Digital Life
17.10.2012

Social Web: “Wir haben zu viele Freunde”

Im Rahmen der Techkonferenz Dublin Websummit - die futurezone ist vor Ort - diskutierten Experten am Mittwoch über die Zukunft von sozialen Netzwerken. Dabei konnten sich die Beteiligten vor allem auf zwei Punkte einigen: Alles dreht sich künftig um den Bereich Mobile. Und: Die Nutzer sind zunehmend überfordert von der Fülle an Informationen, die über diverse Kanäle auf sie hereinbrechen.

"Das Web ist heute total überfordernd und unterfordernd zugleich", ist David Shing, Künstler und kreatives Mastermind bei AOL, überzeugt. Das liege daran, dass mittlerweile so viele Informationen über diverse Social-Media-Kanäle auf die einzelnen Nutzer hereinbrechen, dass man unterm Strich eigentlich gar nichts mehr finden könne. "Wir folgen zu vielen Leuten und wir haben zu viele Freunde", sagt Shing. Daher ruft er im Rahmen seines Vortrags beim Dublin Websummit auch gleich dazu auf: "Entfolgt und entfreundet in euren sozialen Netzwerken!"

Auch Xochi Birch, Mitbegründerin des Inkubators Monkey Inferno, spricht sich im Rahmen der Diskussionsrunde "Sharing is caring" zumindest teilweise für eine Reduktion in Sachen Social Networking aus. "Irgendwann wollte ich einfach etwas mehr Privatsphäre haben, einen kleinen Kreis an Leuten, mit denen ich bestimmte Dinge teile. Gleichzeitig wollte ich aber auf Facebook niemanden entfreunden." Daher habe sie sich dann irgendwann bei Path angemeldet - ein mobiles soziales Netzwerk, das eine "Freundesbeschränkung" hat und nicht mehr als 150 persönliche Kontakte erlaubt.

Trend zur Nische
Alexandra Chong, Gründerin der Plattform Luluvise, geht davon aus, dass es in Zukunft immer mehr Nischen-Netzwerke geben wird, Social-Media-Angebote die sich auf ein bestimmtes Thema oder einen bestimmten Kreis an Menschen konzentrieren. Facebook sieht sie als riesiges Kontaktverzeichnis, das auch künftig erfolgreich sein werde. "Immerhin ist es doch so: Will man jemanden finden, schaut man zuerst auf Facebook nach", sagt Chong.

Ganz generell scheint die Sorge um Facebook trotz verpatztem Börsengang laut den Diskutanten nicht angebracht. Es herrscht weitgehend Einigkeit, dass das Netzwerk auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen wird. Ob nun ein Unternehmen wie Facebook mehr oder weniger erfolgreich an die Börse gehe, werde langfristig auch keine allzu großen Auswirkungen auf das Social-Media-Business haben, so der Tenor. Beim Thema Datenschutz kommt allerdings auch in dieser Runde schnell Kritik an Facebook auf. Zu unübersichtlich und intransparent seien die Privatsphäreeinstellungen. "Die Nutzer müssen das Gefühl haben, dass die Kontrolle bei ihnen liegt. Das ist entscheidend", sagt Iain MacDonald, Mitbegründer und CEO von SkillPages. Wer die Privatsphäre seiner Nutzer nicht respektiere, könne langfristig nicht erfolgreich sein.

Aufmerksamkeit
Laut Digital-Guru Shing wird Aufmerksamkeit in Zukunft zur neuen Währung im Netz, dessen müssten sich insbesondere Marken und Firmen bewusst sein, die auch in Zukunft noch ihre Kunden erreichen wollen. Wer Werbung betreibe, müsse sich im Klaren sein, dass sich die Geschmäcker mit der Zeit verändert haben, ebenso wie auch das digitale Verhalten der User.

Mobile first
"Eines muss ein für alle Mal klar sein: Das Smartphone ist der wichtigste Bildschirm heute, es ist jener, den wir mit uns herumtragen." Mit dem Fernseher gehe schließlich niemand spazieren, scherzt Shing. Unternehmen empfiehlt er daher vor allem, das mobile Geschäft stärker auszubauen und darin zu investieren.

Dem stimmen auch die anderen Diskutanten zu. "Das mobile Internet macht Social Networking einfacher, smarter und schneller", sagt Henrik Berggren, CEO von Readmill. Auch für mobile Werbung sieht er großes Potenzial, obwohl sich der Bereich noch eher in den Kinderschuhen befindet. Chong will ihr Mädchen-Netzwerk Luluvise künftig überhaupt nur noch als mobile App betreiben und auf eine Webseite ganz verzichten. "Es ist ganz einfach, die Devise lautet: Mobile first", pflichtet MacDonald bei.

Letztlich wird es Shing zufolge beim Thema "Social" in Zukunft aber auch stärker um den Nutzwert gehen. Und den müssten die Anbieter ihren Kunden vermitteln können. "Marken müssen ein Erlebnis bieten und sie müssen es beherrschen, eine Geschichte zu erzählen."