Die Solaranlage am Dach der Schule in der Seestadt Aspern. Man sieht auch, wie unterschiedlich die bereits fertigen Gebäude aussehen.

© Gilbert Novy

Reportage
06/17/2015

Seestadt Aspern: "Es sind tausende Sensoren verbaut"

In der Seestadt Aspern werden Bewohner und Gebäude ab Juli gleichermaßen Teil eines großen Forschungsprojektes. Die Besonderheiten: ein Erdspeicher und eine smarte App.

von Barbara Wimmer

Wer derzeit durch die Seestadt Aspern spaziert, hört vor allem eines: Baulärm. Überall stehen Baufahrzeuge, die Arbeiten sind im vollen Gange. Links und rechts ragen Gebäude mit unterschiedlicher Optik hervor. Es fühlt sich an, als würde man durch eine Filmkulisse wandern. Die Nahversorgung funktioniert durch einen kleinen Container-Kiosk, bis am 24. Juni der erste Supermarkt einzieht. Mit ihm folgen auch eine Vielzahl an neuen Bewohnern.

K1600_46-70226491-novy8648.JPG

K1600_46-70226432-novy8703.JPG

K1600_46-70226363-novy8664.JPG

K1600_46-70226401-novy8678.JPG

K1600_46-70226400-novy8677.JPG

K1600_46-70226365-novy8672.JPG

K1600_46-70226427-novy8690.JPG

K1600_46-70226402-novy8686.JPG

K1600_46-70226404-novy8689.JPG

K1600_46-70226496-novy8659.JPG

K1600_46-70226453-novy8727.JPG

K1600_46-70226430-novy8699.JPG

K1600_46-70226429-novy8697.JPG

K1600_46-70226488-novy8643.JPG

K1600_46-70226489-novy8645.JPG

K1600_46-70226450-novy8719.JPG

K1600_46-70226436-novy8709.JPG

K1600_46-70226435-novy8708.JPG

K1600_46-70226448-novy8715.JPG

K1600_46-70226452-novy8725.JPG

Anfang Juli ist die Schlüsselübergabe für die Bewohner geplant, die in die 213 Mietwohnungen im schicken Holzhaus der EBG-Wohnhausanlage einziehen sollen. Diese ist rund 15 Minuten von der U-Bahn-Station entfernt und liegt in der Nähe der neuen Volksschule. Noch liegt im Flur der Anlage viel Staub, vor dem Eingang Erde und Dreck – bis zum Einzugstermin wird aber alles fertig sein.

Gebäude und Menschen

Das Haus mit der Holzfassade ist ebenso wie Volksschule, Kindergarten und Studentenheim etwas Besonderes in Aspern: Die drei Gebäude sind Teil des Forschungsprojekts der Aspern Smart City Research GmbH&CoKG (ASCR), dessen Bewohner werden aktive Teilnehmer der Forschungsaktivitäten. Die Gebäude bekommen unter anderem Solarthermie-, Photovoltaik- und Hybrid-Anlagen am Dach, Grundwasser- und Solewärmepumpen sowie intelligente Heizzentralen. Errichtet wurde auch ein Erdspeicher, der unter der Tiefgarage angesiedelt ist.

Erdspeicher sind derzeit noch selten, es gibt nur ganz wenige Projekte, die auf diese Energieform setzen. Der Erdspeicher funktioniert dabei wie eine Batterie, die je nach Saison auf- oder entladen wird. „Er sorgt sowohl für die Aufbereitung von Warmwasser und Fußbodenheizung als auch für die Kühlung der in der Hybridanlage verbauten Photovoltaikmodule und ist ein zirkulierender Kreislauf“, sagt Bernd Richter, ASCR-Bereichsleiter für Infrastruktur. Laut Richter sind im EBG-Holzhaus 82 Erdsonden, sogenannte Erdkollektoren, unter der Garage verbaut.

