Games 30.07.2015

"Die Hardcore-Gamer zahlen uns keine Rolle Klopapier"

© Bild: Jeff Mangione/Kurier

Videospiele aus Österreich sind gefragt, doch auch die etablierten Entwickler haben mit den gleichen Problemen wie Start-ups zu kämpfen.

2015 ist ein gutes Jahr für Videospiele. Weltweit werden heuer 82,6 Milliarden Euro mit Spielen für Smartphones, Tablets, PCs oder Spielkonsolen umgesetzt, weit mehr als in Hollywood (35,3 Milliarden Euro). Österreich ist im Boom um Videospiele mittendrin statt nur dabei. Bereits seit Jahren gibt es hierzulande eine kleine, aber international stark vernetzte Branche. Vor allem Wien hat sich zu einem Hotspot für große Studios und die stark wachsende Indie-Szene entwickelt.

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©Thomas Ranner/Kurier

Österreich Videospiele Interview Socialspiel

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Obwohl die heimischen Entwickler finanziell solide dastehen, fühlt man sich von der Politik im Stich gelassen. „Ich bin ja gerne Arbeitgeber, aber die Rahmenbedingungen in Österreich werden nicht gerade besser“, erklärt Johanna Schober, Geschäftsführerin von Sproing, der futurezone. Sproing ist einer der größten Videospiel-Entwickler in Österreich. Das Wiener Studio beschäftigt mittlerweile 90 Mitarbeiter und zählt zu den ältesten und bekanntesten Entwicklern im deutschsprachigen Raum.

Wie ein Start-up

Die Forderungen dürften Start-ups bekannt vorkommen: flexiblere Arbeitszeiten, Steuererleichterungen und weniger Bürokratie bei Investments aus dem Ausland. Tatsächlich ist die Arbeitsweise von Spieleentwicklern jener von Start-ups recht ähnlich und sie sind mit ähnlichen Hürden konfrontiert. „Wenn ich beispielsweise total motiviert und voller Energie bin und gerne einmal zwölf Stunden durcharbeiten möchte, darf ich das rechtlich gesehen eigentlich nicht“, sagt Schober.

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© Bild: Jeff Mangione/Kurier
Auch die hohen Lohnnebenkosten setzen die Entwickler unter Druck. „Uns wird immer gesagt, man müsse ja nicht in Österreich arbeiten, man könne ja auch in den Osten gehen“, so Gregor Eigner, CEO vonMi’pu’mi, einem weiteren erfolgreichen Wiener Spiele-Studio. Ein Beispiel für Entlastungkommt aus Frankreich: Dort erhalten Videospiel-Projekte mit einem Budget von mindestens 100.000 Euro Steuererleichterungen.

Nach JoWood

Die Interessensgemeinschaft Computergrafik hat die Bundesregierung auf die Anliegen aufmerksam gemacht, eine Reaktion gab es bislang nicht. Das liegt wohl auch daran, dass die österreichische Branche einige Jahre lang auf Tauchstation war und es keinen einheitlichen Spieleverband gibt. Jahrelang richtete sich der Fokus auf JoWood, das als Publisher zahlreiche internationale Hits landen konnte. Ein Publisher ist für die Finanzierung und Distribution von Videospielen zuständig, ähnlich wie ein Filmstudio. Doch mehrere missglückte Titel beschädigten den Ruf des Unternehmens nachhaltig, sodass man 2011 Insolvenz anmelden musste.

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Danach war es eine Weile ruhiger um die heimische Branche. In den vergangenen Jahren meldete man sich mit internationalen Erfolgen wieder zurück. „Ein österreichischer Publisher würde wohl dafür sorgen, dass die Politik stärker auf das Thema Videospiele aufmerksam wird“, sagt Helmut Hutterer, CEOvon Socialspiel. Der kleine österreichische Markt zwinge aber die Entwickler ohnedies, international aktiv zu sein. Daran ändere auch ein österreichischer Publisher nichts. „Es wird nie ein Spiel geben, das sich auch Österreich heraus refinanziert”, so Schober.

Fast 100 Prozent Export

Dieser internationale Fokus ist aber auch eine Stärke, wie Martin Filipp von Mi'pu'mi erklärt: „Österreich hat den Knick, den es zwischen 2003 und 2008 gegeben hat, viel besser überstanden als die deutschen Studios. Österreichische Entwickler hatten schon damals eine Exportquote von 98 Prozent, während die deutschen Studios viel auf ihrem Heimatmarkt mit PC-Spielen erwirtschaftet haben.” So löste der Boom um Spielkonsolen in Deutschland ein Massensterben von Spielestudios aus. In Österreich wurde hingegen nachhaltiger gearbeitet, Studios wie Sproing konnten in dieser Zeit sogar wachsen.

