Energieerzeugung in Niedersachsen

© APA/dpa/Julian Stratenschulte / Julian Stratenschulte

Meinung
01/31/2020

Vergessen wir die CO2-Rucksäcke!

Fast egal was wir tun, man kann uns immer vorhalten, damit indirekt CO2-Emissionen zu verursachen. Doch oft lenkt das nur von den wahren Problemen ab.

von Florian Aigner

Es ist verdammt anstrengend, die Welt zu retten. Das Bio-Gemüse ist klimaschädlich, weil es mit LKW in den Supermarkt geliefert wurde. Das Elektroauto ist klimaschädlich, weil man für seine Herstellung Kohlestrom verwendet hat. Das Internet produziert so viel CO2 wie der gesamte Flugverkehr, rechnet man uns vor. Was darf man denn da überhaupt noch tun? Ist dann nicht ohnehin schon alles egal? Können wir dann nicht gleich zum Flughafen rasen, mit einem schwerölgetriebenen Einweg-SUV, den wir nach Gebrauch abfackeln, einfach nur um Greta Thunberg zu ärgern?

Natürlich ist das Unsinn. Selbstverständlich können wir CO2-Fußabdrücke und Klima-Rucksäcke ausrechnen. Aber solche Statistiken sollten uns nicht von den wahren Klimaproblemen ablenken.

Kraftwerke und Bankräuber

Entscheidend für das Klima ist, wie viel Kohlenstoff wir aus alten Lagerstätten holen und in Form von CO2 in die Luft blasen – etwa in Kohle- und Gaskraftwerken oder in Verbrennungsmotoren. Diese CO2-Emissionen dann in Form von „CO2-Rucksäcken“ allen Produkten umzuhängen, die Strom und Transport in Anspruch nehmen, ist unsinnig. Es ist als würde jemand eine Bank ausrauben und mit dem Geld dann Autos und teure Uhren kaufen, und wir würden diskutieren, in welchem Verhältnis der Uhrenhändler und der Autoverkäufer Schuld am Bankraub sind. Das wahre Problem ist natürlich der Bankräuber.

Beim CO2 ist es ähnlich: Das eigentliche Problem ist nicht das Produkt, das mit fossilen Brennstoffen produziert oder transportiert wurde, sondern der fossile Brennstoff. Einem Internetserver ist es egal, ob er mit Strom aus Photovoltaik oder Braunkohle betrieben wird. Ein Braunkohlekraftwerk hingegen hat keine Wahl – es wird immer klimaschädlich sein. Wieso soll man also die CO2-Emissionen des Kraftwerks dem Internetserver anrechnen, nur weil wir so dumm sind, immer noch auf Energietechnologien von vorgestern zu setzen?

Sparen ja – aber nicht als Selbstzweck

Das heißt natürlich nicht, dass wir bedenkenlos weiterkonsumieren dürfen und alle Schuld auf die Erdöl- und Kohleindustrie abwälzen können. Konsumrausch ist kein nachhaltiges Hobby, Energiesparen ist immer eine gute Idee, und das umweltfreundlichste Produkt ist immer das, das gar nicht produziert wurde. Aber ohne die entscheidenden Ursachen im Blick zu behalten, bringt uns das wenig. Angenommen, wir schränken unseren Konsum radikal ein – sagen wir um 50%. Das würde uns alle mit kaum vorstellbarer Wucht treffen, aber selbst wenn wir 50% der Emissionen sparen, genügt das nicht. Wir müssen auf null kommen, und zwar rasch.

Ansetzen müssen wir also genau dort, wo das CO2 entsteht: Wir müssen aufhören, Kohle und Gas zu verbrennen. Wir müssen Benzin- und Dieselfahrzeugen durch Elektroautos ersetzen. Wir müssen die Abholzung von Wäldern stoppen, unsere Landwirtschaft überdenken und CO2-emittierende Prozesse im Bauwesen und in der Industrie verbessern.

All diese Emissionen durch „CO2-Fußabdrücke“ rechnerisch auf alle Waren und Dienstleistungen zu verteilen ist vielleicht gut gemeint, lenkt uns aber von den wahren Verursachern ab und vermittelt das Gefühl völliger Hoffnungslosigkeit. Das ist aber nicht angebracht. Gerade im Energie- und Transportbereich können wir viel verbessern – wenn wir nur wollen.

Zur Person

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen.