Digital Life
11.05.2018

Wie Roboterautos so sanft wie ein Zug fahren könnten

Das US-Unternehmen ClearMotion will eine alte Idee von Audiospezialist Bose umsetzen und selbstfahrende Autos vibrationsfrei über die Straße gleiten lassen.

Autonome Fahrzeuge sollen ihren Passagieren das Steuern abnehmen und ihnen erlauben, sich völlig auf andere Dinge zu konzentrieren. Wer sich von seinem Auto kutschieren lässt, möchte die Zeit möglicherweise nutzen, um am Laptop zu tippen, zu schreiben oder zu zeichnen. Im normalen Verkehr ist das oft schwierig. Bodenunebenheiten sorgen für Vibrationen, in Kurven kommen oft starke Schwankbewegungen hinzu. Das US-Unternehmen ClearMotion aus Massachussetts will diese Ärgernisse mit Hilfe seiner Activalve-Technologie beseitigen.

Aktive Federung

Activalves sind Elektrohydraulische Module, die an den Gasfedern aller vier Räder eines Autos angebracht werden. Sie können den Druck innerhalb der Feder in wenigen Millisekunden variieren. Die Federung kommt beim Fahren dadurch in heftige Bewegung, die Karosserie bleibt hingegen stabil. In Kurven wiederum halten die Activalves die Karosserie gerade und können sie bei Bedarf selbst in die Gegenrichtung neigen, sodass Fliehkräfte wie bei einem Motorrad ausgeglichen werden.

Bose-Erbe

Wie New Atlas berichtet, wurde genau dieses Prinzip bereits vor vielen Jahren von der Audiotechnik-Firma Bose verfolgt. Ihr 2004 vorgestelltes "Bose Ride"-Konzept wurde allerdings nie in großem Stil von der Automobilindustrie angenommen. Die Gründe dafür sind nicht völlig klar. Die Größe der Komponenten oder der Preis für das System sind mögliche Faktoren. ClearMotion hat die Rechte auf Boses technische Fortschritte jedenfalls 2017 gekauft und arbeitet nun daran, das System zu verkleinern und marktfähig zu machen.

Züge als Vorbild

Wie die New York Times berichtet, war das Fahrerlebnis in japanischen Hochgeschwindigkeitszügen für ClearMotion-Gründer und -CEO Shakeel Avadhany prägend. Shinkansen-Züge fahren mit über 350 km/h, ohne dass die Passagiere in irgendeiner Weise durchgeschüttelt werden. "Wir kreieren ClearMotion, um diese Zug-Erfahrung in das Auto zu bringen", meint Avadhany. "Wenn die Fahrzeugautonomie weiter reift, werden wir einen Wandel in der Nutzererfahrung sehen. Das Gefühl von Stabilität und Komfort wird es ermöglichen, während der Fahrt produktiv zu sein."

Weniger Übelkeit

Was ClearMotion vorhat, bezeichnet der CEO auch als "Geräuschunterdrückung für Bewegung". Durch die Reduktion von Vibrationen und Schwankbewegungen soll das Activalve-System auch dazu führen, dass Passagieren bei der Fahrt weniger leicht übel wird. Der Faktor ist gerade für das autonome Fahren wichtig, weil viele Passagiere künftig mit dem Rücken zur Fahrtrichtung sitzen werden. Wohnzimmer-ähnliche Innenräume, bei denen alle Passagiere zueinander gewandt sind, sind beinahe Fixbestandteil von Pkw-Konzepten für die Zukunft.

Konkurrenz

ClearMotion ist freilich nicht das einzige Unternehmen, dass sich der Verbesserung des Fahrkomforts durch eine aktive Federung widmet. Ein Konkurrent ist etwa das deutsche Unternehmen Vibracoustic, dessen Produkte bereits in der neuesten Generation des Porsche Cayenne eingebaut sind. Bei dem SUV kann das Fahrwerk je nach Wunsch härter oder weicher gemacht werden. Daimler wiederum nutzt sein Airmatic-System, bei dem eine Kamera eingesetzt wird, um die Bodenbeschaffenheit der Fahrbahn während der Fahrt zu erkennen und die Federung daran anzupassen.

Stromverbrauch

Systeme wie jenes von ClearMotion oder seinen Konkurrenten setzen eine entsprechende Stromversorgung voraus. Mit weniger als 48 Volt kommen sie nicht aus, weshalb für aktive Federung heute am ehesten Autos mit Elektro- oder Hybridantrieb, oder Pkw mit Start/Stopp-System und entsprechend größer dimensionierter Batterie geeignet sind.

Aussicht

ClearMotion will seine Technologie bis 2020 auf den Markt bringen. Die Finanzierung scheint kein Hindernis zu sein. Investitionen im Umfang von 180 Millionen Dollar hat das Unternehmen bereits aufgestellt. An Bord sind auch sechs Autohersteller.