© Gregor Gruber

Rechnungsschock
10/11/2011

Mobilfunk-Falle: 600 Euro für 6 Gigabyte

Noch im März dieses Jahres hatten die Mobilfunker eine Absichtserklärung unterzeichnet, dass Kunden besser vor Tariffallen geschützt werden sollen. Ein halbes Jahr später ist von den guten Absichten bei manchen Betreibern wenig übriggeblieben. Horrorrechnungen über mehrere Hundert Euro stehen weiterhin auf der Tagesordnung, wie der aktuelle Fall einer futurezone-Leserin exemplarisch aufzeigt.

von Martin Stepanek

Mit mobilen Datentarifen, die mehrere Gigabyte Daten um unter zehn Euro versprechen, zählt Österreich zu den günstigsten Mobilfunk-Ländern der Welt. Doch noch immer gibt es bei diversen Anbietern Verträge, die sich schnell als Kostenfallen entpuppen können. Für zusätzliche Datenmengen, die nicht im Paket inkludiert sind, werden statt dem obligatorischen einen Euro je nach Anbieter und Vertrag dann plötzlich zwischen 50 und 250 Euro pro Gigabyte verrechnet.

Wenn dann noch die von den Mobilfunkern viel gepriesenen Warnsysteme versagen, sind Rechnungen von 600 Euro und mehr nur eine Frage der Zeit, wie auch der aktuelle Fall der Drei-Kundin Katharina K. beweist. Als Anfang Juli im Webbrowser statt der gewünschten Internetseite eine Meldung auftaucht, dass das Datenlimit erreicht sei, macht sich Frau K. noch keine große Sorgen. Mit einem sofortigen Anruf bei der Drei-Hotline stellt sie ihren 9-Gigabyte-Tarif (um 9 Euro) auf den unlimitierten Tarif (15 Euro) um. Die nächsten zehn Tage verwendet sie den Stick nicht mehr, da ihr gesagt wird, der Tarif sei erst ab diesem Zeitpunkt gültig.

Handy gesperrt - Rechnung über 680 Euro
Als einige Tage später ihr Drei-Handy für kostenpflichtige Zusatzdienste gesperrt wird, erfährt sie schließlich auf Nachfrage, dass anstelle der üblichen 9 Euro Internetkosten bereits eine Rechnungssumme von über 680 Euro angefallen ist. Abgesehen von der Tatsache, dass Drei bei besagtem Tarif für zusätzlich verbrauchte Daten das 100-fache verrechnet – eben 100 Euro pro einem Gigabyte – ärgert sich die gelernte Marketingfachfrau auch über die Tatsache, dass sie kein Warn-SMS auf ihr Drei-Handy erhalten hat.

Bei der Auswahl des Tarifs hatte der Shopmitarbeiter ihr nämlich zum günstigeren Tarif geraten und versichert, sie werde bei Erreichen des Datenlimits ohnehin mit einer SMS verständigt. Dann könne sie kostenlos auf das größere Paket wechseln. Erst im Nachhinein stellte sich jedoch heraus, dass mit der SMS nicht ein klassisches Telefon-SMS gemeint war, sondern eine Benachrichtigung über das Drei-Einwahlportal, was unten links mit „1 neue Nachricht“ gekennzeichnet war.

Datenfalle Videotelefonie
Datenmengen von sechs Gigabyte und mehr in wenigen Tagen klingen nach viel, sind in der Praxis angesichts von anwachsendem HD-Videocontent und Programm- und Update-Downloads aber sehr schnell erreicht. Im Fall von Katharina K. fiel das Datenvolumen hauptsächlich aufgrund von arbeitsbedingten Videotelefonie-Sitzungen von zuhause aus an. Den hohen Verbrauch, vor allem aber die exorbitante Rechnung von über 680 Euro hatten Frau K. und ihr Lebensgefährte jedenfalls nicht vorgesehen.

Mit ihrer Schockrechnung steht Frau K. derzeit aber nicht alleine da, wie aktuelle Zahlen der Regulierungsbehörde RTR zeigen. Allein bis September 2011 wurden bei der RTR 4100 Schlichtungsverfahren wegen überhöhter Rechnungen eingereicht, 1800 davon betreffen mobile Datendienste. „In fast 50 Prozent der Problemfälle geht es um Streitsummen von 650 Euro und mehr. Das zeigt, dass definitiv Handlungsbedarf gegeben ist“, meint RTR-Chef Georg Serentschy im Gespräch mit der futurezone.

Drei weiß um Risiko
Bei Drei bedauert man den aktuellen Fall, spielt den Ball aber an die Kundin zurück. „Uns ist das Risiko bezüglich anfallender Zusatzkosten durchaus bewusst, welches ein Kunde bei der Wahl eines derartigen Tarifs eingeht“, meint Drei-Sprecherin Maritheres Paul auf Anfrage der futurezone. „Wenn man sich für einen Daten-Tarif mit einem begrenzten Volumen an Freimengen entscheidet, wird allerdings ein gewisses Maß an Kostenbewusstsein vorausgesetzt“, so Paul. Die 100 Euro Strafgebühr pro zusätzlich anfallendem Gigabyte bewertet sie als branchenüblich.

