Digital Life 26.06.2014

Österreichische Technik im außerirdischen Einsatz

Die Triebwerke der Raumsonde BepiColombo werden mit Technik aus Österreich ausgerichtet © Bild: RUAG Space

In Wien und Berndorf entwickelte Komponenten der Firma RUAG Space stecken in einer Vielzahl an Satelliten und Raumsonden.

Die Raumsonde BepiColombo soll im Jahr 2016 von der Erde Richtung Merkur geschickt werden. Angetrieben wird sie von vier Ionen-Triebwerken, die während des Fluges neu ausgerichtet werden müssen, weil sich der Schwerpunkt der Sonde im Laufe der Mission verschiebt. Die Positioniermechanismen dafür stammen aus Österreich, genauso wie die Thermalisolation, welche die Instrumente von BepiColombo vor Temperaturschwankungen von bis zu 400 Grad Celsius schützen soll.

Ein Isolationsschild aus heimischer Produktion mit zehn Meter Durchmesser schützt die Instrumente des Weltraumteleskops Gaia. Anfang 2019 soll der europäisch-russische ExoMars-Rover mit der Erkundung unseres Nachbarplaneten beginnen. Sein Kamera-Mast stammt ebenfalls aus Österreich.

1 / 11
©RUAG Space

Am Standort Berndorf entwickelt und produziert RUAG Space maßgeschneiderte Isolationsmatten für Satelliten und Raumsonden.

©RUAG Space

Damit ausgestattet wurde unter anderem das Weltraumteleskop Gaia. Dessen runder Isolationsschild wurde erst im Weltall entfaltet.

©RUAG Space

Für einen Satelliten müssen teilweise 100 oder mehr Isolationsmatten in allen Größen angefertigt werden.

©RUAG Space

Ein weiteres Betätigungsfeld ist die Bordelektronik. Der Einsatz im Weltall verlangt eine spezielle Konstruktion, die sich von irdischen Computern unterscheidet.

©RUAG Space

Platinen werden in einem Reinraumlabor in Wien mit einem Pick-and-Place-Roboter je nach Anforderungsprofil zusammengesetzt.

©RUAG Space

In Vakuumkammern werden die produzierten Teile auf ihre Weltraumtauglichkeit getestet.

©RUAG Space

Das erfolgreichste Produkt von RUAG Space ist dieser Navigations-Empfänger, der in zahlreichen Satelliten eingesetzt wird.

©RUAG Space

Die Raumsonde BepiColombo wird ebenfalls mit Technik aus Österreich ausgestattet sein. Die vier Ionenantriebe der Sonde müssen während der Mission leicht verstellt werden.

©RUAG Space

Dafür wurde ein eigener Positioniermechanismus entwickelt. Alle Triebwerke sind an einem solchen montiert.

©RUAG Space

Der Positioniermechanismus für BepiColombo sowie alle anderen Produkte werden auf einem Rüttelstand getestet, um festzustellen, ob sie Vibrationen und Schocks überstehen.

©David Kotrba

In einem eigenen Fotolabor wird jedes Produkt bis in das kleinste Detail fotografiert, um die Herstellung genau zu dokumentieren.

Vielfalt an Produkten

Diese Beispiele zeigen eine Auswahl an Entwicklungen des Weltraumtechnik-Unternehmens RUAG Space, das zwei Standorte in Wien und einen im niederösterreichischen Berndorf betreibt. Seine Entwicklungen gliedert RUAG Space in vier Kategorien: Bordelektronik, Mechanik, Thermalsysteme und Mechanische Hilfsausstattung. Zu den Produkten zählen unter anderem Navigationsmodule, Steuerungscomputer, Öffnungs- und Ausklappvorrichtungen (etwa für Solarpaneele), Isolationen oder Transportcontainer für Satelliten.

Die Vielfalt an Produkten reicht bis zu solch einem kleinen, aber unentbehrlichen Teil wie einem Dämpfer für sprungfederbetriebene Öffnungsvorrichtungen. Dieser verhindert, dass beim Ausklappen eines Satellitenteils ungewollte Drehimpulse auf das Gesamtsystem übertragen werden. Die Referenzliste des Unternehmen kann sich sehen lassen. Neben den oben genannten Projekten ist RUAG Space unter anderem an den Missionen Galileo, Meteosat, Iridium, Rosetta oder dem James Webb Weltraumteleskop beteiligt.

Navigation für Satelliten

Das bisher erfolgreichste Produkt ist ein Navigationsempfänger für Satelliten, der die Position im Weltall mit einer Genauigkeit im Zentimeterbereich feststellen kann. Die präzise Verortung von Satelliten ist für die Genauigkeit von Messergebnissen, die immer in ein Verhältnis zur Lage des Instrumententrägers gesetzt werden müssen.

Mit dem Navigationsempfänger aus Österreich ist ein Großteil aller europäischen Erdbeobachtungssatelliten ausgestattet. Aber auch die NASA verwendet das Gerät. "Ein großer Erfolg, wenn man bedenkt, dass GPS aus den USA stammt", meint Max Kowatsch, der Geschäftsführer von RUAG Space Austria.

Isolationen für Medizingeräte

Einen ähnlich hohen Marktanteil wie bei der Navigation hat RUAG Space bei Thermalsystemen. Diese sollen vor allem das Innere von Satelliten vor Wärmeschwankungen schützen. "Bei 400 Grad Celsius würde kein Gerät funktionieren", erklärt Kowatsch. Deshalb werden 3D-Modelle von Satelliten analysiert und danach maßgeschneiderte Isolationsmatten, die aus mehreren Schichten bestehen, angefertigt.

Die Expertise bei Isolationen hat zu lukrativen Spin-Off-Produkten des Weltraumtechnik-Unternehmens geführt. In Magnetresonanztomografen (MRT) etwa werden Isolationen dafür benötigt, um die Temperatur von Supraleitern auf minus 273 Grad Celsius (nahe dem absoluten Nullpunkt) zu halten. Gleichzeitig wird verhindert, dass durch die Luftfeuchtigkeit Eis an der Außenseite der Supraleiter entsteht. Alle von Siemens hergestellten MRT-Geräte beinhalten Isolationsmatten von RUAG Space Austria.

Kooperiert wird auch mit BMW. Für den deutschen Automobilhersteller wurden die Wasserstofftanks von 120 Versuchsfahrzeugen isoliert.

200 Mitarbeiter in Österreich

RUAG Space ist die Weltraumtechniksparte des Schweizer Staatsunternehmens RUAG. Dieses ging aus der Beschaffungsabteilung der Schweizer Armee hervor und ist heute in den Bereichen Luftfahrt-, Verteidigungs- und Raumfahrttechnik tätig. Letzterer Bereich wurde durch die Akquisition von Saab Space im Jahr 2008 ausgebaut. Saab Space hatte sich zuvor das österreichische Unternehmen Austrian Aerospace einverleibt. Aus dessen Fundamenten entstand die Österreich-Sparte von RUAG Space.

"Space ist die jüngste Sparte von RUAG, aber diejenige, die am stärksten wächst", sagt Kowatsch. "Da weltweit die Verteidigungsbudgets schrumpfen, werden heute zivile Märkte stärker anvisiert." Heute beschäftigt RUAG Space Austria rund 200 Mitarbeiter in Wien und Berndorf. 2013 verzeichnete das Unternehmen 35 Millionen Euro Umsatz. 59 Prozent des Umsatzes stammen aus ESA-Programmen, 27 Prozent aus dem kommerziellen Weltraum-Sektor und 14 Prozent aus dem Geschäft abseits der Weltraumtechnik.

Erstellt am 26.06.2014