Digital Life
07.10.2014

"Vernetzung wird den Straßenverkehr dominieren"

Am Weltkongress für Verkehrstelematik in Detroit zeigt die Branche, was in den kommenden Jahren zu erwarten ist. Im Mittelpunkt dabei stand vor allem das Thema Vernetzung.

Beim Thema vernetzter Straßenverkehr haben sich die Anstrengungen der vergangenen Jahre hauptsächlich auf die Bereitstellung der Infrastruktur und Standardisierung der V2X-Technologie konzentriert.

"Nun zeigt sich, dass wir darüber hinaus sind. Denn es wird ein zunehmend breiteres Spektrum an Kommunikationstechnologie in Fahrzeugen präsentiert, sodass derzeit konkrete Anwendungsszenarien für Endverbraucher ins Zentrum rücken", sagt Peter Ummenhofer, Leiter des Geschäftsbereichs ITS bei Kapsch TrafficCom im Gespräch mit der futurezone. Auch Kapsch selbst war auf dem ITS World Congress in Detroit mit einer End-to-End V2X-Verkersmanagementlösung vertreten.

Der Tenor am ITS World Congress war, so Ummenhofer, dass kooperative Systeme wie V2X mittlerweile als Basistechnologie angesehen werden. V2X diene quasi als Fundament auf dem In-Car-Apps vernetzter Fahrzeuge oder Verkehrsmanagementlösungen aufbauen. Auch autonome Fahrzeuge werden zum Teil auf V2X aufbauen.

Eindrücke vom ITS World Congress 2014

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Geschäftsmodelle

Da derartige Systeme und Dienste am Weg zum Endkunden sind, wurden in Detroit auch Geschäftsszenarien diskutiert. So hat Mary Barra, CEO von General Motors angekündigt, das das Premiummodell Cadillac CTS ab 2017 mit V2X-Technologie zu haben sein wird. Allerdings werde GM dieses Telematikpaket als Zubehör für satte 3000 US-Dollar anbieten.

Ummenhofer wertet diese Ankündigung allerdings als Marketinggag mit Signalwirkung, bei dem es vorrangig darum geht die Flagge hochzuhalten, um zu zeigen, dass man bei Innovationen vorne mitspielt.

Wahrscheinlich werden Telematikdienste zu Beginn auch tatsächlich als Zusatzpakete für zahlungskräftige Kunden angeboten. Beispielsweise zahlt man beim Kauf eines Autos eine Pauschale, mit der man diverse Dienste für einen bestimmten Zeitraum nutzen kann, schätzt Ummenhofer.

Allerdings hat sich unter den Autoherstellern eher die Meinung verfestigt, dass Telematikpakete und V2X-Anwendungen irgendwann fixer Bestandteil von Serienfahrzeugen sein sollten. Denn diese Dienste machen nur wirklich Sinn, wenn es eine relativ hohe Durchdringungsrate gibt.

Technologieführerschaft

Bei V2X-Anwendungen ist es laut Ummenhofer zu einem Wetteifern zwischen den USA und Europa gekommen. Nachdem die USA Technologieführer waren, hat Europa sehr stark aufgeholt und die Führungsrolle übernommen. Aktuell scheint es so, als konnte die USA wieder an Boden gut machen.

"Einerseits haben die US-Autobauer das Thema aufgegriffen und andererseits wird das Thema in den USA - ungewöhnlicherweise - sehr stark von Behördenseite getrieben", erklärt Ummenhofer. "Derzeit wird in den USA gerade diskutiert, ob in Zukunft alle Fahrzeuge mit bestimmten Telematik- und V2X-Möglichkeiten ausgestattet sein müssen, um überhaupt eine Straßenzulassung zu bekommen."

Markteinführung

Bei den Neuerungen, die V2X bringen wird, steht die Frage im Raum, wie die Autofahrer derartige V2X-Dienste überhaupt annehmen werden und ob diese Zusatzfeatures nicht viele, vor allem ältere Lenker, überfordern werden. "Das alles klingt viel komplizierter als es tatsächlich ist", sagt Ummenhofer, "Man muss bestimmt kein IT-Techniker sein, diese Dienste bedienen zu können."

Ein Beispiel: Man ist in der kalten Jahreszeit mit dem Auto auf einer Straße unterwegs. Ein paar Kilometer voraus ist der Straßenbelag vereist. Ein Auto, dessen Sensoren das Glatteis bereits registriert haben, kommt einem entgegen und warnt mittels V2X, dass auf dem kommenden Straßenabschnitt Rutschgefahr besteht. Dem Fahrer wird das mittels dezentem Hinweis angezeigt. "Also von all der V2X-Technologie, die dahinter steckt, bekommt man als Lenker relativ wenig mit", fasst Ummenhofer zusammen. Um die Lenker dennoch nicht zu überfordern, sollen derartige Dienste außerdem langsam und schrittweise eingeführt werden.

Die Einführung von V2X-Diensten könnte dem Siegeszug der Navigationsgeräte ähneln, glaubt Ummenhofer. Nach einiger Eingewöhnungszeit wird die anfängliche Skepsis mehr und mehr verschwinden und wenn einmal der Nutzen solcher Dienste klar ist, könnten sie sich großer Akzeptanz erfreuen.

Offene Fragen

Obwohl die Einführung der V2X-Dienste vor der Tür steht, gibt es immer noch eine Reihe offener Fragen. Unbeantwortet bislang blieb die Frage nach der Haftung. Denn wer trägt die Schuld, wenn ein Unfall aufgrund von Glatteis passiert, das das Fahrzeug eigentlich hätte anzeigen sollen. Trägt der Fahrzeughersteller Mitschuld? Oder ist es doch einfach nur ein Fehler des Fahrers?

Ummenhofer glaubt, dass so lange es sich um unterstützende, kooperative Systeme handelt, die Letztverantwortung beim Fahrer liegen wird. "Beim autonomen Fahren sieht das vermutlich wieder ganz anders aus. Aber auch hier ist die Haftungsfrage nicht restlos geklärt.

Eine weitere Frage, die mit V2X-Technologie untrennbar verbunden ist, geht dem Datenschutz auf den Grund. Diese Angelegenheit sei laut Ummenhofer mittlerweile zumindest zum Teil geklärt, um dem heiklen Thema zuvorzukommen und diesbezügliche Bedenken gar nicht erst aufkommen zulassen. So soll bereits feststehen, dass der Schutz der Privatsphäre im V2X-Standard schon von vornherein implementiert ist.