Games
12.10.2014

Forza Horizon 2: Mit dem Ferrari F50 durchs Fliederfeld

Forza Horizon 2 ist so, wie ein Open-World-Rennspiel sein sollte: Es lässt genug Freiheit und macht Spaß, ohne komplett auf Realismus zu verzichten.

Ich fahre mit einem Ferrari F50 mit knapp 200 km/h durch ein Fliederfeld. Nicht etwa auf einem Feldweg im Fliederfeld, sondern einfach mitten durch. Nach ein paar geschickten Ausweichmanövern, um nicht einen Baum zu rammen – der 520-PS-Bolide steuert sich trotz knapp zehn Zentimeter Bodenfreiheit überraschend gut im Gras – ist das dünne Wäldchen durchquert. Einen Weinberg hinauf fallen ein paar Reben dem Rennwagen zu Opfer. Der F50 pflügt nahezu unbeeindruckt hindurch, bevor er am Gipfel abhebt. Es geht 97,3 Meter springend ins Tal. Die Landung hinterlässt keine nennenswerten Schäden. Die Nacht bricht herein und zu den Klängen von Vivaldi geht es Richtung Feuerwerk am Horizont, um sich in Nizza für das nächste Rennen anzumelden. Das Leben ist schön. Die futurezone hat die Xbox One-Version von Forza Horizon 2 getestet.

Galerie: Forza Horizon 2

1/16

16.jpg

15.jpg

14.jpg

13.jpg

8.jpg

11.jpg

10.jpg

9.jpg

12.jpg

6.jpg

7.jpg

5.jpg

4.jpg

2.jpg

1.jpg

3.jpg

Ab an die Côte d'Azur

Die Welt von Forza Horizon 2 ist ein Best-of-Südeuropa. Es geht durch die Provence und Toskana, die Côte d'Azur entlang nach Nizza und weiter nach Castelletto. Im Gegensatz zum Rennspiel-Klassiker Test Drive Unlimited, bei dem versucht wurde die hawaiianische Hauptinsel Oahu maßstabsgetreu nachzubauen, ist die Welt von Forza Horizon 2 komprimiert.

Das ist in diesem Fall nichts schlechtes. Man ist nie zu weit von einem Ort entfernt, um die optionale Schnellreise-Funktion nutzen zu müssen. Im Gegenteil: Es macht einfach Spaß die Straßen entlang oder Quer-Feld-Ein zu rasen und so auf Entdeckungstour zu gehen. Neben größeren Orten gibt es kleinere Dörfer, einzelne Hütten oder Gehöfte in der Pampa, Fliederfelder, Weinberge, einen Flughafen, ein Lagerhallengelände, ein Flussbett, Golfplatz, die Autobahn, Küstenstraßen, ungepflasterte Serpentinenstraßen und vieles mehr. Die Welt ist abwechslungsreich und bietet immer wieder neue Gelegenheiten, um sich fahrtechnisch auszutoben.

Geländegängig

Nahezu alle Orte können mit dem Auto erreicht werden. Gelegentlich gibt es Mauern und Leitplanken, die nicht durchbrochen werden können – auch mit größeren Bäumen sollte man sich nicht anlegen. Zäune, Sträucher, Heuballen, das Mobiliar von Straßencafes, Laternen und Schilder sind zerstörbar.

Nicht einmal die Natur kann einen aufhalten. Die Fahrphysik ist eine gelungene Mischung aus Realismus und Arcade – solange man sich auf einer asphaltierten Straße befindet. In der Wildnis steuern sich alle Wagen annähernd gleich gut. Sogar mit einem Ariel Atom kann man relativ problemlos Abstecher durch die Botanik unternehmen.

Das ist durchaus gewollt. Die motorisierten Ausflüge ins Grüne sind nicht ein Gadget, sondern integraler Bestandteil des Gameplays. Neben klassischen Straßenrennen gibt es immer wieder Wettbewerbe, bei denen die Checkpoints weit abseits des Asphalts sind. Schade ist nur, dass die Geländewagen kaum Vorteile beim Handling auf Wiesen und Feldern gegenüber hochgezüchteten Rennboliden aufweisen.

