Harry Potter gibt es nicht nur als Buch, Film und Mobile Game, sondern auch als Musical

© AP / Matthew Murphy

Games
06/30/2019

Harry Potter Wizards Unite: Krampfhaft aufgeblähter Fan-Service

Das neue Spiel von Niantic möchte Harry Potter den Pokémon-Go-Touch verpassen. Erstickt dabei aber fast an seinem Umfang.

von Amir Farouk

Der Erfolg von Pokémon Go ist ungebrochen. Schon mehrere Jahre auf dem Markt, wird zwar nicht mehr jeden Tag über irgendein Happening im Zusammenhang mit dem Spiel berichtet, gut besuchte Events und weiterhin hohe Spielerzahlen beweisen aber den weiterhin andauernden Erfolg von Pokémon Go. Einen Erfolg, den man nun auch mit einem neuen Universum einfahren möchte. Ende 2018 angekündigt, wird „Harry Potter: Wizards Unite“ seit der ersten Präsentation scherzhaft „Harry Potter Go“ genannt.

Warner Bros. hat sich für das neue Spiel mit der Spieleschmiede Niantic zusammengetan, die sich eben auch für Pokémon Go verantwortlich zeichnet. Es sollte deshalb kaum überraschen, dass es einige Parallelen zwischen den beiden Apps gibt. Inhalt, Umfang und selbstverständlich die Story unterscheiden sich aber recht deutlich vom Vorbilde, was sich an manchen Stellen als problematisch herausstellt. „Harry Potter Wizards Unite“ krankt nämlich an mancher Stelle, wo Pokémon Go die Herzen der Spieler im Sturm eroberte.

Kampf in der Muggel-Welt

Während sich Pokémon Go einfach das Motto „Gotta catch 'em all“ als Philosophie vornahm, braucht es für das Universum rund um Zauberer, Kobolde und Co. etwas mehr. Für „Harry Potter Wizards Unite“ hat man sich deshalb eine nette, wenn auch etwas seichte Backstory einfallen lassen. Eine Unachtsamkeit sorgte dafür, dass verzauberte Gegenstände, Artefakte und Kreaturen in die Muggelwelt, also die Welt der Menschen ohne Zauberkräfte, entschwunden sind.

Als Teil der Spezialeinheit des Ministeriums für Zauberei sollen wir dafür sorgen, dass sämtliche magische Gegenstände aus der normalen Welt wieder verschwinden, um die Geheimhaltung der Zauberwelt aufrecht zu erhalten. Als Freiwilliger des Ministeriums begeben wir uns auf die Suche nach allem, was nicht für Muggel-Augen gedacht ist. Das Spielprinzip baut hier eins zu eins auf seinem erfolgreichen Vorgänger auf. In einer virtuellen Welt, die an die Koordinaten der realen Welt gebunden ist, bewegen wir uns vollkommen frei. Um unsere Spielfigur zu bewegen, müssen wir uns durch die Umwelt schlängeln.

Mithilfe von GPS werden unsere Postionsdaten laufend aktualisiert und fließen in Echtzeit ins Spiel ein. Wie schon bei Pokémon Go wird uns auch hier der Smartphone-Akku rasant leergesaugt. Die virtuelle Umgebung orientiert sich nicht nur an Straßenzügen. Auch Skulpturen, Tafeln, Geschäfte oder Kirchen dienen als besondere Punkte, die zu einem Spielelement verwandelt werden. In Wizards Unite werden diese Punkte etwa zu Festungen, Gaststätten oder Gewächshäusern. Ähnlich den Arenen bei Pokémon können diese, sofern wir uns nahe genug ran wagen, ausgelöst werden, um eine Interaktion zu starten. In Festungen müssen wir uns Herausforderungen stellen, Gewächshäuser liefern Pflanzen und in den vielen Gaststätten gibt es Zauberenergie zu tanken.

Der Finger als Zauberstab

Die Zauberei ist das wichtigste Element im Spiel. Während bei Pokémon Go ständig neue Kreaturen aufgetaucht sind, erscheinen hier rotierende Schilder in unterschiedlichen Farben. Hinter diesen Schildern verbergen sich magische Dinge, die in der Muggelwelt von Wächtern der Funde festgehalten werden und durch unsere Zauberei befreit und zurückbefördert werden müssen. Zu befreien gilt es etwa einen gefangenen Zauberschüler, eine Kreatur oder andere gebundene Gegenstände. Um zu zaubern, müssen wir ein Symbol mit der Hand nachzeichnen, das je nach Zauberspruch variiert. Damit lassen sich dann Fesseln lösen oder Kreaturen verbannen.

Gerade unterwegs ist das Zeichnen aber alles andere als leicht. Wer nicht ständig stehenbleiben möchte, wird beim Marschieren viel Mühe haben, ordentlich zu zeichnen. Je nach Qualität unserer Zeichenkunst wird unser Zauberspruch dann bewertet. Sollten wir beim ersten Mal nicht erfolgreich sein, können wir den Vorgang mehrfach wiederholen, sofern uns nicht die Energie ausgeht oder die Kreatur flüchtet. Zaubertränke, die gesammelt oder hergestellt werden, senken kurzfristig den Schwiergkeitsgrad und erhöhen somit unsere Chancen, den Gegenstand einzufangen.

