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Online-Netzwerke "Neue Formen der Gemeinschaftlichkeit probieren".

Foto: Silvia Bandini Glaser
Der Schriftsteller und Journalist Peter Glaser wird am Donnerstag beim E-Day der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) über das Mitmachweb und soziale Medien sprechen. Mit der futurezone hat Glaser im Vorfeld der Veranstaltung über Online-Netzwerke, den Schutz der Privatsphäre, die Medienzukunft, Google News und Kaffeehäuser und mehr Offenheit und Transparenz in der Gesellschaft geplaudert.

futurezone: Herr Glaser, wie haben diese Online-Netzwerke wie Facebook und Twitter die Kommunikation verändert?
Peter Glaser: Wir gehen jetzt viel offener und vernetzter miteinander um. In den Anfangszeiten des Internet war die Kommunikation eher wie Rohrpost. Wenn man per E-Mail miteinander kommunziert hat, ging es von A nach B, in dieser Form von Kommunikation haben keine weiteren Teilnehmer Platz gefunden. Die Webseiten waren vergleichbar mit Schaufensterscheiben. Jetzt haben sich das Netz und seine Erscheinungsformen geradezu dramatisch geöffnet. Es hat mit Blogs angefangen, wo man in öffentlicher Form Tagebuch oder ein Ideenjournal führen konnte. Jetzt haben wir Facebook, das ist eine Art Riesenwohngemeinschaft ist, in der sich 500 Millionen Leute befinden.

Nutzen Sie eigentlich Facebook aktiv?
Ja, ich bin sehr neugierig. Das Ganze ist noch sehr neu für uns alle. Deshalb verbring ich sehr viel Zeit damit. Ich forsche und experimentiere. Ich möchte herausfinden, was man da machen kann, was andere Leute da machen und was ich selber für Möglichkeiten habe, im Guten wie im Schlechten.

In Bezug auf Ihre Privatsphäre haben Sie keine Bedenken?
Ich bin skeptisch. Was meine persönlichen Daten angeht, lasse ich Datensparsamkeit walten. Andererseits kann man bestimmte Vorteile, die die Vernetzung bietet natürlich nur genießen, wenn man ein bisschen was von sich preisgibt. Das ist notwendig, um diese neue Formen der Gemeinschaftlichkeit ausprobieren zu können.

Als ich vor drei Jahren mit Facebook anfing, habe ich als Geburtsdatum erstmal den 1.1. eingegeben. Im Jahr darauf haben mir die vielen Kontakte, die ich in der Zwischenzeit hatte, am 1.1. zum Geburtstag gratuliert. Das ist natürlich unangenehm und zeigt, wie man durch diese sozialen Netze auch unter Druck geraten kann. Ich wollte nicht 200 Leuten E-Mails schreiben, dass ich an diesem Tag gar nicht Geburtstag habe und hab schließlich resigniert und mein richtiges Geburtsdatum reingeschrieben. Das ist ein Beispiel, wie sich die Dinge mit ihrer Form ändern.

Solchen Netzwerken wurde in den vergangenen Monaten im Zusammenhang mit den Aufständen im arabischen Raum ein großes Potenzial zugeschrieben. Wie beurteilen Sie die Rolle, die diese Kommunikationskanäle dabei gespielt haben?
Sie haben eine nicht unbedeutende Rolle gespielt. Sie waren zwar sicherlich nicht der Auslöser aber sie haben die Funktion eines Katalysators oder eines Beschleunigers gehabt. Dinge, die wahrscheinlich ohnehin passiert wären sind wesentlich schneller, intensiver und überraschender passiert.

Es gibt auch zunehmend Tendenzen zur Überwachung von Online-Kommunikationsflüssen. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
Es gibt mit jeder Kommunikationstechnik das Interesse, die Kontrollfunktionen auszunutzen. Ein Beispiel, wie diese Überwachungsbestrebungen ins Leere gelaufen sind, sind die Anschläge vom11. September 2001 in den USA. Ende der neunziger Jahre gab es eine große Diskussion über Echelon, eine großes Überwachungssystem, bei dem man das Gefühl hatte, dass es überhaupt nichts mehr gibt, was privat oder geheim ist. Nach dem 11. September war allerdings nichts davon zu merken. Die große albtraumhafte Überwachung konnte das nicht verhindern. Es ist eine ambivalente Geschichte. Es wird immer Bestrebungen geben, die technischen Möglichkeiten zur Überwachung auszuweiten und zu verbessern. Es wird aber - zum Glück - zumindest in demokratischen Systemen kontrollierende und widersprechende Instanzen geben.