Über 200 Wagen

Neben Geländewagen in mehreren Kategorien stehen insgesamt über 200 Fahrzeuge zur Auswahl. Nahezu allen Marken sind vertreten, von fast jeder gibt es Klassiker und aktuelle Modelle. Trotz der Vielfalt scheint jedes Vehikel seine Eigenheiten zu haben. Ein Subaru WRX steuert sich zB. etwas anders als ein Mitsubishi Evo X, obwohl die beiden Fahrzeuge in derselben Leistungsgruppe und Fahrzeugkategorie sind.

Tuning beeinflusst ebenfalls das Fahrverhalten. Mit genügend Credits kann sogar ein VW Bus zum Renngefährt gemacht werden - zumindest für Drag Races, bei denen man keine Kurven fahren muss. Stichwort Credits: Das Micro-Payment aus Forza 5 wurde verworfen. Wer ein Auto kaufen will, muss sich die Credits durch Rennen verdienen. Allerdings gibt es wieder Autopacks zum Herunterladen, die mit echtem Geld gekauft werden müssen. Leider ist auch der Tesla S nur in einem „VIP Pack“ enthalten, das 20 Euro kostet.

Abwechslung

Das Ziel in Horizon 2 ist es 15 Meisterschaften zu gewinnen, um am Finale teilnehmen zu können. Diese sind zu je vier Rennen verpackt. Im Gegensatz zu Forza 5 wird man nicht zu einer Meisterschaft gezwungen, sondern kann aussuchen, in welcher Klasse man Rennen fahren will. Machen US Muscle Cars am meisten Spaß? Dann kann man auch zehn Meisterschaften hintereinander mit den Vehikeln austragen und bekommt trotzdem immer neue Strecken und Bewerbe vorgelegt. Noch dazu gibt es einen fließenden Tag- und Nachtwechsel und Regenwetter – ebenfalls bei Tag und Nacht.

Neben Checkpoint- und Rundenrennen der Meisterschaften gibt es die Fahrspaßliste. Für diese werden verschiedene Herausforderungen mit vorgegeben Autos bewältigt, wie zB: „Springe mit dem Evo X 20 mal“ oder „Erreiche mit dem Lamborghini an einem bestimmten Punkt 282 km/h“. Dann gibt es noch Scheunenfunde, für die ein auf der Karte markiertes Gebiet nach einem klassischen Auto durchsucht wird, das renoviert werden muss und danach gefahren werden kann.

Zwischen den Meisterschaften gibt es Schaurennen, bei denen man etwa gegen einen Zug oder Flugzeuge Rennen fährt. Dann wären da noch Bonustafeln zum Finden und zerstören, Tempozonen und Blitzgeräte. Und selbst wenn man einfach nur herumfährt, ist eine Herausforderung dabei. Beim Cruisen und in Rennen sammelt man für Aktionen, wie knappes Überholen, Windschatten fahren oder Driften, Erfahrungspunkte. Hat man genügend Punkte für einen Levelaufstieg, kann man am Glücksrad ein neues Auto oder Credits gewinnen. Manchmal gibt es auch Fähigkeitenpunkte, mit denen man Eigenschaften freischaltet, die das Punkte- oder Creditsammeln erleichtern.

Drivatare und online

Auf den Straßen tummelt sich nicht nur der Verkehr, sondern auch die aus Forza 5 bekannten Drivatare. Die Wagen, Namen und das Fahrverhalten entsprechen denen realer Horizont-2-Spieler. Im Gegensatz zu normalen K.I-Gegnern wirken diese menschlicher. Auch im Vergleich zu Forza 5 ist das Verhalten der Drivatare realistischer. Fordert man etwa einen Drivatar auf der Straße zum Rennen heraus, versuchen einige brav die vom Navi vorgeschlagene Strecke zu fahren. Andere nehmen den direkten Weg und kürzen durch Felder und Wälder ab. Drivatare von guten Spielern schaffen das, einige bleiben an Bäumen hängen.