So funktioniert der Erdspeicher

Die durch Sonneneinstrahlung erzeugte Energie fließt im Sommer von der Hybrid-Anlage und der Solarthermie-Anlage in den Erdspeicher, womit einerseits das Erdreich erwärmt wird und andererseits die in der Hybridanlage verbauten Photovoltaikmodule am Dach gekühlt werden. In der Übergangszeit sowie eventuell auch im Winter wird die im Erdreich gespeicherte Wärme über die Sole-Wasser-Wärmepumpen wieder dem System zugeführt. „Hier werden wir zahlreiche Daten einsammeln, um zu sehen, wie gut das funktioniert“, erklärt Richter.

Im Gebäude selbst befinden sich zudem sechs Heizzentralen mit Wärmepumpen zur Warmwassererzeugung, welche von Wien Energie betrieben werden. In diesen Räumen sind laut Richter eine Vielzahl an Sensoren, welche „tausende Daten“ an die zentrale Gebäudeleittechnik liefern, wo sie gespeichert werden. Die Daten werden zudem an ein Energiemanagement-Datenbank-System von Siemens geschickt, welches auf einem dezidierten Server in Deutschland läuft. Das gilt allerdings nur für die Gebäudedaten – für die Verbrauchsdaten der smarten Nutzer, die sich als „aktive Forschungsteilnehmer“ zur Verfügung stellen, gibt es eine andere Regelung.

Große Zustimmung bei Verbrauchern

„Die Verbrauchsdaten werden zum Netzbetreiber bzw. Wärmelieferanten unter strenger Einhaltung der Datenschutzbestimmungen geschickt“, erklärt Richter. Diese leiten die Daten der Nutzer, die eine entsprechende Zustimmungserklärung unterzeichnet haben, dann an die Forschungsgesellschaft ASCR weiter. „Derzeit liegen uns 95 Zustimmungserklärungen vor. Das sind fast 45 Prozent aller Mieter, die mitmachen und das ist für uns ein Riesenerfolg“, erklärt Richter. „Es sind mehr als doppelt so viele, wie von uns erwartet.“

Die Haushalte, die sich bereit erklären, ihre Messdaten wie Energieverbrauchswerte, Daten zur gemessenen Raumluft wie Temperatur, Feuchtigkeit und CO2-Konzentration und Daten zur Verwendung der smarten Raumregelung per Schalter, bekommen im Gegenzug von der Forschungsgesellschaft ein komplettes Heimregelungssystem (Home Automation System) kostenlos eingebaut.

Smarte Wohnung

Der C02-Fühler misst die Luftqualität und steuert eine eigene Lüftungseinlage automatisch. Durch einen „Eco-Button“ lassen sich vordefinierte Steckdosen abschalten, die nicht permanent Strom brauchen (wie TV-Gerät, Radio oder Stereoanlagen). Auch die Beleuchtung lässt sich auf diesem Weg zentral ausschalten. Zudem bekommen die Haushalte intelligente Energiezähler (Smart Meter). All diese Daten werden von der ASCR in einer lokalen Datenbank gespeichert und nicht in der Cloud.

Mit den Erkenntnissen aus diesen Daten kann die Forschungsgesellschaft, an der unter anderem Siemens und Wien Energie beteiligt sind, neue Geschäftsmodelle für Netzbetreiber und Energieanbieter entwickeln. „Wir entwickeln gemeinsam mit den Hausbewohnern eine App, deren Funktionalitäten in Gesprächen besprochen werden. So wollen wir herausfinden, was sich die Kunden wünschen“, sagt Richter.

Sicherheits-App für den Urlaub

Geplant ist eine Anwendung, die in einem smarten Haushalt „Anomalitäten“ feststellen kann, wenn jemand beispielsweise gerade auf Urlaub ist. „Man könnte den Bewohnern dann Push-Mitteilungen senden, wenn jemand den Lichtschalter in der Wohnung betätigt“, nennt Richter als Beispiel. Die Fertigstellung dieser App ist für den Sommer 2016 geplant.

Doch erst müssen die smarten Nutzer in die Wohnhausanlage einziehen. 38,5 Millionen Euro beträgt das Budget für das Forschungsprojekt, zehn Millionen Euro sind dabei alleine die Kosten für die Infrastruktur. Das Forschungsprojekt selbst ist auf fünf Jahre angelegt und in Europa in dieser Form einzigartig.