Meinung
12.12.2015

Der gelenkte Nutzer

Die Ergebnisse der gigantischen Datensammlungen und -Raubzüge, die seit Jahren stattfinden, begegnen uns als stille Steuerungsanweisungen im Netz wieder.

Viele Menschen des digitalen Zeitalters fürchten sich immer noch vor allem davor, dass ihnen Daten weggenommen werden. Werden einem Daten gestohlen - oder werden sie aus übergeordnetem staatlichen Interesse einkassiert -, passiert im übrigen etwas Sonderbares: Die Daten sind zwar weg, aber immer noch da. Die Generalbefürchtung lautet, dass uns Geheimdienste, Unternehmens-Moloche wie Google oder Hacker unserer informationellen Selbstbestimmung berauben.

Schon wenn Otto Normalnutzer bemerkt, dass ihm da jemand eine Software-Aktualisierung auf seinem Rechner unterschiebt oder häufchenweise Cookies ans digitale Bein bindet, fühlt er sich in seiner Souveränität, nun ja: gestört – mehr nur selten. Denn diese Dinge sind ja auch mit großen Bequemlichkeiten verbunden.

Sie wissen alles

Wer aber sein Augenmerk nur auf die unterschiedlichen Formen von unerwünschtem Zugriff legt, läuft Gefahr zu übersehen, dass längst auf weit mehr zugegriffen wird als nur auf greifbare Daten, und das in immer größerem Ausmaß. „Die größte Gefahr lauert nicht beim schnelleren Auffinden unserer Daten“, schreibt die IT-Spezialistin Yvonne Hofstätter in einem Buch mit dem unmißverständlichen Titel „Sie wissen alles“, „sondern darin, viele digitale Fußspuren in einen Kontext zu bringen.“

Längst wird unser Verhalten subtil gesteuert - durch Angebote, die als kleine Annehmlichkeiten oder Läßlichkeiten daherkommen. Läßlich etwa, wenn viele die Roboterpädagogik von Facebook akzeptieren, derzufolge zwar Nazisprüche der freien Meinungsäußerung unterliegen, die Abbildung einer nackten weiblichen Brust aber mit vollautomatischer Aussperrung abgestraft wird (wie damals, als es am Gymnasium für sittliche Verfehlungen noch „Karzer“ zur Disziplinierung gab), um so eine typisch amerikanische Moralauffassung als weltweiten Standard durchzusetzen.

Digitaler Entmündigungszärtlichkeiten

Andererseits wird man bei manchem Betreiber sogar für‘s Logout belobigt. Eine weitere Art digitaler Entmündigungszärtlichkeit bringt uns Amazon mit seinem Empfehlungssystem entgegen, das, fast muß man sagen: zum Glück, manchmal Macken hat und mir dann, auf der Suche nach einem Buch über Telefonhacker, mitten in der Bücherliste zu einem Becher mit gehackten Nüssen rät.

Schreibprogramme legen einem, nachdem man das Wort „überhaupt“ eingetippt hat, nahe, es handle sich um ein „Modewort - Erwägen Sie dieses Wort zu streichen.“ Wie Flaschengeister steigen algorithmische Oberlehrer auf. Schlaue Eingabeerkennung hilft diskret über orthographische Schwächen hinweg. Während eine Google-Anfrage nach „Gibsverband“ noch vor ein paar Jahre sozusagen zu dem Ergebnis „gibs nicht” geführt hätte, schlägt die Große Ichweißmaschine heute in ihrer unermeßlichen Freundlichkeit gleich die korrekt geschriebene Variante vor. Nervensäge schlechthin ist die Autokorrektur - ein böses, kleines Besserwisservirus in Smartphones, Facebook-Statuszeilen und Schreibprogrammen, das zu helfen glaubt, einen in Wirklichkeit aber von dem abhält, was man tun möchte.

Morgen werden wir Teil der Maschinen sein

Künftig wird vor allem die Steuerung des Bürgers durch Kontrollstrategien eine ganz neue Qualität der Mensch-Maschine-Beziehung erreichen. Heute sind wir „nur“ Dienstleister unserer Maschinen, die uns stets Daten abverlangen, heute werden unsere Daten „nur“ erfasst. Morgen werden wir integraler Teil der Maschinen sein, die uns Entscheidungshilfe geben, uns anleiten und steuern - und dann kontrollieren, ob wir ihren Handlungsanweisungen auch nachkommen. „Falls nicht“, so Yvonne Hofstätter, „werden sie nachregulieren“.