Auftritte für Stars wie Lady Gaga sind für den PS22 Chor mittlerweile schon Alltag

© Victor Breinberg

Digital Life
12/24/2013

Wie der Schulchor PS22 über YouTube berühmt wurde

Sie haben für Präsident Obama gesungen, sind bei den Oscars aufgetreten und haben mit Stars wie Katy Perry und Kylie Minogue musiziert. Wir haben den Chor in New York besucht.

Der YouTube-Kanal des Schulchors PS22 aus dem New Yorker Stadtteil Staten Island ist längst zu einem weltweiten Internetphänomen geworden. Knapp 60 Millionen Mal wurden die Videos im Netz angeklickt. Pop-Stars von Lady Gaga bis Beyonce und Katy Perry reißen sich um Auftritte mit den singbegeisterten Kids und Kylie Minogue besuchte sogar die Schule, um mit den Kindern im Unterricht zu singen.

PS22 Chor…

PS22 Chor…

PS22 Chor…

PS22 Chor…

PS22 Chor…

PS22 Chor…

PS22 Chor…

PS22 Chor…

PS22 Chor…

PS22

PS22

Begonnen hat alles im Jahr 2006 mit einigen Videos, die Chorleiter Gregg Breinberg auf YouTube stellte. Wenige Monate später wurde das Management der US-Sängerin Tori Amos auf den Chor aufmerksam und lud diesen ein, für sie zu singen. Die Videos, in denen eine zu Tränen gerührte Amos spontan mit den Kindern ein Stück einstudiert, wurden von Medien im Netz weiterverbreitet und machten den Chor quasi über Nacht berühmt. Seit damals ist der Chor mit Pop-Größen wie Sinead O’Connor und Crowded House aufgetreten, einige Stars besuchten den Chor auch in der Schule.

Wenig Glamour, aber viel Herz

Dass der im Jahr 2000 gegründete Chor einer öffentlichen Schule ohne potente Geldgeber oder einflussreiche Kontakte so bekannt werden würde, hat Breinberg nie für möglich gehalten. Das macht aber auch einen Teil der Faszination des Chores aus, wie man beim Lokalaugenschein vor Ort eindrucksvoll erlebt. Denn glamourös fühlt sich im viele Jahre stiefmütterlich behandelten Stadtteil Staten Island, das 50 Jahre lang auch die größte Mülldeponie der New Yorker beherbergte, nichts an. Zumindest diese wurde 2002 endgültig geschlossen und wird nun renaturiert.

Auch die besagte öffentliche Schule (Public School 22), nach der der Chor benannt ist, zählt schon alleine durch ihren Standort sicherlich nicht zu den priviligiertesten von New York. Die Zusammensetzung der Klassen ist bunt. Einige Kinder kommen aus einfachen bis schwierigen Verhältnissen, bei vielen Kindern klingt aber auch der unbändige Willen der Eltern durch, durch harte Arbeit und eine gute Ausbildung gesellschaftlich aufzusteigen. Berührungsängste zeigen die Kinder jedenfalls keine. Besucher werden herzlich und mit offenen Armen empfangen.

Oscar-Auftritt und Obama-Angelobung

Den bislang größten Auftritt absolvierte der Chor im Februar 2011, als er für den Abschluss der Oscar-Verleihung engagiert wurde. Ein millionenfaches Fernsehpublikum erreichten die zehn- bis elfjährigen Kinder, aus denen sich der Chor Jahr für Jahr neu zusammensetzt, auch im Jänner 2013 bei der Angelobung von Präsident Obama. Im Gegensatz zu manch anderem engagierten Star sangen die Kinder allerdings vor Ort live, wie Chorleiter Gregg Breinberg im Gespräch mit der futurezone verrät.

Die Bus-Reise nach Washington inklusive Übernachtung ist allen 65 Kindern naturgemäß gut in Erinnerung geblieben. Eingebildet oder abgehoben wirken die teilweise aus einfachen Verhältnissen stammenden Kinder aber nicht, im Gegenteil. „Nicht viele Kinder haben die Gelegenheit, derartige Dinge erleben zu dürfen. Wir haben sehr hart gearbeitet, damit wir die Songs für die Angelobung hinbekommen“, sagt Vanecia, die in der Sopran-Gruppe beim denkwürdigen Auftritt für Obama mitwirken durfte.

Aber auch die anderen Kinder wirken erstaunlich abgeklärt, wenn man sie auf die Auftritte für und mit großen Berühmtheiten anspricht. „Natürlich ist es cool, diese Leute kennenzulernen. Das beste am Chor ist aber das Singen“, sagt Kelvin. Für Aaron steht wiederum das gemeinsame Erlebnis im Vordergrund: „Der Chor ist wie eine Familie. Das Singen zeigt auch, dass man nie aufgeben darf, wenn einem etwas wirklich wichtig ist. Und am Ende kriegen wir es auch immer hin. Denn Mister B. gibt uns nie auf.“

Mister B., wie der engagierte Leiter des Chores von den Kids genannt wird, repräsentiert das, was viele unter einem Bilderbuchpädogen verstehen. Er fordert die notwendige Disziplin beim Einstudieren ein, schafft es dabei aber, die Begeisterung und Emotion der Kinder anzustacheln. Auch die moderne Lied-Auswahl kommt bei den Kids gut an. Dazu kommt, dass er ein begabter Musiker ist, der es mit subtilen, aber äußerst effektvollen Arrangements versteht, auch aus glatten Popsongs berührende Coverversionen zu zaubern.

Star-Auftritte zweitrangig

Breinberg sorgt auch dafür, dass den Kindern der Erfolg nicht zu Kopf steigt und schult diese im Umgang mit dem Internet: „Wenn man in der Öffentlichkeit steht, gibt es immer Leute, die einen kritisieren oder schlecht machen wollen. Darauf bereiten wir die Kinder vor“. Der überwiegende Großteil der Rückmeldungen ist Breinberg zufolge aber ohnehin positiv.“ Nur selten muss er bei der Moderation der User-Kommentare eingreifen, etwa wenn ein rassistisches oder grob verletzendes Posting veröffentlicht wird. Kritische Kommentare zur Musik oder auch zu seiner Person werden allerdings in Kauf genommen.

Dass der Erfolg des Chores und die vielen Auftritte mit berühmten Persönlichkeiten von manchen auch kritisch gesehen werden, verunsichert Chorleiter Breinberg nicht. Ein gelegentlich gehörter Vorwurf lautet etwa, er würde den Chor nutzen, um Stars persönlich kennenlernen zu können. Im Gespräch mit der futurezone hält Breinberg aber fest, dass er noch kein einziges Mal eine bekannte Persönlichkeit oder deren Management kontaktiert habe. „Bis heute sind all diese Berühmtheiten ausnahmslos von sich aus auf uns zugekommen, weil sie ein Video gesehen haben oder einen Bericht über die Kids gelesen haben. Ich habe diesbezüglich also ein wirklich reines Gewissen“, so Breinberg.

Für Breinberg machen die öffentlichkeitswirksamen Auftritte aber ohnehin nur einen kleinen Teil dessen aus, was den Chor auszeichnet: „Die Videos mit den Stars sind genial und das ist auch, was die Leute von uns über YouTube mitbekommen. Die schönsten Momente sind für mich persönlich aber immer noch jene, wenn wir einfach für uns im Klassenzimmer proben. Alles andere ist ein netter Bonus, aber völlig zweitrangig.“