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Obwohl man sich in den letzten Jahren gut schlagen konnte, möchte man nun wieder mehr das Rampenlicht suchen. „Für unser Geschäft hat die Bekanntheit in Österreich keine Auswirkungen. Für unsere Mitarbeiter aber sehr wohl, weil ihr Beruf dann stärker von ihrer Umwelt akzeptiert wird. Dann sagen plötzlich auch die Schwieger- oder Großeltern ‘Hey, das ist ja ein richtiger Job’", sagt Schober.

Der neue Tellerwäscher-Mythos

Den Beruf Spiele-Entwickler ergreifen in den letzten Jahren immer mehr Österreicher, einerseits über FHs und Universitäten, andererseits aber auch als Unternehmer mit eigenen Indie-Projekten. "Wir haben viele Talente von Fachhochschulen und Unis, die mittlerweile seit vier, fünf Jahren für uns arbeiten, auch in leitenden Positionen. Wir scouten auch nach Talenten", erklärt Eigner Mi'pu'mis Strategie. Dabei wird auch die wachsende Indie-Szene in Österreich beobachtet, wobei viele ehemalige Mitarbeiter von großen Studios den Schritt in die Selbstständigkeit wagen und Indie-Projekte verfolgen. Dabei mahnt Schober aber zur Vorsicht: “Die eine Sache ist, etwas rauszubringen, die andere, damit finanziell zu überleben.” Die populären Distributions-Plattformen, wie Apples App Store oder Steam, würden vom "Tellerwäscher-Mythos" leben, dass jeder von einem Spiel reich werden kann.

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© Bild: Jeff Mangione/Kurier
“Was in Österreich nicht stark vertreten ist, ist dieser Start-up-Gedanke, es einfach mal mit einer Idee zu versuchen. Da ist es nur zu begrüßen, wenn sich einige jüngere Entwickler auf dieses Abenteuer einlassen. Man muss es aber auch mit Verstand und Rationalität angehen”, so Schober. Der Diskussion um"fehlendes Talent in Österreich", die vom Moon-Studios-Gründer Thomas Mahler (Ori and the Blind Forest) angestoßen wurde, können die Entwickler wenig abgewinnen. "Die Diskussion ist etwas lächerlich.Das Investment von Nexonbei uns, das seit Jahren in kein europäisches Studio mehr investiert hatte, beweist allein schon, dass wir keine Amateure sind", so Hutterer. Zudem sei der Ansatz anders - während Mahler sein Team individuell für jedes Projekt international besetzen möchte, setzen die österreichischen Studios auf internes Know-How.

Sorgen um den Nachwuchs macht man sich nicht, auch wenn die Mentalität des "lebenslangen Lernens" bei einigen noch nicht angekommen sei. Auch die Tatsache, dass weibliche Videospiel-Entwickeler rar sind, beunruhigt Schober kaum. "Es bewegt sich definitiv. Als ich angefangen habe, war ich als Frau in der Branche noch viel exotischer als jetzt."

Umstrittenes Free-to-Play

Viele österreichische Studios setzen vor allem auf Free-to-Play-Titel, wie zum Beispiel Sproing (Asterix & Friends, Sigils), Mi'pu'mi (Anno) und Socialspiel (Legacy Quest). Dass die kostenlosen Spiele mit Bezahlinhalten von klassischen Gamern nicht sonderlich geschätzt werden, stört die Entwickler wenig. Vor allem den Vorwurf, dass es sich um einfache Spiele handelt, lässt man nicht gelten, wie Eigner erklärt: „An Anno haben wir zwei Jahre lang gearbeitet, das ist eine lange Zeit. Und das ist 'nur' ein Online-Game.” Mit derartigen Titeln ist Videospielen endgültig der Durchbruch auf dem Massenmarkt geglückt, neben den Einnahmen ist die Zahl der Gelegenheitsspieler auf dem Smartphone oder Browser rasant in die Höhe geschossen. Jene Gamer, die diese Spiele nicht als "richtiges Spiel" ansehen, sind eine verschwindend geringe Minderheit. „Die wollen das meistens nicht hören, aber so hart das auch klingen mag: Der Hardcore-Gamer-Anteil zahlt dir in keinem einzigen Studio dieser Welt eine einzige Rolle Klopapier“, sagt Filipp.

Vom 3. bis 9. August trifft sich die internationale Videospiel-Branche in Köln. Die futurezone wird vor Ort sein und über die Games Developer Conference Europe und die Gamescom berichten. Aktuelle Nachrichten, Previews und Hintergrund-Artikel sind auf der Themenseite zu finden.

( futurezone ) Erstellt am 30.07.2015