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20.08.2013

Mars One: „Chance auf das größte Abenteuer“

Christopher Vasko ist einer von vier österreichischen Kandidaten für das Raumfahrtprojekt Mars One. Mit der futurezone sprach er über die Motivation für seine Bewerbung, seine Vorstellungen über das Leben auf einem anderen Planeten und die hohe Wahrscheinlichkeit, beim mehrmonatigen Flug durch das All verstrahlt zu werden.

Bei dem Projekt Mars One geht es darum, die Menschheit endlich auf den Nachbarplaneten der Erde zu bringen. Die großen staatlichen Weltraumagenturen haben dafür noch keinen Plan vorgelegt. Deshalb versucht eine private Initiative, dieses Großvorhaben umzusetzen. Initiiert wurde Mars One vom niederländischen Unternehmer Bas Lansdorp. Offiziell vorgestellt wurde es im Mai 2012.

Mars One soll als globales Medienevent inszeniert und hauptsächlich durch Einnahmen aus TV-Lizenzverkäufen finanziert werden. Das gesamte Projekt, vom Trainingslager bis zum Betrieb einer Mars-Kolonie ab dem Jahr 2021, soll live im Fernsehen übertragen werden. Die Protagonisten und ersten Mars-Kolonisten werden in einem weltweiten Casting gesucht, Bewerbungen sind noch bis zum 31. August möglich. Über

gibt es bisher, darunter vier Österreicher. Einer davon ist Christopher Vasko.

Vasko ist 30 Jahre alt. An der Technischen Universität Wien studierte er Physik. Derzeit ist er PhD-Student an der Eindhoven University of Technology und forscht dort im Bereich Plasma-Chemie an so genannten kalten Mikrogasentladungen. Seiner frühen Begeisterung für Astronomie und Raumfahrt folgte die Mitgliedschaft im Österreichischen Weltraumforum. Derzeit ist Vasko Vizepräsident des Space Generation Advisory Council, einer UN-Jugendorganisation zum Thema Weltraumpolitik.

Warum wollen Sie zum Mars fliegen?
Eine bemannte Reise zum Mars stellt eine der größten Herausforderungen dar, die sich die Menschheit seit den Apollo-Missionen gestellt hat. Durch die enorme Distanz zur Erde müsste eine bemannte Mission vollkommen autark sein. Es gibt kein Sicherheitsnetz und so wie keinen Raum für Fehler. Ich denke diese enorme Herausforderung ist es, die mich besonders reizt.

Bei Mars One kann sich Jedermann bewerben. Die große Hürde stellt für viele Interessierte wohl das fehlende Rückreiseticket im Rahmen der Mission dar. Auch für Sie?
Das Missionsprofil wird in dieser Form um einiges einfacher, realistischer. Technologisch gesehen ist es eine große Hürde, vom Mars zu starten. Auch die enorme Distanz zur Erde ist eine große Hürde. Ein Signal braucht bis zu 20 Minuten um die Distanz Erde-Mars zurückzulegen, wodurch alles voll automatisch ablaufen muss. Es ist viel einfacher, sich auf einen dauerhaften Aufenthalt einzustellen.

Was sagen Familie und Freunde zu Ihrer Bewerbung?
Die Reaktionen darauf waren sehr gemischt. Natürlich nehmen es viele Bekannte von mir nicht ernst. Generell waren viele zuerst entsetzt und dann überrascht. Ein Großteil hat aber gar keine Ahnung, dass ich mich beworben habe.

