Meinung
22.11.2011

Der Fall Nokia(s)

Der Handy-Weltmarktführer steckt in einer schweren Krise, und die ist nicht nur ein finnisches, sondern ein europäisches Problem. Ein Kommentar von Gerald Reischl.

Vor zehn Jahren war die mobile Welt der Europäer noch in Ordnung, Europa war ein Handy-Kontinent, war ein Musterbeispiel für mobile Anwendungen, es wurden echte Innovationen entwickelt, Mobiltelefone gebaut von Herstellern wie Siemens, Ericsson und Nokia. Vor allem die skandinavischen Länder zeigten der Welt, wie ein Handy auszusehen hat, wie man Netze aufbaut und rasch ein ganzes Land mit Mobilfunk versorgt.

Die Vereinigten Staaten schienen damals den mobilen Trend zu verschlafen, zu verwurzelt waren sie in ihrer Pager-Technologie. Während in Europa schon heftig über UMTS (3G) diskutiert wurde und die ersten Netze in Betrieb genommen wurden, waren die USA das Laptop-Land.

Damals, vor zehn Jahren, war auch noch die Welt Nokias in Ordnung, ein Handy-Weltmarktführer, einzementiert in beinahe 40 Prozent Marktanteil. So gut wie jedes Mobiltelefon der Finnen war ein Verkaufsschlager, es reichte Kunden oft schon, das Logo "Nokia" auf einem Gerät zu lesen, um es zu kaufen. Nokia stand für Qualität und logische Menüführung.

Das Blatt hat sich gewendet
Die mobile Welt hat sich in den vergangenen zehn Jahren geändert. Die USA haben Europa überholt, geben nicht nur im IT- und Web-Business den Ton an - Google, Apple, Microsoft, Facebook, Amazon, um nur einige zu nennen - sie dominieren mittlerweile auch den Handy-Markt. Apples iPhone ist zwar nicht das meistverkaufte, aber das lukrativste Smartphone. Das offene, von Google initiierte Betriebssystem Android hat in den USA bereits das iPhone überholt und wird in drei Jahren wohl auf den meisten Smartphones zu finden sein.

Hinzu kommt der kanadische Konzern Research in Motion (RiM), dem mit BlackBerry ein Knüller für die Business-Klientel gelungen ist. Und mit Windows Phone 7 (WP7) ist auch Microsoft wieder in Erscheinung getreten. Zwar hat WP7 noch so seine Tücken, aber von den Microsoft-Entwicklern wurden alle voran gegangenen Konzepte über Bord geworfen. Dieser "neue Motor" soll nun auch Nokia-Handys antreiben.

Dass Ex-Microsoft-Manager Stephen Elop nun WP7 verwendet und nicht das Betriebssystem des größten Microsoft-Konkurrenten, nämlich Android von Google, war schon vor seiner heutigen Ankündigung logisch; auch, dass eingefleischte Nokia-Fans mit dieser Entscheidung nicht zufrieden sind. Aber der Pakt mit Microsoft ist die einzige Chance für Nokia - das eigene Betriebssystem Symbian war ein Misserfolg, eine Adaptierung unmöglich. Android kommt nicht in Frage, weil Nokia damit verwechselbar wird. WP7 hat Potenzial, allerdings muss man WP7 raschest aufpeppen.

Drei Jahre Rückstand
Der Noch-Weltmarktführer Nokia, der stetig Marktanteile verliert, hatte drei Jahre zu lang geglaubt, das verkorkste und viel zu komplizierte Symbian-Betriebssystem auf Vordermann bringen zu können. Bei jedem der Nokia-Events sagten die IT-Journalisten und Marktanalysten, dass sich Nokia etwas einfallen lassen müsse. Doch jede konstruktive Kritik wurde belächelt, der Konzern sah nicht, was die Kunden wirklich wollten, sondern argumentierte ständig mit Zahlen und Statistiken - und die belegten, dass sie Weltmarktführer sind.

Vom Hochmut und dem Fall
Nokia ist Opfer der eigenen Arroganz geworden, ist ein Paradebeispiel dafür, dass Hochmut vor dem Fall kommt. Man glaubte in Helsinki bis vor kurzem, dass Kunden Handys deshalb kaufen, weil Nokia auf dem Gerät steht. Das reicht für Billig-Handys, nicht aber für Smartphones. Jetzt hat der neue Chef Stephen Elop selbst in einem internen Memo ein Statement abgegeben - " Das erste iPhone ist 2007 ausgeliefert worden und wir haben immer noch kein Produkt, das an dessen Usability herankommt. Wir haben Marktanteile, Ideen-Führerschaft und Zeit verloren. Symbian ist eine mehr und mehr schwierige Umgebung, die unsere Produktentwicklung verlangsamt und einen Nachteil im Hardwaresektor bedeutet." Sätze, die - aus dem Munde des Chefs - eine Trendwende im Konzern bedeuten. Sätze, für die Journalisten und Analysten belächelt wurden.

Die Schuldigen
Die Hauptverantwortlichen für Nokias Misere sind Ex-CEO Olli-Pekka Kallasvuo - er wurde 2005 aus der Schweiz kommend vom finnischen Zoll beim Schmuggeln erwischt, weil er nicht wusste, dass die Schweiz nicht EU-Mitglied ist - und der im Herbst 2010 zurückgetretene Handy-Chef Anssi Vanjoki sowie der enge Vanjoki-Freund und Noch-Vizepräsident Niklas Savander. Nokia-Manager haben in den vergangenen Jahren bereits ein wenig unter Realitätsverlust gelitten.

