Small toy figures are seen in front of the coronavirus (COVID-19) sign in this illustration taken

© REUTERS / DADO RUVIC

Meinung
03/15/2020

Coronavirus: Zwei Sorten Nichtwissen

Niemand von uns weiß, wie die COVID-19-Krise weitergeht. Aber es gibt dummes Nichtwissen und klügeres Nichtwissen.

von Florian Aigner

Von der Wissenschaft erwarten wir uns, dass sie uns mit überzeugender Verlässlichkeit vorhersagt, was passieren wird. Astronomen können uns genau ausrechnen, wann die nächste Sonnenfinsternis stattfindet, Chemiker können uns genau erklären, warum es keine gute Idee ist, einen Brocken Kalium in die Badewanne mitzunehmen, und Meteorologen können uns mit großer Verlässlichkeit sagen, ob es übermorgen regnet.

Bei COVID-19 ist die Sache leider anders. Auch die besten Experten können derzeit nicht genau vorhersagen, was geschehen wird. Die Ausbreitung des Virus ist komplex und hängt von vielen Faktoren ab, die wir nicht kennen. Das ist schwer zu akzeptieren: Diese Wissenschaftler wissen doch sonst auch alles besser! Und jetzt lassen sie uns mit unbefriedigenden Handlungsempfehlungen alleine?

Das dumme Nichtwissen

Esoterik und Verschwörungstheorien wuchern in solchen Situationen immer am allerbesten: Es gibt gar keine COVID19-Epidemie, behaupten die einen. Das hat man nur erfunden, um davon abzulenken, dass die Leute an der gefährlichen Strahlung der 5G-Netze erkranken. Es ist eine Biowaffe, die versehentlich freigesetzt wurde, glauben die anderen. Natürlich ist das alles Unsinn.

Dubiose Salben und Pulver werden angeboten, die gegen die Krankheit helfen sollen. Wunderheiler zaubern Coronaviren aus der Ferne weg. Das ist gefährlich. Meist schädigen sich die Kunden nutzloser Scheinmedizin in erster Linie selbst – wenn sich bei einer Epidemie jemand nicht an Vorsichtsmaßnahmen hält, weil er ja ohnehin gesundgezaubert wurde, ist das eine Gefahr für uns alle.

Beängstigend ist auch das Verhalten des US-Präsidenten Donald Trump. 2018 feuerte er sein Pandemie-Einsatzteam – ohne es zu ersetzen. Mehrfach bewies er, dass er von der aktuellen Situation keine Ahnung hat. Verwundert fragte er etwa seine Experten, ob eine Grippeschutzimpfung nicht auch gegen das neue Coronavirus helfe. Ein bisschen zumindest?

Das kluge Nichtwissen

Esoteriker, Pseudowissenschaftler, Verschwörungstheoretiker – all diese Leute haben keine Ahnung, sind sich ihrer Sache aber erschreckend sicher. Und daneben gibt es Menschen, die sich seit Jahren mit Viren beschäftigen, die an epidemiologischen Instituten arbeiten, die Krankheitsausbreitung mit Computermodellen simulieren. Sie sind weit weniger überzeugt von der eigenen Meinung, und sie treten meist weniger laut und selbstbewusst auf. Sie wissen, dass sie vieles noch nicht wissen.

Wir müssen daher unbedingt lernen, zwischen diesen zwei Sorten von Nichtwissen zu unterscheiden: Zwischen dem dummen Nichtwissen der Ahnungslosen, die sich ihre Fakten selbst erfinden, und dem Nichtwissen der Experten, die genau wissen, was sie nicht wissen – und daher zumindest nützliche Wahrscheinlichkeitsprognosen machen können.

Nicht schönreden, nicht Panik schüren

Wenn uns solche Leute dramatische Schritte empfehlen, dann sollten wir sie ergreifen. Es ist dumm, ein bedrohliches Problem schönzureden, weil man die nötigen Maßnahmen unangenehm findet. Ebenso dumm ist es, zu glauben, dass drastische Maßnahmen künstlich gerechtfertigt werden müssen, indem man die apokalyptischsten Horrorszenarien an die Wand malt. Nirgends steht geschrieben, dass man radikale Schritte erst dann setzen soll, wenn das Überleben der menschlichen Spezies am seidenen Faden hängt. Wenn mein Knie operiert werden muss, dann will ich auch, dass der Arzt das ganz klar sagt. Er soll mir weder einreden, dass es mit Ringelblumensalbe von selbst wieder heil wird, noch dass mich ohne Operation ein unabwendbarer, grausamer Tod erwartet.

Die Wissenschaft erlaubt uns keinen perfekten Blick in die Zukunft – aber nützliche Hinweise, nach denen wir uns richten sollten. Das ist das Klügste, was wir derzeit tun können: Ruhig bleiben, Kontakte reduzieren, Hände waschen. Und nicht immer denen glauben, die sich ihrer Sache am sichersten sind.

Zur Person

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen

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