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Games
07/30/2020

Ghost of Tsushima im Test: Das Beste kommt zum Schluss

Die Ära PlayStation 4 endet mit einem atemberaubend schönen Samurai-Spiel in einer offenen Welt.

von Gregor Gruber

Ghost of Tsushima (PS4) hat mich wie aus dem Nichts getroffen. Alle Augen sind auf den November 2020 gerichtet, in dem die PlayStation 5 erscheinen soll. Und in diesem Sommerloch, das das Ende der PS4-Ära darstellt, taucht plötzlich dieses Spiel auf.

Ein Spiel, bei dem ich nicht von Mission zu Mission hetze, absichtlich auf die Sprinttaste verzichte, um in der Ästhetik dieser Welt inne zu halten. Ein Spiel, bei dem der Gedanke an die vielen beeindruckenden Momente mir beim Schreiben dieser Zeilen Gänsehaut bereitet.

Die Invasion der Mongolen

Die Geschichte des Spiels basiert auf historischen Ereignissen. Im Jahr 1274 fand in Japan die erste Invasion der Mongolen statt. Sie begann mit der Landung auf der Insel Tsushima. Die Invasoren wurden von Kublai Khan angeführt. 80 Samurai stellten sich 8.000 Mongolen am Strand von Komoda. Sie waren nicht nur zahlenmäßig, sondern auch technisch und strategisch unterlegen.

Ghost of Tsushima erzählt diese Ereignisse nach. Die historischen Figuren wurden durch fiktive Charaktere ersetzt, um sie besser in die Story integrieren zu können – und um nicht die Wut von Historikern auf sich zu ziehen. Statt Kublai greift im Spiel Khotun Khan an.

In Blut neugeborgen

Auch die Spielfigur, Jin Sakai, ist nicht historisch. Er überlebt die Schlacht von Komoda schwer verwundet, um mitansehen zu müssen wie die Mongolen in den Dörfern Tsushimas wüten. Verblendet vom Samurai-Kodex sucht er nach Vergeltung und scheitert.

Im Tutorial wird seine Geschichte erzählt, geprägt von Trauma, Politik und dem Regelwerk der Samurai. Mit dem Ende des Tutorials wird Jin klar, dass er diese Regeln, die ihn sein ganzes Leben auferlegt wurden, brechen muss, um die Mongolen zu bezwingen. Es ist keine Feuer-, sondern Bluttaufe.

Malerische Welt

Das Ende des Tutorials und das Entlassen des Spielers in die freie Welt ist symbolisch für gesprengte Ketten, die Jin vorher an den Kodex gefesselt haben. Und was die offene Welt von Ghost of Tsushima bietet, ist beeindruckende Schönheit.

Es ist schwer zu beschreiben, weil es ein Gesamtkunstwerk ist. Die abwechselnde Landschaft ist einfach malerisch. Die Felder von Blumen, der herbstliche Wald, Schreine auf Bergen, die Sonnendämmerung. Die Musik dazu, der Wind, der durch das Blätterwerk fegt und dem Spieler so den Weg zu seinem Ziel zeigt. Selbst graue Regentage und Gewitter haben ihre eigene Ästhetik. Egal wohin man in der Welt geht oder reitet: An jeder Ecke gibt es wieder Schönheit zu entdecken, von Kranichen in Teefeldern bis hin zu einem Duellring, an dem sich Generationen von Samurai gemessen haben.

Trotz all dieser Schönheit lässt das Spiel einen immer wissen, dass man eine Aufgabe hat. Rauch von Brandstiftung steigt empor, von den Mongolen getötete Bürger liegen am Straßenrand und in den Wäldern. Ganze Dörfer wurden ausgerottet und Mongolen-Lager errichtet.

