Digital Life 06.10.2017

Massenansturm auf Wiener Chatbot-Konferenz

© Bild: Getty Images/iStockphoto/Irina_Strelnikova/iStockphoto

Bereits zum zweiten Mal fand eine der größten Chatbot-Konferenzen der Welt in Wien statt. Der Ansturm überraschte selbst die Veranstalter.

Dass sich Wien mittlerweile zu einem internationalen Hotspot für Chatbots entwickelt hat, ist bereits seit knapp einem Jahr zu hören und zu lesen. Doch am Montag trat man den Beweis an: Hunderte Menschen strömten zum Community Day der ChatbotConf, einer Wiener Chatbot-Konferenz. Damit übertraf man leider auch die geplanten Kapazitäten der Veranstalter, weswegen viele interessierte Besucher draußen bleiben mussten. Viele hatten einfach übersehen, dass man sich für die Events im Vorfeld anmelden muss. Rund 600 Teilnehmer schafften es dennoch auf die zehn verschiedenen Events, die neben Workshops, Präsentationen und Diskussionen auch einen Walzer-Kurs umfassten.

Das Gründungsteam von Oratio, unter anderem Bernhard Hauser (2. v. l.) und David Pichsenmeister (2. v. r.)
Das orat.io-Team: René Tanczos, Bernhard Hauser, David Pichsenmeister, Lisa-Marie Fassl (von links nach rechts) © Bild: orat.io
Bernhard Hauser, Gründer des Messenger-Start-ups Oratio und einer der Veranstalter der ChatbotConf, entschuldigte sich bei der Eröffnung der Konferenz für den Platzmangel und gelobte Besserung. Im Vergleich zum Vorjahr, als man mit der ChatbotConf die erste Chatbot-Konferenz Europas veranstaltete, ist man aber deutlich gewachsen. Allein am Konferenz-Tag kamen rund 500 Besucher auf den Erste Campus. Unter anderem auch ein Ergebnis der Neuausrichtung. Während die erste ChatbotConf noch den Fokus auf Mitteleuropa legte, denkt man mittlerweile global: “Wir mussten es einfach größer machen, als wir festgestellt haben, dass aus ganz Europa und teilweise aus der ganzen Welt großes Interesse am Thema Chatbots bestand.”

"Twitter-Nutzer lieben 'nukleare Option'"

Das zeigte auch das Programm, das 27 Speaker aus aller Welt umfasste. Den Anfang machte Twitter, das beim Thema Bots immer wieder in den Schlagzeilen zu finden ist. Seien es nun Social Bots - automatisierte Fake-Accounts, mit denen die öffentliche Meinung beeinflusst werden soll - oder Microsofts missglücktes KI-Experiment Tay, der Tenor war eher negativ. Nach diesen PR-Desastern versuchte es Twitter mit Chatbots für Unternehmen. Nimmt ein Kunde über Twitter Kontakt auf, können diese automatisiert antworten, bei Bedarf kann aber auch ein Mensch übernehmen. Eine durchaus sinnvolle Funktion, interagieren doch 83 Prozent der Twitter-Nutzer mit Unternehmen und nutzen die Plattform oftmals, um Fragen oder Beschwerden zu stellen.

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Um das zu beschreiben, wählte Joe Rice, Head of Partnerships EMEA bei Twitter, einen in Anbetracht des Nordkorea-Konfliktes unvorteilhaften Vergleich: “Unsere Nutzer wollen in der Lage sein, die ‘nukleare Option’ zu ziehen (Anm. d. Red.: Beschwerde beim Unternehmen) und Twitter ist ein großartiger Ort dafür.” In den USA, in denen Twitter einen Großteil seiner Nutzer zählt, funktioniert das bereits recht gut. Rice demonstrierte mehrere Projekte von namhaften Kunden, wie den Fast-Food-Ketten Wendy’s und Denny’s, Starbucks und der Fluglinie United. Doch hierzulande spielt Twitter mit rund 150.000 aktiven Nutzern eine eher untergeordnete Rolle - obwohl “ Wien eine Region ist, die für Twitter stets höchste Priorität hat”, so Rice.

Robotern Sprechen beibringen

Mit Facebook und Amazon dominieren aber zwei andere US-Unternehmen die Chatbot-Branche. Während Facebooks Messenger mittlerweile mehr als 100.000 textbasierte Chatbots und ebenso viele Entwickler zählt, beherrscht Amazon mit Alexa den Markt für Sprachassistenten. Diese können per Spracheingabe einfache Befehle verstehen, beispielsweise um die Nachrichten vorlesen zu lassen oder um das Licht zu steuern. Doch beide Plattformen haben trotz Erfolg noch Kinderkrankheiten. Während Facebook mittlerweile Entwicklern zu vorgefertigten Antworten rät, weil 70 Prozent der automatisch verarbeiteten Eingaben falsch erkannt wurden, kann Alexa nur einfache Befehle verstehen und erlaubt keine Nachfrage. Das bringt vor allem die Entwickler in Bedrängnis, die zunehmend in die Rolle eines Psychotherapeuten schlüpfen müssen.

