Digital Life
16.08.2015

Wie die Musikindustrie den Bach runterging

Der US-Autor Stephen Witt beschreibt in seinem grandiosen Buch "How Music Got Free" den Niedergang einer Branche.

Fast 50 Prozent ihrer Umsätze büßte die Tonträgerindustrie zwischen 1999 und 2014 weltweit ein. Die CD-Verkaufszahlen stürzten ins Bodenlose, während die Produktionen oft lange vor ihrer regulären Veröffentlichung frei im Internet kursierten. In seinem vor kurzem auch in deutscher Sprache erschienenen Buch "How Music Got Free" (Eichborn Verlag) zeichnet der US-Autor Stephen Witt den Niedergang der Branche nach.

Im Zentrum des Buches stehen drei Männer, die sich zwar nie begegnet sind, in ihrem Zusammenspiel aber die Tonträgerindustrie in ihren Grundfesten erschütterten: MP3-Erfinder Karlheinz Brandenburg, der Musikmanager Doug Morris, der in seiner Karriere so gut wie jeden Musikkonzern leitete, und Bennie Lydell Glover, genannt "Dell", ein Arbeiter in einem CD-Presswerk im US-Bundesstaat North Carolina.

Der "Patient Zero" des Filesharing

Glover ist wohl die interessanteste Figur und die Entdeckung des Buches. Witt beschreibt auf Grundlage stundenlanger Interviews die Entwicklung des Zeitarbeiters vom computerbegeisterten Autonarren zum "Patient Zero" des Filesharings. In dem CD-Presswerk der Universal Music Group saß Glover quasi an der Quelle eines florierenden Geschäftszweigs. Rund 500.000 CDs wurden Ende des vergangenen Jahrhunderts pro Tag in der Fabrik hergestellt. Glover verpackte dort nicht nur Millionenseller von Dr. Dre, Eminem oder Jay-Z, er brachte sie als Mitglied des Filesharing-Kollektivs Rabid Neurosis (RNS) auch im Internet in Umlauf.

Zwischen 2001 und 2012, schätzt Witt, habe die Gruppe rund 20.000 Alben lange vor ihrer regulären Veröffentlichung im Netz zugänglich gemacht, für alleine 2000 der sogenannten Pre-Release-Leaks war Glover verantwortlich. Jeder, der in dieser Zeit Musik aus Filesharing-Netzwerken heruntergeladen hat, dürfte wohl auch Dateien auf seinem Rechner gehabt haben, die auf Glover und Rabid Neurosis zurückgingen, vermutet Witt.

Finanzielle Interessen verfolgte das Kollektiv nicht. Der Ehrenkodex verbot es Mitgliedern die Musik zu verkaufen. Was zählte, war der sportliche Ehrgeiz soviele Alben wie möglich vor ihrem Veröffentlichungsdatum zu "leaken". Rabid Neurosis war unter den Besten in dieser Disziplin.

MP3s für die digitale Jukebox

Ermöglicht wurde der Dateitausch über das Internet durch eine Entwicklung des deutschen Fraunhofer-Instituts, mit der für das menschliche Ohr nicht wahrnehmbare Klänge aus digital gespeicherter Musik herausgerechnet und Musikdateien radikal geschrumpft werden konnten. Geleitet wurde das Fraunhofer-Team vom Elektroingenieur Karlheinz Brandenburg, der inspiriert durch eine Idee Computerwissenschaftlers Dieter Seitzer zu einer digitalen Jukebox, mit der Musik über das Telefon von einem zentralen Server abgerufen werden sollte, die Aufgabe in Angriff nahm, die für die digitale Speicherung von Musik notwendige Anzahl an Bits radikal zu reduzieren.

Bereits Mitte 1986 konnte Brandenburg erste Ergebnisse vorweisen, Ende 1988 lieferte das Team um Brandenburg den ersten Decoder aus. Kommerziell konnte sich das MP3-Format zunächst allerdings nicht durchsetzen. Lizenzeinnahmen blieben aus. Bei den Standardisierungsgremien der Industrie blitzten Brandenburg und sein Team ab, Platzhirschen wie Philips verfügten über die besseren Industriekontakte. 1995 stand das Projekt vor dem Aus.

Um zu retten was zu retten ist, gab Brandenburg ein Programm in Auftrag, mit dem Konsumenten ihre eigenen MP3-Files erstellen konnten. Nachdem der "Level 3 encoder" ("L3Enc") zunächst auf Disketten auf Branchenmessen verteilt wurde, stellte der Programmierer und MP3-Miterfinder Bernhard Grill die Software als Shareware ins Netz stellt.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis das erste MP3-File in den einschlägigen Kanälen im Internet auftauchte. Am 10. August 1996 war es soweit. Der Song "Until It Sleeps" von Metallica konnte aus einschlägigen Kanälen im IRC-System (Internet Relay Chat) abgerufen werden. Tausende weitere Titel folgten innerhalb weniger Wochen.

"Face Down Ass Up"

Der Musikmanager Doug Morris, hatte zu dieser Zeit andere Sorgen. Finanzieller Natur waren sie nicht. Das Geschäft florierte, der Übergang von Vinyl zur CD ließ die Kassen weiterhin klingeln. Dazu kam Gangster Rap an dessen Aufbereitung für die Massen Morris maßgeblich beteiligt war. Der ehemalige Songwriter und Independent-Label-Betreiber, der sich in der Industrie hochgearbeitet hatte, unterzeichnete als Warner-Music-Chef einen Vertriebsvertrag mit Death Row Records, das unter anderem Dr. Dre, Snoop Dogg und Tupac unter Vertrag hatte und in den kommenden Jahren Millionen einspielen sollte.