Jede Begegnung mit einem Charakter oder Gegenstand liefert einen Eintrag in unsere Bücher, welche nicht anders als ein Pokédex funktionieren. Oftmals benötigen wir mehrere Kämpfe oder Befreiungsaktionen, bis alle benötigten Fragmente für die Freischalung vorhanden sind. Jedes Element bringt eine Art Stempel, die über mehrere Bücher verteilt werden. Hagrid und Seidenschnabel finden sich beispielsweise in der Sammlung „Magische Kreaturen“. Andere werden etwa der Sammlung von Hogwarts zugewiesen. Ist eine Sammlung vervollständigt, erhalten wir unter anderem Portschatullen. Hinter dieser Wortkreation, die nur eine von vielen mangelhaften Übersetzungen im Spiel ist, versteckt sich eine Schatztruhe. Diese liefert uns hilfreiche Gegenstände für den weiteren Fortschritt im Spiel.

Lästige Platzproblematik

Was bei Pokémon Go die Arena war, ist bei Wizards Unite die Festung. In sogenannten Raids gilt es diese Festungen einzunehmen, um mächtigere Gegenstände und Kreaturen finden und freischalten zu können. Diese Festungen lassen sich aber teilweise nur in Gruppen einnehmen und erfordern außerdem Runensteine, die es erstmal zu sammeln gilt. Runensteine können etwa Teil einer Sammel-Belohnung sein. Außerdem lassen sich diese immer wieder in Gaststätten und Gewächshäuser auftreiben.

Statt einfach nur die Festung einzunehmen, gibt es hier aber gleich zehn Level, die mit jeder Stufe ein Stückchen schwieriger werden. Etwas schwierig macht man es uns in Wizards Unite mit dem Ressourcenmanagment. Wer von Aufforderung zum In-App-Kauf Ausschlag bekommt, muss hier ganz stark sein. Sämtliche Gegenstände, die wir sammeln, werden in unterschiedliche Lager aufgeteilt und bevorratet. Während wir unterwegs sind, laufen diese regelmäßig voll, was langfristig zu Blockaden führt.

Zwar lassen sich viele Gegenstände verarbeiten und sorgen somit kurzfristig für Befreiung. Die Kapazitäten werden aber relativ schnell wieder ausgelastet und stellen somit ein recht lästiges Element im Spiel dar. Dass die Platz-Problematik so lästig ist mag auch daran liegen, dass sich zusätzlicher Raum für mehr Gegenstände mit Echtgeld erkaufen lässt.

Zu viel des Guten

So manche mögen glauben, dass ihnen Wizards Unite so einfach von der Hand gehen wird, wie es Pokémon Go bei den ganzen Hobby-Trainern getan hat. In Wirklichkeit ist das Spiel aber fast zu umfangreich und an manchen Stellen teilweise krampfhaft aufgebläht. Die etwas seichte Story mit den entschwundenen Gegenständen und Kreaturen wird nur sehr marginal im Spiel behandelt. Gleichzeitig müssen wir auch noch herausfinden, wer eigentlich für den ganzen Spuk verantwortlich ist.

Außerdem kann mit der Zeit einer von drei Berufen angenommen werden, sofern wir ausreichend Schriftrollen und Zauberbücher dafür gesammelt haben. Zur Auswahl stehen hier Auror, Professor oder Magiezoolog. Jeder Beruf hat dabei seine eigenen stärken und Schwächen. Der Professor gilt dabei als ausgeglichen in Angriff und Verteidigung, heilt dafür aber nur sehr schwach. Auror und Magiezoologe sind nur in einer Eigenschaft stark, bringen dafür bei der Heilung mehr. Während Pokémon Go mit der Zeit gewachsen ist, versucht man bei Wizards Unite die ein oder andere Macke mit überbordende In-Game-Elementen zu kaschieren.

Die vielen Charaktere, die teils gleich in mehreren Versionen vorkommen, mögen für echte Harry-Potter-Geeks faszinierenden sein. Jene Spieler, die nicht so tief in dieser Zauberwelt verankert sind, werden vor allem am Anfang Schwierigkeiten haben, ein Gefühl für das Spiel und seine komplexe Welt zu entwickeln. Bei Wizards Unite geht Niantic gleich zur Sache und liefert so viele Inhalte, dass der Spielgenuss eher in Überforderung mündet. Zwar gibt es jede Menge zu tun, die erwünschte Spieltiefe, die bei Pokémon Go gerade am Anfang vermisst wurde, liefern die vielen Herausforderungen aber nicht unbedingt.

Fazit

Harry Potter Wizards Unite mag für Fans der Zauberwelt wie eine Art Geschenk erscheinen. Ob das Spiel für die Massen geeignet ist, lässt sich aber nur schwer einschätzen. Zwar liefert Niantic die bekannte Pokémon-Go-Mechanik. Mit den vielen Aufgaben, Herausforderungen und Kreaturen lässt sich gerade bei Neulingen aber nur schwer Begeisterung wecken. Stattdessen gilt es erstmal die Motivation zu finden, sich in dem Universum einzufinden. Eine Aufgabe, die mehr Last als Unterhaltung ist.

Harry Potter Wizards Unite ist kostenlos für iOS und Android erhältlich.