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This product image provided by Amazon shows the Amazon Echo speaker. The biggest feature in Amazonís Echo speaker is a voice-rec… © Bild: AP/Uncredited
“Wir müssen den Maschinen beibringen, wie sie bessere Unterhaltungen führen können”, erklärt Lauren Golembiewski von der auf Chatbots spezialisierten US-Agentur Voxable. Dafür nutzt sie grundlegende Studien zur menschlichen Konversation, aber auch Fachwissen zum Thema Usability und Sprachwissenschaften, wie die Grice’schen Konversationsmaximen, werden herangezogen. Doch gerade hier werden Amazons Sprachassistenten noch durch ihre geringe Intelligenz limitiert. Während menschliche Konversationen komplex sind und sich Gesprächspartner immer wieder auf lange zurückliegende Aussagen beziehen, weiß Amazons Sprachassistent meist nicht einmal mehr, was der Nutzer einen Satz zuvor gesagt hat. “Ohne die Fähigkeit, sich an bereits Gesagtes zu erinnern, ist ein Chatbot genauso frustrierend wie jene Menschen, die sich jedes Mal bei einem vorstellen, obwohl man sie schon Millionen Mal getroffen hat”, meint Golembiewski.

Regionale Lösungen

Eine Tatsache, an der auch die besonders aktive Wiener Chatbot-Community nichts ändern kann. Doch diese versucht diesen Umstand zumindest mit charmanten Antworten und cleveren Lösungen zu kaschieren. So hat Oratio unter anderem eine Funktion vorgestellt, mit der von Chatbot geführte Unterhaltungen von Menschen übernommen werden können - es brauche einfach diese “menschliche Komponente”, so Hauser. Doch auch an kreativen Chatbots von heimischen Entwicklern mangelt es nicht. Zu den besonders beliebten Beispielen WienBot, Swelly und RecordBird gesellen sich mittlerweile mehrere Dutzend weitere Chatbots dazu. Dabei gibt es neben Lösungen von großen Unternehmen, beispielsweise Wien Energie, auch Projekte mit großen Ambitionen, die nur als Hobby-Projekt gestartet wurden.

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So trägt der Entwickler Philipp Naderer mit dem Seestad.city-Bot für die Bewohner der Wiener Seestadt relevante Informationen zusammen. Nutzer können den Bot nach den Abfahrtszeiten für die Öffis, Standorte von Ärzten oder Öffnungszeiten von Geschäften fragen. Ähnlich simpel und clever ist auch der Wachhund-Chatbot, der Haustierbesitzer warnt, wenn in der Nähe Giftköder gefunden wurden. Damit die Vielfalt an österreichischen Chatbots weiter wächst, gibt es mittlerweile mehrere Initiativen, die diese aktiv fördern, allen voran der Chatbot-Inkubator Lemmings.

Dieser veranstaltet allein dieses Jahr 16 Hackathons in Wien. Dabei treffen sich die Teilnehmer des Programms und Freiwillige, um gemeinsam in kurzer Zeit kleine Projekte umzusetzen. So wurden unter anderem beim Kurier, dem Musikfestival Waves Vienna und im ORF rasch Ideen für Chatbots entwickelt und diese als Prototypen verwirklicht. Im November folgt der nächste Hackathon im Museumsquartier, bei dem Chatbots für die Vienna Art Week entwickelt werden sollen.

Zukunft des Internets

Und auch der weltweit erste Chatbot-Accelerator “Elevate”, der vom Wiener Start-up The Ventury organisiert wurde, präsentierte kürzlich seine ersten vier Absolventen vor 100 potenziellen Investoren. Die Vielfalt ist dabei groß. IconicBot ist beispielsweise eine Plattform, mit der Prominente rasch Chatbots für die Interaktion mit ihren Fans entwickeln können. Toni hält hingegen Fußball-Fans über die Ergebnisse und Nachrichten ihrer Lieblingsmannschaften auf dem Laufenden. Jingle will lokale Einzelhändler unterstützen und sucht für den Nutzer den besten Preis in der Umgebung. Selly hilft hingegen beim Verkauf von gebrauchten Gegenständen. Auf der ChatbotConf begab man sich nun auf die Suche nach den nächsten Teilnehmern. Diese werden mit Coaching und Mentoring, aber auch mit Büroräumlichkeiten sowie 5000 Euro für Reisekosten und Firmengründung unterstützt.

Die Hoffnungen auf den Durchbruch im noch recht jungen Markt sind groß, obwohl es kaum große Erfolgsbeispiele gibt. Ein Chatbot-Start-up mit “Unicorn”-Status (Anm. d. Red.: Start-ups, die mehr als eine Milliarde Dollar wert sein sollen) gibt es bislang noch nicht. Ein Umstand, den auf der ChatbotConf aber niemanden störte. Für David Pichsenmeister, einem der Gründer von Oratio, sind Chatbots ohnedies erst der Beginn: “Die meisten von uns hatten das erste Mal Kontakt mit dem Internet über den PC und eine 56k-Leitung. Heute gehen die meisten Nutzer mobil online. Künftig werden wir aber das Internet über einfache Gespräche nutzen können.”

( futurezone ) Erstellt am 06.10.2017