Die Samurai-Ästhetik

Selbst diese Darstellung von Gräueltaten und Gewalt ist auf ihre Weise ästhetisch. Es ist alles stimmig und trägt zu diesem Kunstwerk bei, das Ghost of Tsushima ist. Dazu zählen auch die Kämpfe mit dem Katana. Auch wenn sie vielleicht nicht gänzlich realistisch sind, sind sie zumindest authentisch.

Bewundernswert ist, mit wie viel Feingefühl hier der Entwickler Sucker Punch an die Thematik herangegangen ist. Meine Befürchtung war, dass Ghost of Tsushima zu viel Anleihen an alten Samurai-Filmen nimmt und Stereotype aus mehreren Jahrhunderten japanischer Geschichte auf einen Haufen wirft. Aber zum Glück ist es, trotz Open-World-Gameplay in einem historischen Setting, kein Assassin‘s Creed, bei dem die Welt manchmal wie eine kitschige Vergnügungspark-Version wirkt.

Keine Superhelden mit Katana

Zur Authentizität trägt auch bei, dass Sucker Punch nicht in die Samurai-Falle getappt ist. Der Mythos stellt die Krieger gerne als Übermenschen dar, die das Land durch Bedrohungen von außen und im Land verteidigt haben, bis zum letzten Atemzug.

In Ghost of Tsushima wird dieses Thema kritisch behandelt. Es wird vermittelt, dass Samurai aufgrund ihres Kodex alles andere als perfekt waren und nicht vor übertriebener Gewalt gegen das untergebene Volk zurückgeschreckt sind. Aufstände wurden blutig niedergeschlagen, Bürger wie Menschen zweiter Klasse behandelt, Kritik nicht geduldet. Sie waren nicht immer Sheriffs, die für Recht und Ordnung sorgten, sondern auch Diktatoren in ihrem eigenen, kleinen Regime.

Im Spielverlauf wird das Jin zunehmend klarer. Diese Momente gibt es zwar auch in der Haupthandlung, viele kleine dieser Erkenntnisse sind aber in Nebenmissionen versteckt. Deshalb sollte man unbedingt auch diese spielen, um mehr darüber zu erfahren, was hinter dem Mythos und der Ehre der Samurai steckt.

Kämpfen und schleichen

Wer bei der Erwähnung des Namen Sucker Punch und der Ankündigung eines moralischen Konflikts schon geistig zusammengezuckt ist, kann beruhigt sein. Im Gegensatz zur Infamous-Serie, die ebenfalls von Sucker Punch gemacht wurde, gibt es kein Moralsystem. Die Diskrepanz zwischen Samurai-Kodex und „tun, was getan werden muss“ wird zwar immer wieder thematisiert, beeinflusst aber nicht das Gameplay.

Für den Spieler hat es keine Konsequenzen, ob er tapfer vor einem Außenposten 20 Mongolen zum Duell auffordert, oder ob er sich über den Wall schleicht und einen nach den anderen von hinten mit dem Tanto tötet. Gewonnene Kämpfe und erfüllte Missionen lassen die Legende wachsen. Das wiederum gibt Erfahrungspunkte, die in das Erlernen neuer Kampf-Techniken investiert werden.

Hier wird in 2 große Arten unterschieden: Die Samurai-Techniken und die Geist-Techniken. Die Geist-Techniken sind auf das Schleichen fokussiert, sowie auf Hilfsmittel, die nach und nach freigeschaltet werden. Dazu gehören etwa Rauchbomben oder Kunai. Bei den Samurai-Techniken gibt es Fähigkeitenbäume für Kontern, Ausweichen und die verschiedenen Kampfhaltungen.

Herausfordernd und Herausfordern

Das Kampfsystem von Ghost of Tsushima ist schnell erlernt, aber gerade auf den höheren Schwierigkeitsgraden schwer zu perfektionieren. Es gibt 4 Kampfhaltungen, die jeweils gegen eine andere Art von Feind am effektivsten sind. Will man möglichst unbeschadet aus den Kämpfen herausgehen, sollte man diese entsprechend nutzen.

