© Chokepoint Project / Screenshot

Verleihung
05/26/2011

Prix Ars Electronica im Zeichen der Demokratie

Die sieben Gewinner des Prix Ars Electronica 2011 sowie weitere ausgezeichnete Arbeiten stehen fest. Beim renommierten Medienkunst-Preis stehen heuer viele der Arbeiten im Zeichen von Transparenz und Kontrolle im Netz.

von Benjamin Sterbenz

Ursprüngliches steht dieses Jahr im Zentrum der Ars Electronica. Das Festival, das sich seit 1987 Kunst und Technologie widmet, findet heuer unter dem Motto „Origin – wie alles beginnt“ statt. Fixer Bestandteil und Höhepunkt der Linzer Ausstellung, die heuer von 31. August bis 6. September stattfindet, ist die Verleihung der Goldenen Nicas. Mit diesen Statuten werden jene Projekte und Ideen gekürt, die sich in den sieben Wettbewerbskategorien gegen Konkurrenz aus aller Welt durchsetzt konnten.

3.611 Projekte aus 74 Ländern wurden diesmal beim Prix Ars Electronica eingereicht – was einer deutlichen Steigerung im Vergleich zum Bewerb 2010 entspricht. Wie vergangenes Jahr verzeichneten die Kategorien „Digital Musics & Sound Art“ und die Jugendschiene „u19 Create Your World“ die meisten Einreichung, viel Zulauf verzeichnete heuer auch die Sparte „Computer Animation / Film / VFX“. Relativ konstant blieben hingegen die Bereiche „Interactive Art“, „Hybrid Art“ „Digital Communities“ sowie „[the next idea]“.

Die diesjährigen Gewinner-Arbeiten
Das Festival hat nun die Gewinner, die neben einer Goldenen Nica und einen Geldpreis aus dem mit 125.000 Euro dotierten Topf bekommen, der einzelnen Kategorien bekannt gegeben. Die Oscars der zeitgenössischen Medienkunst gehen heuer wieder an extrem unterschiedliche Arbeiten – denen jedoch allen eine aktionistische Note gemein ist.

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Newstweek – die Anspielung an das renommierte US-Magazin ist nicht zufällig – etwa thematisiert, wie Nachrichten in neuen Medien wahrgenommen werden und wie diese manipulierbar sind. Das Gewinnerprojekt der Kategorie Interactive Art wurde von dem Neuseeländer Julian Oliver und dem Russen Danha Vasiliev realisiert. Sie haben ein Gerät entwickelt, das Nachrichten auf Computer im selben Funk-Netzwerk verändert. Einerseits wollen sie damit die Technikhörigkeit und Gutgläubigkeit der Web-Nutzer vorführen. Andererseits wollen sie Bürgern durch ihre Gerätschaft die Möglichkeit geben, selbst Einfluss zu nehmen. Während Großkonzerne und Politik versuchen, Nachrichten zu beeinflussen, soll nun so auch Nutzern die Wahrnehmung der Realität gestalten können.

Bürger-Partizipation und Initiativen für mehr Transparenz
Um Partizipation und Information geht es auch beim Gewinner der Kategorie Digital Communities. Die „Fundación Ciudadano Inteligente“, eine chilenische Organisation für Bürgerrechte, hat 2009 eine Web-Plattform für die Präsidentschaftswahl eröffnet. Auf der Plattform wurden Information zu den Politikern gesammelt, die jeder Einsehen und diskutieren konnte. Generell versucht die Bewegung in Chile mittels neuer Medien mehr Transparenz zu schaffen und demokratische Prozesse zu unterstützen. Was solches Engagement auslösen kann, haben die Umstürze in Nordafrika und dem Nahen Osten demonstriert. Auch deshalb geht der Preis an die Organisation.

In eine ähnliche Richtung geht auch der Gewinner der „next idea“, einem Forschungspreis der voestalpine. Unterstützt wird heuer das Choke Point Project der renommierten, niederländischen P2P Foundation. Es geht der Frage nach, wer die Kontrolle über das Internet hat und wie Staat und Organisationen es auf einer Infrastruktur-Ebene beeinflussen können. Das Projekt will den Mythos widerlegen, dass das Netz dezentral und autonom funktioniert. Denn wie sich etwa bei den Aufständen in Nahen Osten gezeigt hat, ist der Zugang zum Internet oft schnell gekappt.