Mars One sieht eine Kolonie von anfänglich vier Personen vor, die alle zwei Jahre um vier weitere Bewohner erweitert wird. Wie kann man Ihrer Meinung nach dauerhaft am Mars überleben?
Der Mars ist ja noch ein relativ "freundlicher" Planet im Vergleich zu anderen Orten im Sonnensystem. Die Temperaturen sind im Bereich von minus 150 bis plus 30 Grad Celsius. An den Polkappen finden sich große Mengen von Wassereis, auch unter der Oberfläche wird Wasser vermutet. Um am Mars zu überleben muss man sich der Ressourcen vor Ort bedienen und alles verwerten, was möglich ist. Am schwierigsten wird es sein, Nahrung zu erzeugen und ein strahlungsgeschütztes Umfeld für die Mannschaft zu bieten. Es wird viel Erfindungsreichtum notwendig sein, um auf Dauer dort zu überleben.

Mars One

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Mars One Kurier-Grafik.

Mars One Kurier-Grafik.

Mars One Chris Vasko Raumfahrt.

Mars One Chris Vasko Raumfahrt.

Wie gut kommen Sie mit beengten Verhältnissen zurecht?
Gut. Was mir eher Sorgen macht, ist die Zusammenstellung der Mannschaft. Es ist eine Sache, in einem beengten Raum zu leben. Eine ganz andere ist es, wenn man sich diesen Raum mit Menschen teilen muss, mit denen man nicht zurecht kommt. Das ist eines der Kernprobleme jeder bemannten Mission. Was ist die ideale Crew? Wie löst man Konflikte? Wie findet man das korrekte Gleichgewicht aus Arbeit, Entspannung und Spaß?

Macht Ihnen der Gedanke an ein eingesperrtes Leben nichts aus?
Nein. Sollte die Mission erfolgreich sein, steht der Mannschaft ein ganzer Planet zur Verfügung. Sicher, in einem Raumanzug und Wohnmodulen. Aber es gibt auch genug Ziele, um sich mehrere Menschenleben lang beschäftigt zu halten.

Die Raumfahrer sollen von den höheren Casting-Runden bis zum Alltag am Mars von TV-Kameras begleitet werden. Lassen Sie sich gerne filmen?
Selbstverständlich. Das macht mir nichts aus. Wenn man viel online ist und mit modernen Medien arbeitet, ist Privatsphäre ohnehin eine Illusion. Und wenn es dem Zweck dient, Wissen zu vermitteln, macht es mir Spaß.

Stellen Sie sich Mars One mehr als Reality Show oder als ernsthaftes, wissenschaftliches Projekt vor?
Ich denke, im Augenblick ist es eher eine Reality Show. Erst wenn die ersten Flüge mit Material starten, bekommt der wissenschaftliche Teil für mich einen realen Aspekt und es wird absehbar, in welchem Rahmen das Projekt durchstarten kann. Als Physiker ist man Realist.

Mars One soll durch TV-Lizenzen und vielfältige Kooperationen finanziert werden. Glauben Sie, dass das funktionieren kann?
Die Idee, das als Crowdsourcing-Projekt und Reality Show anzugehen, finde ich fantastisch. Kein Staat der Welt kann sich ein "Space Race" leisten, wie beim Wettlauf, der die Menscheit auf den Mond gebracht hat. Bei Mars One könnten große Unternehmen einen Anreiz finden, zu investieren. Man stelle sich vor: Das erste Bild eines Menschen, der mühsam aus der Landefähre steigt. Zoom auf den ersten Fußabdruck: Man sieht das Nike-Logo im Marssand. Das Marketingpotenzial ist wohl kaum in Nummern zu fassen.

Welche Aufgaben würden Sie bei der Mission erfüllen wollen?
Es wird wohl nicht möglich sein, bei einer solchen Mission einen einzigen Aufgabenbereich zu haben. Jedes Mannschaftsmitglied wird in einer Vielzahl von Bereichen ausgebildet, von Medizin, Elektrotechnik hin zu Physik, Psychologie und Geologie. Wenn Hilfe von der Erde nur schwer erreichbar ist, muss man sich auf sein Team verlassen können - und hoffen, dass man sich noch an alle MacGyver-Folgen erinnert.