Dazu kommen verschiedene Attacken der Feinde, von denen nur manche gekontert werden können. Perfekte Konter und perfektes Ausweichen kann für besonders starke Gegenangriffe genutzt werden. Einige Feinde haben Schilde und blocken, was mit starken Attacken durchbrochen werden muss.

Die Geist-Hilfsmittel können ebenfalls im Kampf eingesetzt werden, genauso wie die Bögen und verschiedene Pfeilarten. Durch Talismane und Rüstungen kann der bevorzugte Spielstil zusätzlich unterstützt werden. Das klingt am Anfang alles ein wenig überwältigend, doch im Laufe des Spiels findet man seine bevorzugten Moves – oder wechselt je nach Lust und Laune zwischen Schleichen, Massen-Schlägereien und Fernkampf.

Mein persönliches Highlight ist das Herausfordern der Gegner. Wenn diese einen noch nicht bemerkt haben, kann man sie durch Drücken der Nach-Oben-Taste am Steuerkreuz herausfordern. Man steht dem Feind gegenüber und muss die Dreieck-Taste dann los lassen, wenn dieser angreift. Fällt man auf seine Finte herein und lässt zu früh los, bekommt man einen Konterangriff ab, der nahezu die vollständige Lebensenergie kostet. Diese Herausforderungen sind also immer mit einem Risiko verbunden – und immer spektakulär in Szene gesetzt. Auch nach 20 Stunden Spielzeit wurde ich dieser Mechanik nicht überdrüssig.

Plündern und Blumen sammeln

Wie viele andere Open-World-Games auch, hat Ghost of Tsushima ein Upgrade-System für Waffen und Rüstungen. Dazu müssen Vorräte, die eine Art Währung im Spiel sind, und verschiedene Rohstoffe gesammelt werden. Es wirkt ein wenig seltsam, dass man in die Häuser der ohnehin kriegsgeplagten Bewohner geht und dort die Vorräte einsammelt. Andererseits haben sich Samurai auch damals bei der Bevölkerung bedient, wenn es ihrer Meinung nach nötig war.

Einige Rohstoffe können auch in der Natur gesammelt werden, wie Felle, Holz und Blumen. Das Meiste passiert nebenbei und lenkt nicht vom eigentlichen Gameplay ab. Die Blumen können bei Händlern gegen kosmetische Upgrades getauscht werden, wie etwa neue Farben für Rüstung und Waffen.

Fazit

Ghost of Tsushima zeigt, wie ein historisches Setting respektvoll umgesetzt werden kann, ohne dass der Spielspaß verloren geht. Es zeigt auch, welche Schönheit die PS4 in ihren letzten Atemzügen hervorbringt, bevor im November die PS5 startet.

Kein „Best of PS4“ ist die Gegner-KI, die selbst bei hohen Schwierigkeitsgraden zu wünschen übrig lässt. Das Gleiche gilt für die Schleich-Passagen und Probleme bei der Kollisionsabfrage, bzw. Kämpfen auf unterschiedlichen Ebenen. Bei so viel Schönheit rundherum sollten dem Spielentwickler solche offensichtlichen Mängel nicht passieren.

Außerdem ist Ghost of Tsushima ein wenig unaufgeregt. Während die Kämpfe sehr dynamisch und manchmal hektisch sind, ist das Erkunden und das Genießen der Landschaft dazwischen fast schon entschleunigend. Es strahlt eine gewisse Ruhe aus, die kleinen Sammelaufgaben nebenbei zu machen, wie heiße Quellen zu besuchen und Füchsen hinterherzulaufen. Für mich war das Teil der harmonischen Erfahrung. Für Spieler, die in möglichst wenig Zeit möglichst viel erleben wollen, ist Ghost of Tsushima deshalb möglicherweise nicht geeignet.

Allen, die sich gerne in wunderschöne Welten verlieren und für die das Spielen mehr als nur ein schneller Adrenalinkick ist, sei Ghost of Tsushima aber ans Herz gelegt.