Das Drivatar-System hat zwei Nachteile. Das Fahrverhalten ist nicht dem persönlich gewählten Schwierigkeitsgrad angepasst. Fährt man mit realistischen Schaden, bei denen Kollisionen die Motorleistung und Lenkung beeinflussen, tritt man nicht gegen Drivatare von Spielern an, die das ebenfalls machen. Dadurch fahren die Drivatare entsprechen aggressiv, weil sie ja keinen Schaden zu fürchten haben. Nachteil Zwei ist Geschmacksache: Die mit Mustern und Stickern verzierten Autos mancher Spieler und damit ihrer Drivatare sind furchtbar hässlich. Anstatt sündteurer Supersportwagen sieht man fahrende Litfaßsäulen durch Nizza cruisen. Das passt nicht ganz zur Atmosphäre von Horizon 2.

Will man lieber mit oder gegen echte Menschen fahren, gibt es zwei Online-Modi. Bei der Online-Autotour tritt man in Meisterschaften gegen andere Spieler, manchmal auch in Teams, an. Bei der „freien Fahrt online“ tummeln sich bis zu zwölf Spieler verstreut im ganzen Horizon-2-Gebiet. Man kann einfach nur durch die Gegend düsen oder in Bewerben, wie Fangen spielen, Drag Race oder Coop Fahrspaßliste, sein Können beweisen.

Für die soziale Komponente gibt es Clubs, mit einer eigenen Rangliste und Belohnungen. Das Club-Feature wirkt noch etwas unfertig, hier fehlt etwa eine Verwaltungswebsite im Browser oder ein einfacheres Organisieren von Club-Events.

Grafik und Sound

Forza Horizon 2 sieht toll aus. Sowohl die Wagen als auch die Umgebung gefallen. Für jedes Auto gibt es eine Cockpit-Ansicht, in der Nacht werden Lichtquellen einzeln berechnet und dargestellt. Auch bei Tag gefällt die Landschaft. Zwar wiederholen sich einige Elemente, aber es sieht dennoch immer hübsch aus.

Aus Performance-Gründen wurden kleine Abstriche gemacht. Der optische Schaden am Auto ist eher gering ausgefallen, bei nassem Wetter verlaufen Regentropfen nicht auf der Karosserie und es gibt keine richtige Gischt. Fährt man abseits der Straße mit hoher Geschwindigkeit und großer Sichtweite, bauen sich manche Texturen erst nach und nach auf.

Der Sound der Vehikel ist gut getroffen, Reifenquitscher und Kollisionsgeräusche hätten etwas intensiver ausfallen können. Es gibt mehrere Radiostationen zum Durchschalten. Neben Musik hört man auch Meldungen zum Wetter, Jingles oder andere kurze Ansagen, wodurch die Welt von Horizon 2 lebendig wirkt. Jeder Radiosender hat eine etwas andere Musikrichtung. Viele Songs sind von Indie-Bands oder weniger bekannten Künstlern, aktuellen Pop kriegt man nicht zu hören. Dafür gibt es aber einen Klassik-Sender, inklusive Brahms, Mozart und Schubert.

Fazit

Forza Horizon 2 ist mein persönlicher Systemseller der Xbox One und seit dem Launch der erste Titel, für den ich Microsofts Konsole wieder gerne und oft benutze. Es macht einfach Spaß und ist, dank des fließend einstellbaren Schwierigkeitsgrads, entspannend und fordernd gleichzeitig.

Horizon 2 zwingt den Spieler nicht irgendwas etwas bestimmtes zu tun oder dieses oder jenes Auto zu kaufen um weiterzukommen. Und die paar vorgeschriebenen Veranstaltungen, wie die Schaurennen, sind so gut inszeniert, dass man sie gerne fährt. Wenn man ein bißchen was für Racer übrig hat, wird man mit Forza Horizon 2 viel Spaß haben.

Hinweis: Für diesen Artikel wurde Forza Horizon 2 für die Xbox One getestet. Die Xbox-360-Version stand nicht zur Verfügung und wurde nicht getestet. Testberichten internationaler Medien zufolge schneidet die Xbox-360-Variante deutlich schlechter ab als die Xbox-One-Version.