Konservativen Kreisen waren die Texte der Rapper ein Dorn im Auge. Dass Phrasen wie "Bitches ain't shit but hoes and tricks", "Me So Horny" oder "Face Down Ass Up" auf Schulhöfen zu geflügelten Worten wurden und Songs über den Verkauf von Crack Kokain Teenager begeisterten, jagte dem Establishment in Washington kalte Schauer über den Rücken. Morris wurde schließlich trotz geschäftlicher Erfolge gefeuert und wechselte 1995 zu MCA Records, aus dem später die Universal Muisc Group hervorgehen sollte.

Filesharing

Mit der Tauschbörse Napster, die im Juni 1999 debütierte, explodierte die nicht autorisierte Verbreitung urheberrechtlich geschützter Musik im Netz und erreichte den Mainstream. Anfang 2000 hatte Napster bereits 20 Millionen Nutzer weltweit, 14 Millionen Songs wurden pro Minute heruntergeladen.

Der Bedrohung durch das digitale Musikformat standen Morris und die gesamte Industrie zunächst ratlos gegenüber. Der zum Massensport gewordene Musiktausch war für sie schlicht Diebstahl im großen Stil, eine Zusammenarbeit mit Napster kam deshalb für die Industriegrößen nicht in Frage, analysiert Witt.

Versuche, eigene Angebote - wie etwa Pressplay - aufzubauen, wurden zum Millionengrab. Auch von der Politik konnten die Industrievertreter auf wenig Verständnis hoffen. Sie zeigte kaum Interesse eine Branche vor dem Musiktausch durch die selben Teenager zu retten, die sie durch Rap-Songs ihrer Meinung nach in den moralischen Abgrund geführt hatte.

Boom-Jahre

Davon abgesehen waren die Jahre 2000 und 2001 für die Tonträgerindustrie noch immer Boom-Jahre. Die Vermutung, dass der Tauschbörsen, wenn überhaupt positive Auswirkungen auf den CD-Verkauf hatten, war in diesen Jahren nicht selten zu hören.

Der Grund ist wohl auch darin zu suchen, dass MP3s ohne portable Musikabspielgeräte ihr volles Potenzial nicht ausspielen konnten. MP3-Player waren Ende der 90er Jahre alles andere als ausgereift und kaum verbreitet. Der MPMan von Saehan, der im März 1998 präsentiert wurde, kostete mehrere hundert Dollar und bot gerade einmal Platz für fünf Songs. Auch der Diamond Rio PMP 300, der einige Monate später auf den Markt kam, war nicht dazu angetan die mobile MP3-Nutzung zu befeuern.

Klagen

Dennoch war es nur folgerichtig, dass die Labels in einem aufsehenerregendne Prozess gegen den Diamond Rio vor Gericht zogen. Eine Klage gegen Napster folgte. Während letztere dazu führte, dass die Tauschbörse im Juli 2001 vom Netz ging aber schon bald durch zahlreiche Nachfolgeangebote ersetzt wurde, setzte sich der Hersteller Diamond gegen die Lobbytruppe der Tonträgerindustrie durch und bereitete dem iPod, der 2001 auf den Markt kam und über weit größere Speicherkapatzitäten verfügte, den Weg. "Die Musikindustrie hat die falsche Klage gewonnen", konstatiert Witt.

Ab 2003 wurden schließlich auch Tauschbörsen-Nutzer Ziel von Klagsdrohungen und Klagen. Die Geschichte nahm ihren Lauf. Glover wurde im Oktober 2009 zu drei Monaten Haft wegen Verschwörung zur Urheberrechtsverletzung in einem Fall verurteilt, Morris wechselte 2011 zu Sony Music und feierte noch mit dem Online-Musikvideokanal Vevo Erfolge. Brandenburg ist nach wie vor ein anerkannter und durch die MP3 und das Nachfolgeformat AAC (Advanced Audio Coding) auch wohlhabender Elektroingenieur.

Die größte Musikbibliothek der Welt

Witt ist ein spannendes, facettenreiches Porträt einer Umbruchzeit und ihrer Protagonisten gelungen. "How Music Got Free" liefert einen konzisen, mitunter überraschenden historischen Abriss, der an manchen Stellen Widerspruch hervorrufen wird, aber eine durchaus anregende Lektüre bietet.

Er zeichnet die Motivationslagen der einzelnen Akteure gut recherchiert und detailverliebt nach. Ein Kapitel widmet er auch dem vor allem unter Alternative-Liebhabern populären, 2004 gestarteten britischen Torrent-Tracker Oink's Pink Palace, der nur auf Einladung zugänglich war. Dessen Initiator Allan Ellis registrierte die Domain auf seinen eigenen Namen und kam gar nicht auf die Idee, dass er gegen Urheberrechte verstoßen könnte. Er wollte schlicht die größte Musikbibliothek der Welt schaffen und stellte an die Mitglieder der Community rigide Anforderungen, was Ton- und Datenqualität ihrer Beiträge betraf.

Auslaufmodelle

Heute ist Filesharing bedingt durch die Verbreitung von Streaming-Diensten in Kombination mit schnellem mobilen Internet wohl ebenso eine Auslaufmodell wie die Tonträgerindustrie. Dass der Niedergang des Industriezweigs dazu führte, dass es weniger oder gar schlechtere Musik gibt, wird wohl niemand ernsthaft behaupten.

In der Einleitung zu seinem Buch gesteht der Autor, dass auch er zu Beginn des Jahrtausends an die 20 Gigabyte an Musik aus dem Netz geladen habe. Den Großteil habe er sich nie angehört, schreibt Witt. Jahre später sie ihm klar geworden, dass Filesharing nicht nur eine Methode war, um an Musik zu kommen, sondern auch eine eigene Subkultur bildete: "Ich wollte mich als Teil einer kleinen, erlesenen Gruppe fühlen."