Auf der Mars-Kolonie soll rein pflanzliche Nahrung gezüchtet werden. Sind Sie bereit dafür, Ihr restliches Leben ab dem Missionsbeginn Vegetarier zu sein?
Tja, das ist sicher ein großer Schwachpunkt in meiner Bewerbung. Ich koche und esse für mein Leben gern. Aber letztendlich: Ja. Für diese Mission bin ich sogar bereit, auf ein gutes Gulasch zu verzichten. Eventuell wird es mir ja per Raumpost als Konserve geliefert.

Wie könnte Mars One bestenfalls für Sie ausgehen?
Ich komme ins Finale und berichte ein paar Jahre später live vom höchsten Berg des Sonnensystems, dem 27 Kilometer hohen Olympus Mons.

Wie schätzen Sie die Gefahr ein, bei der Mission verstrahlt zu werden?
Als sehr hoch. Es ist einer der teuersten Punkte einer bemannten Mission, ein Raumschiff zu bauen, das ausreichend Schutz für die geschätzten sechs bis neun Monate Transit bietet. 400 Tonnen sind das geschätzte Minimalgewicht. Aber selbst bei dieser Ausführung wäre die Mannschaft in bestimmten Situationen beinahe schutzlos. Im Falle einer CME [coronal mass ejection - eine Art Sonnenbeben, welches sehr hohe Mengen an Strahlung freisetzt, Anm.] wäre die Mannschaft binnen Minuten tot. Im Augenblick gibt es noch keine befriedigende Lösung für dieses Problem.

Kommen Sie gut mit Krisensituationen zurecht?
Ich würde sagen, ja. In meiner Freizeit tauche ich sehr gerne und habe die Ausbildung zum Divemaster erst vor Kurzem abgeschlossen. Ein gutes, umfangreiches Training kann einen auf sehr viel vorbereiten. Wenn man dazu noch in einem Team arbeitet, in dem jedes Mitglied professionell reagiert, kann man viel erreichen.

Denken Sie darüber nach, ob Sie bei der Mission sterben könnten?
Eigentlich nicht, nein. Aber ich bin der Meinung, dass wir in unserem Leben jede Chance ausnutzen können, die sich uns bietet. Und sollte Mars One es wirklich schaffen, trotz aller Umstände eine Crew auf den Mars zu schicken, wäre das wohl das größte Abenteuer unserer Zeit. Ich würde mir nie verzeihen, es nicht zumindest versucht zu haben.

Welchen Anteil haben Ruhm und Ehre an Ihrer Motivation, bei Mars One mitzumachen?
Relativ wenig. Jeder sollte seine Talente so gut es geht, einsetzen. Ich habe diesbezüglich Glück: Ich habe ein gutes Gefühl für Technik, aber auch für Sprachen und Menschen. Ich fühle mich in jeder Umgebung wohl und sehe mich als Generalist, was für eine Mission wie diese ideal ist. Ich habe das in großem Maße meiner Familie zu verdanken, die mich immer unterstützt und gefördert hat. Daher spielen Ruhm und Ehre eine relativ kleine Rolle. Aber fragen Sie mich nochmal, wenn ich unter die Finalisten komme.

Für wie realistisch halten Sie es, dass Mars One tatsächlich durchgeführt wird?
Ich weiß nicht. Technisch gesehen ist es alleine eine Frage des Willens. Der Zeitrahmen für die Mission ist zu eng gefasst, denke ich. Und wie immer wird sich letztlich alles am guten alten Geld entscheiden. Wenn es die Organisatoren schaffen, genug Unternehmen, Zuseher, Forschungsinstitute und Sponsoren um sich zu scharen, ist wohl alles möglich. Die nächsten Jahre werden es zeigen.

Wie groß ist die Chance, dass Sie im letzten Moment von der Mission abspringen würden?
Gering. Sollte ich wirklich bis in die allerletzte Runde kommen, ist kein Platz mehr für Zweifel an mir selbst, der Idee oder der Mission.

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