Ein Thema beim E-Day werden auch die Medien der Zukunft sein. In einem Vortrag, den sie im vergangenen Jahr bei der re-publica in Berlin gehalten haben, haben Sie gesagt: "Journalismus ist die zivilisierteste Form von Widerstand, und sei es nur gegen die Langeweile. So groß kann keine Krise sein, dass er verschwände."  Unter welchen Rahmenbedingungen wird Journalismus in Zukunft stattfinden, wagen Sie eine Prognose?
Die Grundfunktion des Journalismus, das Erzählen von spannenden Geschichten, die recherchiert werden müssen, wird unverändert bleiben. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verändern sich sehr stark. Dabei gibt es allerdings Unterschiede zwischen den USA und Europa. In den USA spielen Anzeigenerlöse im Zeitungswesen eine größere Rolle. Die durch die Abwanderungen von Anzeigen ins Internet ausgelöste Anzeigenkrise hat dort dramatischer Auswirkungen als bei uns.

Andererseits gibt es sehr viele Experimente, etwa mit dem iPad von Apple als einem neuen Trägermdium, in dem auch der Zahlungsverkehr abgewickelt wird. Ich will keine Prognose wagen. Journalismus wird in einer wesentlich komplexeren Form als bisher aber weiter stattfinden. Es gibt Dinge, die mit den sozialen Netzen und den  neuen Formen gemeinschaftlicher Tätigkeit zu tun haben, mit der sich der klassische Journalismus zu arrangeieren versucht. Etwa mit dem Bloggen oder der Nachrichtenweitergabe über Twitter.

Es gibt auch Phänomene, die für einen einzelnen Verlag schwierig zu handhaben sind, wie etwa die so genannten Aggregatoren, die Informationen aus unterschiedlichen Quellen zusammenführen. Google News ist das prominenteste Beispiel. Das ist übrigens ein Phänomen, das wir Österreicher schon seit langer Zeit kennen. In jedem guten Kaffeehaus gibt es den Zeitungstisch mit einer Auswahl der Tages- und Wochenpresse, die man sich nicht selber kaufen würde. Dazu geht man halt ins Kaffeeehaus und zahlt für seinen Kaffee ein bisschen mehr. Das ist die analoge Form der Aggregation, die eine Übersicht ermöglicht, die ein einzelner Verlag nicht leisten kann, weil er eben nur ein einzelner Verlag ist.

Welche Rolle werden Whistleblower-Plattformen wie Wikileaks in einem künftigen medialen Ökosystem spielen?
Das Phänomen selbst ist ja schon viele Jahre alt. Cryptome gibt es seit 15 Jahren. Wikileaks hat möglicherweise zum richtigen Zeitpunkt einen Nerv getroffen. Da haben auch die Inhalte eine Rolle gespielt. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 hat die Geheimhaltung nicht nur in den USA stark zugenommen und teilweise bizarre Ausmaße angenommen. Wikileaks ist also schon allein als Korrektiv für eine solche Verkapselung notwendig.

Ich glaube aber, dass sich die westlichen Gesellschaften - vielleicht auch die ganze Welt - hin zu mehr Offenheit und Transparenz entwickeln. Es scheint ein gigantisches soziales Experiment im Gange zu sein, das mit der Vernetzung zusammenhängt. Durch die Vernetzung werden die Wände, die uns umgeben, transparenter und durchlässiger.

Die Kommunikationstechnik führt fast automatisch dazu, dass so etwas passiert. Es findet ein Kontrollverlust in Richtung demokratischer Medien statt. Beim klassischen Broadcasting hat es einen Sender gegeben. Wir Leser, Zuhörer und Zuschauer haben das empfangen. In der Zwischenzeit haben sich die die Dinge grundlegend verändert. Die Verbreitung einer Nachricht hängt nicht mehr von den Sendern, sondern von den Empfängern ab. Wenn ich auf Twitter oder Facebook etwas Interessantes lese, entscheide ich darüber, ob ich das weiterverbreite oder nicht. Wenn viele finden, dass eine Nachricht verbreitenswert ist, entsteht eine Kaskade, dei zu einer hohen Aufmerksamkeit führt.

Die Tendenz zu Offenheit und Transparenz lässt sich aber auch an vielen anderen Phänomenen beobachten. Vor 15 Jahren hat man einen geschlossenen Raum aufgesucht, um zu telefonieren. Auch als die ersten Handys aufgekommen sind, wurde es als unangenehm empfunden, wenn man an privaten Unterhaltungen beteiligt wurde. In der Zwischenzeit ist das völlig normal geworden. Das ist ein kleines Beispiel für Dinge, die auch im Großen stattfinden.

Zur Person:
"1957 als Bleistift in Graz geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden; lebt als Schreibprogramm in Berlin", beschreibt sich Glaser selbst. 2002 wurde er mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet. Er schreibt unter anderem in der Stuttgarter Zeitung eine Netzkolumne, betreibt das Blog Glaserei und bloggt auch für die Online-Ausgabe der deutschsprachigen Technology Review.

E-Day 2011
Am Donnerstag wird er beim E-Day der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) die Eröffnungs-Keynote halten. Unter dem Motto "Erneuern um zu wachsen" widemt sich die Veranstaltung, die mit rund 90 Vorträgen, Podiumsdiskussionen und Workshops aufwartet, der Nutzung sozialer Medien in Unternehmen. Weitere Themen sind Online-Marketing, Cloud Computing und die Medien der Zukunft.

(futurezone) Erstellt am 02.03.2011, 06:15

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