Die erfolgsverwöhnte und mit üppigem Millionen-Salär ausgestattete Führungsetage ging nach dem Motto "never change a winning team" vor. So macht ein hartnäckiges Gerücht die Runde, das ein ehemals hoher Nokia-Manager der FUTUREZONE bestätigte: Es gab einen fertigen Kaufvertrag für den Blackberry-Hersteller RiM (Research in Motion). Der Verkauf platzte im letzten Moment, weil Vanjoki & Co. damals der Meinung waren, dass sich RiM als Hardware-Hersteller nicht durchsetzen und es nur beim Push-Mail-Service bleiben würde.

Fehleinschätzungen
Europäische Journalisten waren dem Konzern ja immer sehr wohlwollend eingestellt, fast ein wenig Nokia-minded. Bis 2008. "Ovi-Store will be the biggest store in the world", sagte der damalige Handy-Chef Anssi Vanjoki bei einer Presse-Konferenz in London. Ein Raunen ging durch die Journalisten-Schar, als ihm dieser Satz über die Lippen kam. Wusste er, dass es einen iTunes-Store gab? Im Sommer 2010 hat Vanjoki das Handtuch geworfen, einige Tage nachdem bekannt wurde, dass auch Nokia-CEO Olli-Pekka Kallasvuo abdankt und Vanjoki nicht sein Nachfolger wird.

"We copy with pride"
"Wenn wir etwas Gutes sehen, kopieren wir es mit Stolz", sagte Vanjoki 2007 beim Event Nokia GoPlay in London. Dieser Satz brachte ihm nicht nur ein Schmunzeln bei den anwesenden Journalisten, sondern auch eine Apple-Klage ein. Ganz ernst hat Vanjoki diesen Satz wohl nicht genommen, denn da würde Nokia heute anders da stehen. Noch immer gibt es kein Gerät, das es mit dem iPhone aufnehmen kann. Während andere wie Samsung, HTC und selbst Motorola schon auf das Apfel-Handy aus Cupertino reagiert haben, herrscht bei den Finnen Ratlosigkeit. Oder ist es doch Selbstüberschätzung?

Die Stärke wird zur Schwäche
Nokias frühere Stärke wurde zur Schwäche. Die Stärke von Nokia-Geräten war früher die Menüführung, alles war logisch, aufgeräumt, intuitiv. Hätten andere Nokias Menüführung kopiert, wäre Nokia nicht so dominant gewesen. Den gleichen Fehler machte Nokia Jahre darauf - von der eigenen Menüführung besessen, wurden nichts dafür getan, die erfolgreichen Beispiele von Apple oder Android zu kopieren.

Im Futurezone-Interview meinte der letzte noch verbliebene Nokia-Manager aus den guten alten Tagen, Niklas Savander, Wir wollen uns nicht mehr entschuldigen, nicht Apple oder Google zu sein. Wir verkaufen täglich eine Million Handys. Mehr als unsere Konkurrenten." Die Antwort wo, blieb Savander schuldig. Selbst in der Dritten Welt gehen die Nokia-Zahlen zurück, in Indien gar um 20 Prozent. Auf die Frage, ob er nicht auch wie sein Freund Vanjoki und CEO Kallasvuo gedenke, zurück zu treten, meinte er - leicht irritiert - zur Futurezone: "Ich bin 60.000 Mitarbeitern verpflichtet."

Noch hat sich Stephen Elop nicht von Niklas Savander getrennt. Noch. Denn die Begeisterung über ihn hält sich bei den 60.000 Mitarbeitern in Grenzen. Ende 2010 eröffnete Savander doch tatsächlich eine seiner internen Videokonferenzen mit den Worten "Thank you to have me here." Ein Satz, der vielen im Konzern sauer aufgestoßen ist.

"Wir lassen Zahlen sprechen"
Nokia hat immer versucht, die eigenen Misserfolge mit Zahlen zu kaschieren. Nokia ist noch Marktführer, auch bei den Smartphones - 260.000 der täglich verkauften 1 Million Geräte sind Smartphones - dennoch gab es von 2008 auf 2009 einen Umsatzrückgang um 20 Prozent von 50 auf 41 Milliarden. Schlimmer ist aber, dass die Konkurrenz mit ihren Geräten Geld verdient, denn der Gewinn sank von 3,7 Milliarden auf 270 Millionen.

Dennoch sind die Vertreter in den Ländern überzeugt, dass Nokia noch immer die Nase vorne hat. "Ich lasse die Zahlen sprechen", zeigte Nokias Marketingchef für ASE (Alps/Central/South East Europe) Alexander Oswald, Ende 2010 beim DMVÖ-Kongress in Wien eine Statistik der Smartphone-Penetration in Österreich. Diese wies Symbian-Geräte mit 45 Prozent Marktanteil aus. Was Oswald nicht dazu sagte, war, wie viele User eines Symbian-Smartphones sich eine App downloaden (können). Auch hier kann man die Zahlen sprechen lassen: Es gibt 350.000 Apps in Apples App-Store, 250.000 im Android-Store und nur 25.000 im Ovi-Store. 15.000 Apps umfasst das Angebot im Blackberry-Store.

Die europäische Hoffnung
Schadenfreude ist ob der Probleme des finnischen Konzerns aber nicht angebracht, denn Nokia ist ein europäisches Unternehmen, eines der letzten, auf das wir - auch wenn der Konzern mittlerweile auch außerhalb von Europa produzieren lässt - stolz sein müssten. Als Europäer wünsche ich mir, dass Nokia wieder der große Wurf gelingt. In Erinnerung daran, dass der Mobilfunk eine europäische Erfindung war.

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(Gerald Reischl)