RTR: Gebühren nicht gerechtfertigt
„100 Euro pro zusätzlichem Gigabyte sind durch nichts zu rechtfertigen, das steht in keinem Verhältnis zu den anfallenden Kosten der Mobilfunker und kann auch nicht mit günstigen Paketpreisen argumentiert werden“, entgegnet allerdings RTR-Chef Serentschy. Wie Konsumentenschützer hofft Serentschy auf eine baldige Absegnung der Telekomgesetz-Novelle, die der RTR einen

geben soll. Denn während die EU im Bereich Datenroaming mittlerweile eine Schutzgrenze von 50 Euro plus Mehrwertsteuer eingezogen hat, fehlen entsprechende Schutzregelungen in Österreich. „Das hat dazu geführt, dass Kunden beim Surfen im EU-Ausland mittlerweile besser geschützt sind als im Inland“, kritisiert Serentschy.

Auch beim Verein für Konsumenteninformation (VKI) reagiert man mit Unverständnis auf die teuren Überschreitungsgebühren. Abgesehen davon, dass die jetzigen Warnsysteme laut VKI nicht ausreichend funktionieren, kritisieren die Konsumentenschützer auch, dass die Mobilfunker mit unterschiedlichen Mengenangaben – Gigabyte im Vertrag und Megabyte beim Überschreiten des Pakets – operieren. Denn selbst 25 Cent pro zusätzlich angefangenem Megabyte, wie im Fall des Telering-Tarifs Willi klingen nicht nach viel. Dass ein zusätzliches Gigabyte damit allerdings statt auf einen Euro auf 250 Euro kommt, sollte die Alarmglocken schrillen lassen.

Konsumentenschutz kritisiert unterschiedliche Einheiten
„Dass beim Vertrag und bei den zusätzlich anfallenden Kosten nicht die selbe Einheit verwendet wird, ist die eigentliche Wurzel des Übels. Denn durch diese Auspreisung werden die wahren Kosten verschleiert“, kritisiert Konsumentenschützer Peter Kolba im Gespräch mit der futurezone. Die Erfahrung habe gezeigt, dass sich Kunden sehr schwer mit dem Einschätzen dieser Datenmengen tun. „Wieviel ein Megabyte oder ein Gigabyte in der Praxis sind, können sich Kunden meist nicht vorstellen. Dazu kommt, dass Datenverbindungen teilweise im Hintergrund ohne Wissen der Kunden aktiv sind und ebenfalls Kosten verursachen können“, so Kolba.

Kunden, die mit exorbitanten Rechnungen konfrontiert sind, bleibt neben der Einleitung eines Schlichtungsverfahrens bei der RTR zusätzlich auch der Gang zum VKI, der geprellte Kunden etwa mit Sammelklagen vertritt. So sind derzeit laut VKI weiterhin Musterprozesse am Laufen, mit denen man den hohen Zusatzgebühren gerichtlich den Garaus machen will. „Die Mobilfunker wollen diese Frage natürlich nicht ausjudiziert sehen. Deswegen kommen viele Musterprozesse über die ersten Schritte nicht hinaus, da sich die Mobilfunker mit den betroffenen Kunden vergleichen und so die Sache vom Tisch wischen“, so Kolba. „Das ist für die Masse der Leute natürlich unbefriedigend.“

Geschwindigkeit drosseln statt Zusatzgebühren

Dass die Mobilfunker selbst etwas gegen die Kostenfalle unternehmen können, zeigen die Tarif-Modelle von Orange und neuerdings auch von T-Mobile. So fallen Kunden nach Verbrauch des abgeschlossenen Paketes keine zusätzlichen Kosten an. Vielmehr wird die Geschwindigkeit der Datenverbindung für den Rest des Monats zurückgedrosselt. Und auch bei den Discount-Angeboten von bob und yesss geht es recht fair zu. So fallen bei den Datenangeboten 4 Euro pro angefangenem Gigabyte an. Hochgerechnet auf mehrere Gigabyte ist das zwar nicht wirklich günstig, aber für Wenig-Surfer ein durchaus interessantes Angebot.

Bei den restlichen Mobilfunk-Anbietern wird das Überschreiten des mobilen Daten-Pakets teuer. A1 verlangt 50 Euro pro zusätzlichem Gigabyte, Drei verrechnet 100 Euro beim Vertrag 3Data 10 GB und Telering gar 250 Euro beim Vertrag Willi (9 Gigabyte für 9 Euro). Als Alternative bietet Drei eine Flatrate um 15 Euro an. Telering hat eine Willi-Option um 12 Euro, bei der nach Verbrauch des 9-Gigabyte-Pakets ebenfalls die Geschwindigkeit gedrosselt wird.

Im Zweifelsfall sollten Kunden folglich eher zu einer Flatrate bzw. zu einem Vertrag greifen, bei der keine Zusatzgebühren nach Ausschöpfen der Datenmengen anfallen. Darüber hinaus empfiehlt sich, den eigenen Datenverbrauch regelmäßig online bzw. über bereitgestellte Tools der Mobilfunker zu kontrollieren.

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