Meinung
02.11.2012

Allee Blog: Kurzanatomie einer Szene

In Europa gilt die deutsche Hauptstadt bereits vielen Jung-Unternehmern als Start-up-Mekka. Auch die Wiener Firma Weavly hat den Sprung nach Berlin gewagt. Ihr CEO, Oliver Lukesch, schreibt wöchentlich auf futurezone.at über die Hype-Stadt und den Alltag im Inkubator-Programm "Startupbootcamp".

Berlins Startupszene besteht aus zwei Knoten. Im Norden die Torstraße, Wohnhaft vieler Startups, gekrönt von St. Oberholz  am geografischen Ursprung. Soundcloud findet sich im näheren Umkreis, auch die Factory wird nur wenige Straßenbahnstationen entfernt aus dem Boden gestampft.

Auf der anderen Seite Kreuzberg, geprägt vom Flair der Gentrifizierung, durchzogen von Brutstätten der Kreativität, mit dem Umspannwerk und dem Betahaus im Mittelpunkt. Dazwischen? Die Niederlassung von Google Deutschland knapp neben dem Brandenburger Tor und sonst noch einige Offices in Berlin Mitte. Und sonst nichts.

Mein Leben spielt sich aktuell zwischen diesen beiden Polen ab. Egal um welches Meeting ich mich bemühe, meistens steige ich an den gleichen drei U-Bahn Stationen aus. Dennoch kaum zu Glauben, wie viel Internet sich zwischen diesen Polen abspielt, der Begriff „Silicon Allee" wird langsam greifbar.

Kurzanatomie einer Kultur
Anders beim Thema Finanzierung. Auch wenn sich die versammelte Meute hornbrilliger Hipsters in St. Oberholz alle Mühe gibt (und dabei auch Erfolgt hat), den Ruf Berlins als Kreativstadt auf Gedeih und Verderb zu verteidigen – die deutsche Investorenszene, zumindest jene, mit der wir bisher in Kontakt gekommen sind, agiert andersrum.

Einiger großartiger Gespräche in den letzten Tagen und Wochen zum Trotz - gerade im Vergleich zu den Investoren und Business Angels amerikanischen Ursprungs, welche in den letzten Wochen zu unserer Verzückung verstärkt ins Startupbootcamp geschaufelt wurden, zeigen sich eklatante Unterschiede in der Kultur.

Steht auf der einen Seite die Forderung nach einem solides Geschäftsmodell, am besten B2B, inklusive viel versprechender Drei-Jahres-Projektion, steht auf der einen Seite der Glauben an eine Idee und das stellenweise unerschütterliche Vertrauen in jene Leute, die sie umsetzen wollen – auch wenn erster Revenue, wenn überhaupt, erst in drei Jahren fließen mag. „Build stuff people love and worry about the monetization afterwards", ein Stehsatz, den wir von amerikanischer Seite in verschiedenen Variationen bereits öfters gehört haben.

Was besser ist? Schwer zu sagen. Überspitzt betrachtet treffen hier zwei Weltbilder aufeinander. Das eine zu starkem Grad verantwortlich für die Finanzkrise, das andere soeben versucht, mit stellenweise zu strenger Hand die Welt wieder zu kleben. Prügel für diese stark vereinfachte Darlegung der Situation sind in den Kommentaren jederzeit willkommen. Beide Weltbilder haben ihre Berechtigung, beide ihre eklatanten Nachteile.

Für uns als „stuff people love" Produkt locken selbstverständlich die Reize der amerikanischen Seite mehr. Auch wenn gerade die Inputs der deutschen Seite bereits für einiges an wertvollem Kopfzerbrechen und zu durchaus ansehnlichen Finanzplänen geführt haben. Finanzpläne, von denen uns von amerikanischer Seite andererseits schon wieder mit „focus on the product, ignore the rest" abgeraten wurde. Engelchen links und Teufelchen rechts, welche Seite was ist überlasse ich gerne der eigenen Interpretation.

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