Games
08.06.2018

Steam erlaubt Porno-Games und Gewalt, nur Trolle sind unerwünscht

Mit einer seiner neuen „Geht mich nichts an“-Politik für die Spieleplattform Steam sorgt Valve für eine Kontroverse.

Steam ist die weltweit größte PC-Spieleplattform. 2017 wurden über 7600 Games darauf veröffentlicht. Schätzungen von Marktbeobachtern zufolge betrug der Umsatz 4,3 Milliarden US-Dollar. Und das ist eher konservativ geschätzt, da in dieser Berechnung Mikro-Transaktionen, DLCs und andere Game-Erweiterungen nicht enthalten sind.

Die schiere Popularität der Plattform und relativ laschen Inhaltskontrollen sorgen immer wieder dafür, dass kontroverse Games auf Steam veröffentlicht werden: Von Schul-Amoklauf-Shootern über Games, die eindeutig das Copyright anderer verletzen, bis zu Sex-Spielen mit Vergewaltigungsszenen.

Um mit den Diskussionen über solche Inhalte aufzuräumen, hat Valve, der Betreiber von Steam, jetzt eine neue Richtlinie erlassen: Alles ist erlaubt, außer es ist illegal oder ein „Troll-Spiel“. Was das heißt: Porno-Games und Spiele mit exzessiver Gewaltdarstellung sind ok, solange man es nur ernst meint.

Kontroverse

Während viele User diese „Hands off“-Policy als Fortschritt und das Recht auf freie Meinungsäußerung im Internet feiern, sehen andere dies als skeptisch. So wird etwa kritisiert, dass Valve sich damit aus der Affäre zieht und keine Verantwortung für kontroverse Inhalte übernehmen will. Valve würde dies außerdem machen, weil es mit jedem Spiel, dass auf Steam veröffentlicht und gekauft wird, Geld verdient. Mehr Inhalte heißt mehr Gewinn.

„Valve sollte nicht entscheiden, was auf Steam ist. Wir sollten nicht für die Spieler entscheiden, was sie kaufen und nicht kaufen können. Wir sollten nicht für Entwickler entscheiden, was sie kreieren dürfen. Das sollten eure Entscheidungen sein“, begründet Valve seine neue Politik in einem Blogeintrag. Spieler, die bestimmte Games auf Steam nicht sehen wollen, sollen diese künftig mit Filtern ausblenden können.

Unklare Regeln

Was illegale und Troll-Inhalte für Steam sind, wird nicht erklärt. Mit illegal sind vermutlich Copyright-Verstöße gemeint. Hier haben sich in der Vergangenheit mehrmals kleine Entwicklerstudios beschwert, dass Valve kaum oder nur langsam gegen Copyright-Verstöße vorgeht, wenn die Klagen nicht gerade von großen Spielepublishern wie Ubisoft oder Electronic Arts kommen. Dass sich das jetzt bessert, wenn Valve plant noch weniger zu kontrollieren was auf Steam erscheint und was nicht, ist unwahrscheinlich.

Die „Troll-Spiele“ dürften eine Hintertür sein, damit Valve, trotz seiner „Geht mich nichts an“-Politik, Games löschen kann, wenn es gerade darauf Lust hat. Vor Kurzem wurde etwa das Amoklauf-Spiel „Active Shooter“ und der rassistische Shooter „ Aids Simulator“ von Steam entfernt, nachdem es deshalb Beschwerden hagelte.

Nun könnte man etwa im Fall von Active Shooter sagen, dass der Spieleentwickler mit dem Game die Angehörigen der Opfer trollen und nur Aufmerksamkeit erregen wollte. Würde aber ein ähnliches Spiel erscheinen, das als „Simulation“ angeboten wird, etwa um Daten zu sammeln mit denen sich Behörden auf echte Amokläufe vorbereiten können, wäre es nach den neuen Steam-Richtlinien ok.

Weniger Zensur?

Dasselbe gilt demzufolge aber auch für Games mit rassistischen Inhalten, Folter, expliziter Gewaltdarstellung, sowie Sex- und Vergewaltigungsszenen. Bislang hat Valve schon mehrmals Sex-Spiele gelöscht oder die Entwickler aufgefordert, diese zu zensieren. Wenn Valve seine neue Politik ernst nimmt, wird dies vermutlich nicht mehr der Fall sein. Bisher haben die Entwickler die Zensur umgangen, in dem sie auf ihren eigenen Websites Uncensor-Patches bereitgestellt haben.

Anstatt Valve mehr Geld in die Kassen zu spülen, könnte die neue Politik den gegenteiligen Effekt haben. Indie-Studios, die Spiele mit Qualitätsansprüchen machen, möchten möglicherweise nicht auf einer Plattform publishen, auf der ihre Werke zwischen einer Flut von billigen, generischen Porno- und rassistischen Games untergeht. Dies könnte nicht nur dazu führen, dass die nächsten Indie-Hits nicht mehr auf Steam zu finden sind, sondern dass sich die Entwickler entscheiden, ihre Games gleich nur noch für Konsolen oder auf iOS und Android zu veröffentlichen.