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Peter Glaser: Zukunftsreich

Das Netz ist ultrakonservativ

Vielleicht entwickelt sich gerade eine neue Spezies vom Homo Sapiens fort: die Gattung Homo Silicon-Valleyensis – nach dem Neandertaler kommt nun der „Siliziumtaler". Ein Mensch, dessen Wesen sich auf eine für den alten Homo Sapiens kaum begreifliche Weise nicht mehr nur in seinem Körper befindet, sondern sich hinausverlängert hat in digitale, vernetzte Geräte. Information heißt das unsichtbar leuchtende Fluidum, das diese Menschheitserweiterung durchströmt.

Das Netz hat kein Gedächtnis
Wie selbstverständlich gehen die meisten Menschen davon aus, dass in einem Informationszeitalter alles Festhaltenswerte ganz selbstverständlich gespeichert wird und bleibt. Wer nach erhaltenen Texten aus der Frühzeit des Internet sucht, wird allerdings feststellen, dass schon jetzt, wo die neue Ära doch erst so richtig beginnt, vieles verweht und verschwunden ist. Das Netz hat kein Gedächtnis, in den ersten Jahren vergaß das Internet sich selbst und die sich rasch verändernden Erscheinungsformen der stürmischen Entwicklung. Erst mit dem Start des Internet Archive [1], das seit 1996 mit Momentaufnahmen des Internet eine rudimentäre Erinnerungsmöglichkeit aufzubauen versucht, hat diese Gedankenlosigkeit ein vorläufiges Ende gefunden.

Der Stoff, aus dem Mikrochips gefertigt werden, ist geschmolzener Quarz. Die winzigen Schaltmuster auf der Oberfläche der Siliziumplättchen bedeuten: Wir haben wieder angefangen, auf Steintäfelchen zu schreiben. Im Prinzip ist das vernünftig, da Stein wie auch Papier überaus haltbare Datenträger sind. Manche Papyri haben mehr als 4000 Jahre überdauert. Wir aber scheinen uns zu einer neuen Art von Frühmensch zu entwickeln, der nicht einmal mehr Bilder an den Felswänden hinterläßt – nur Projektionen, die dann spurlos wieder verschwinden. Höhlenmalereien haben zehntausende Jahre praktisch unbeschädigt überstanden. Die flüchtigen Bilder auf unseren heutigen Bildschirmwänden sind abrufbar aus digitalen Speicherbänken – aber wie lange?

Es genügt nicht nur, Daten aufzuheben
„Digitale Information hält für immer oder fünf Jahre - je nachdem, was zuerst kommt", spotten Experten, die sich mit der Haltbarkeit von modernen Datenträgern befassen, ob magnetbeschichteten Bändern, Disketten, CDs, DVDs, Festplatten oder den neuesten Festkörperlaufwerken (SSD für „Solid-State-Drive"). Was noch am längsten durchhält, sind Festplatten. Aber die Daten, die nicht durch ermüdende Oberflächen und Lesekopf-Abrieb unlesbar werden, müssen spätestens alle drei bis fünf Jahre auf die jeweils neueste Datenträger-Generation überspielt werden. Denn es genügt nicht, nur die Daten aufzuheben. Die Disketten, auf denen die Informationen von gestern gespeichert wurden, passen nicht mehr in das Laufwerk von heute (das sich im übrigen auch gerade verabschiedet – zwar gibt es in Laptops noch DVD-Laufwerke, aber mit SSD-Speicher und Speicherkärtchen, in denen keine mechanischen Teile mehr „laufen", kündigt sich bereits die nächste Datenträger-Generation an). Mangels geeigneter Lesegeräte können viele digitale Aufzeichnungen, oft kaum älter als ein Jahrzehnt, inzwischen nicht mehr gelesen werden.

Die Kunst des Vergessens
Während manche Angst davor haben, dass ihre Daten verlorengehen könnten, hoffen andere genau das. An einer anderen Übergangstechnologie, der Mobiltelefonie, wird  deutlich, was damit gemeint ist. Ehe sich die Smartphones mit ihren computergleichen Speicherkapazitäten verbreiteten, konnten Computer und ihre Nutzer von schlichten Mobiltelefonen etwas Wichtiges lernen. Die alten Handys nämlich beherrschten die Kunst des Vergessen. Man konnte außer seiner Telefonnummernliste gerade mal eine Handvoll SMS speichern. War die Karte voll, mußte man Nachrichten löschen.

Nicht nur Nachrichtensüchtige und Blogger horten heutzutage Text- und Bildvorräte, als läge das Durchschnittsalter des Menschen bereits bei 500 Jahren. Sicherheitsbehören würden am liebsten jedem Neugeborenen einen jener Funkchips implantieren lassen, die gerade im Begriff sind, aus der Warenwirtschaft ein datenschwirrendes weltweites Paletten-Internet zu machen. Da wir, mit einem Wort, im Zeitalter des kompletten Speicherwahnsinns leben, ist die Kunst des Vergessens, in der die Mobiltelefone uns unterwiesen haben, vorbildlich und zukunftsweisend.

Nicht nur Individuen sammeln Daten wie verrückt
Heute können die Hersteller Speichermedien gar nicht so schnell liefern, wie der Platz auch schon wieder vollgestopft ist. Die forcierte Neigung, nichts mehr zu löschen und auch noch die verwackelten Fotos undsoweiter aufzubewahren, führt zu einer gefährlichen kulturellen Transformation.  Denn nicht nur Individuen sammeln Daten wie verrückt, auch Unternehmen und Behörden. Und was ich vor Jahren ins Netz geschrieben habe, ist mit unveränderter Leuchtkraft zu lesen. Vor allem: Es hält starr und statisch einen Zustand meiner Persönlichkeit fest, die sich längst weiterentwickelt hat. Das Netz besteht darauf, dass ich immer noch so bin, wie ich einmal war. Es ist unflexibel und ultrakonservativ.

Veredelte Formen des Vergessens
Das Vergessen ist nicht nur eine wichtige Funktion jeder biologischen und kulturellen Entwicklung. Einiges von dem, was unsere Zivilisation ausmacht, wäre nicht denkbar ohne das Vergessen. Wenn einem Menschen ein Elefantengedächtnis nachgesagt wird, verheißt das nicht nur Gutes – man empfindet so jemanden als nachtragend. Resozialisierung oder Vergebung sind veredelte Formen des Vergessens.

Um wie viel einfacher wäre die Handhabung der Informationsgischt, die ständig an unsere Bildschirme brandet, wenn Dateien ebenso altern und vergehen würden wie das Laub auf Bäumen oder verblassende Gedanken. Es muß eine fundamentale Eigenschaft von Daten werden, dass sie – wenn nicht anders und begründet festgelegt – nach und nach selbständig verblassen, welk werden wie Laub im Herbst, und nach dem Erreichen eines gesetzlich definierten Verfallsdatums vergessen werden.

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