen. Erst dann könne man eine sachliche, seriöse Diskussion führen.

Was die hochfliegenden Emotionen, etwa in zahlreichen Online-Kommentaren, schürt, sei der Umstand, dass so gut wie jeder Wiener oder Wien-Besucher von der Thematik betroffen ist, meint Millonig. Und wenn man das Gefühl hat, eine fundierte Meinung zu haben, dann animiert das besonders zum Diskutieren. Die Rollen der jeweils anderen Verkehrsteilnehmer berücksichtige man dabei aber selten.

Begegnung als Gefahr
Das erfolgreiche Zusammenleben von unterschiedlichen Benutzern der Mariahilfer Straße soll sich zukünftig besonders in den "Begegnungszonen" zeigen. Die Bezeichnung zeige die Hoffnung, dass es darin nicht zu Konflikten kommt, meint Millonig. "Es gibt Beispiele dafür, dass es in so einer gemischten Zone nicht notwendigerweise zu Konflikten kommen muss. Aber vielleicht ist es auch diese Kompromisslösung, die das Ganze nicht einheitlich wirken lässt."

Kritiker des Aufeinandertreffens von Kraftfahrzeugen, Fußgängern und Radfahrern prophezeien oft ein böses Resultat, etwa nach dem Motto "... bis sich einer wehtut."Auch das befeuert die Emotionen", meint Millonig. "Verletzungen sind etwas, wovor sich jeder fürchtet, etwas, das man auf jeden Fall verhindern möchte. Man kann das Risiko freilich nicht auf Null reduzieren, aber man kann sich an Beispielen orientieren, wo es funktioniert hat."

Gelebte Intermodalität
"Die Begegnungszone als Beispiel für gelebte Intermodalität gefällt mir wirklich gut", meint Heimo Aichmaier, Geschäftsführer von Austrian Mobile Power. Die Elektromobilitäts-Allianz hat ihren Sitz direkt an der Mariahilfer Straße. "Meiner Meinung nach ist die Mariahilfer Straße ein Zeichen dafür, dass sich Mobilität verändert. Es geht immer mehr in Richtung nachhaltige, vielfältige Mobilität mit verschiedenen Angeboten."

"Die Akteure, die das gestemmt haben, hatten großen Mut zum Vorantreiben eines innovativen Konzepts", sagt Aichmaier. Dennoch ließen sich weitere Verbesserungen an dem Verkehrskonzept durchführen. "Es ist wichtig, dass man mitgestaltet, dass man mit Vorschlägen kommt, wie man etwas mit innovativen Lösungen anreichern kann."

Potentieller Startpunkt für E-Mobilität
Aus der Sicht Aichmaiers ist klar, was auf der Mariahilfer Straße noch fehlt. "Zur Intermodalität gehören auch saubere, emissionsarme Fahrzeuge. Man könnte etwa das Angebot von E-Carsharing erweitern. Autos mit Verbrennungsmotor könnten mit neuen elektrifizierten Lösungen ergänzt werden. E-Carsharing wäre neben dem öffentlichen Verkehr ein tolles Angebot."

Sowohl Personen- als auch der Güterverkehr ließen sich laut Aichmaier mit elektrifizierten Fahrzeugen abwickeln. Solche Konzepte bedürfen aber einer intelligenten Infrastruktur. Vorstellbar seien etwa eine Reihe von Schnellladestationen samt Parkplätzen, die für Elektroautos oder Hybridfahrzeuge zur Verfügung stehen. "Die Umgebung der Mariahilfer Straße wäre ein brillanter Startpunkt, um Elektromobilität in Wien ernsthaft umzusetzen."

Aktive Umgestaltung
Eine vorhandene Ladeinfrastruktur könnte der Lokalbevölkerung einen Anreiz zum Umstieg geben. "Mit der Umgestaltung wurden den Anrainern Parkplätze weggenommen. Wenn ein Teil davon für Elektrofahrzeuge wieder freigegeben würde, dann könnte das schon gut angenommen werden", meint Aichmaier. Aufstrebende Carsharing-Angebote in Wien, wie etwa Car2Go, würden zeigen, dass neue Mobilitätskonzepte eine gute Chance hätten, wenn sie Mobilitätsbedürfnisse erfüllen können.

Ausnahmegenehmigungen für Elektrofahrzeuge seien aber in der ganzen Stadt denkbar. Ein mögliches Modell: "Je nach Emissionswerten müssen für Fahrzeuge entweder die vollen Parkgebühren bezahlt werden oder weniger. Für Elektrofahrzeuge ist auch gar keine Parkgebühr denkbar." Bei einem Erfolg hätte die Stadt "schlagartig mehr Fläche, weniger Emissionen, weniger Lärmbelastung", meint Aichmaier.

Flexibilität
Vorerst solle man der neuen Mariahilfer Straße eine Chance geben, lautet Aichmaiers Plädoyer. "Ich denke, dass dieses Konzept eines ist, das Zeit braucht, um gelebt zu werden. Die eine oder andere Adaption wird es nach der Erprobung schon noch geben, damit ein langfristiger Erfolg gegeben ist."

Mobilitätsverhaltensforscherin Millonig betont das Beibehalten einer gewissen Flexibilität: "Smart Mobility bedeutet für mich auch Lernfähigkeit, aus Fehlern lernen können. Smart ist für mich, wenn man Dinge kommuniziert und Feedback bekommt. Man sollte versuchen, zu verstehen, was eine Maßnahme für andere Verkehrsteilnehmer bedeutet. Es gilt, "awareness" zu schaffen, verschiedene Teilnehmer mit verschiedenen Bedürnissen zu berücksichtigen. Gewisse Abstriche für den einen oder anderen wird es immer geben."

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