Aktionistisches und Groteskes
In den Kategorien Hybrid Art – sie wurde 2007 neu eingeführt – als auch bei der Computeranimation geht es heuer radikal zu. In ersterem Bereich erhält die Künstlerin Marion Laval-Jeantet eine Goldene Nica. In ihrer Aktion „May the Horse Live in me“ geht es um die Transfusion von Blutplasma zwischen einem Pferd und einem Menschen. Mit dieser extremen Körperkunst will die Französin die Forschung zu tierischen und menschlichen Organismen vorantreiben und die verschwimmenden Grenzen zwischen Mensch und Tier thematisieren. Den Preis für Computeranimation kann heuer der Italiener Alessandro Bavari für sich entscheiden. Mit dem achtminütigen Film Metachaos hat er mittels neuester Computertechnologie eine düstere, grotesk anmutende Fantasiewelt entworfen.

Besinnlicher geht es hingegen beim preisgekrönten Projekt der Kategorie Digital Musics zu. Die Norwegerin Jana Winderen hat für ihr Projekt Energy Field Töne festzuhalten, die Menschen normalerweise kaum oder gar nie zu Gehör bekommen. Sie hat die Akustik von Unterwasserwelten dokumentiert und damit ein hypnotisches, beklemmendes Album produziert.

Österreichische Talente und Nachwuchs-Künstler
Tief- und hintergründig ist heuer auch das Siegerprojekt des österreichischen Nachwuchsbewerbes u19 Create Your World. Ausgezeichnet wurde die Arbeit „Weltherberge: Schulhaus“ der HBLA für Künstlerische Gestaltung Linz. 83 Schüler haben ein Ausstellungskonzept entwickelt, das Gastfreundschaft und Beherbergung zum Thema hat. Im Zentrum stehen dabei Aspekte wie Erinnerung, Vergänglichkeit und der Umgang mit  Fremdem.

Abseits der Hauptkategorien und ihren Goldenen Nicas hat die Jury 12 „Awards of Distinction“ vergeben. Hier werden besonders interessante Projekte innerhalb der sieben Hauptbewerbe hervorgehoben, die die Jury beeindruckten. Im U19 wurden von der Jury „Flugundfall“ von Nicolai Maderthoner (HTL Ortwein) sowie „MicrosizeMe“ (Andreas Daniliuc, Sasan Haji Hashemi, Simon Prochazka, Jürgen Spandl, Patrik Susko) der  HTL Ottakring hervorgehoben. In der Sparte Computer Animation waren dies The Third & The Seventh des Spaniers sowie The external World des Iren  David O`Reilly.

In der Digital-Music-Kategorie wurden lobend die Arbeiten des Griechen Apostolos Loufopoulos sowie des Briten Philip Jeck erwähnt. Ersterer schuf mit „Bee“ ein 13-minutiges Stück, das den Flug einer Biene mittels natürlichem wie künstlichem Sound hörbar macht. Letzterer, ein arrivierter Multimedia-Komponist, wurde für seine neue Platte „Suite“ – und stellvertretend wohl auch für sein Lebenswerk  ausgezeichnet.

SMS-Netzwerk für Sexarbeiterinnen und Tauben-Kot als Putzmittel
Besonders spannende Projekte finden sich in den Kategorien Interactive Art, Hybrid Art sowie Digital Communities. Bei letzterer ist vor allem das Projekt X_MSG hervorzuheben. Hierbei handelt es sich um ein SMS-basierte System, das Prostituierten in Großbritannien mittels Kurznachrichten Zugang zu Bildung verschaffen soll. Über die Software werden etwa Englischkurse abgewickelt. Ein weiteres Ziel des Systems ist zudem die Vernetzung der Frauen. Sie können sich über den Dienst einfach und unkompliziert austauschen.

In der Sparte Hybrid Art wiederum wurde ein, auf den ersten Blick, ungewöhnliches Projekt hervorgehoben: Bei Pigeon d`Or will der Belgier Tuur van Balen den Kot von Tauben so wiederverwerten, dass aus den Exrementen als Scheibenputzmittel verwendet werden können. Er versetzt das Essen der Vögel hierfür mit für die Tiere harmlosen Bakterien. In der Kategorie Interative Art hat die Jury schließlich eine Arbeit gewürdigt, die medial für großes Aussehen sorgte. Für ihre Aktion Face to Facebook verschafften sich die Italiener Paolo Cirio und Alessandro Ludovico Zugang zu einer Million Facebook-Profilfotos, um damit eine Dating-Seite im Netz zu installieren. Sie lösten damit gewollt Diskussionen aus, die sich um die Frage von Identität und Datenschutz im Netz drehten.

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