© Stephan Boroviczeny, Kurier

Peter Glaser: Zukunftsreich

Der Zauber der Wiederholung

Es war, wie wenn man träumt, unter Wasser zu sein und dann anfängt zu laufen. Oder wie wenn man versucht, durch einen Swimmingpool voller Sirup zu schwimmen. Man kommt und kommt nicht voran. Ich schob den Traum mit einer Wischgeste beseite und öffnete einen anderen. Nun war ich bei einem Arzt, einem Spezialisten für Neuigkeitenbeschwerden. In dem Wartezimmer spielte leise Ragtime-Musik.

Ich liebe Musik, weil sie das Älterwerden zum Genuß macht. Man fängt als Kind an mit einem einzigen Star oder einer Band, neben der es nichts sonst in der Welt gibt. Dann kommt immer mehr Musik hinzu und nichts gehr verloren. Man überhört sich vielleicht vor Begeisterung gelegentlich an einzelnen Stücken, aber sie verschwinden nicht, auch wenn man sich nach solchen orgiastischen Wiederholungen erst einmal anderer Musik zuwendet. Musik ist ein wundervoller Pool, der immer größer und mehr wird, nicht nur im quantitativen Sinn. Aber es gibt, bei aller Liebe, zwei Arten von Musik, die ich gern zurückgeben möchte: Freejazz der Siebzigerjahre und Ragtime.

"Kenn ich alles schon"

Dann schilderte ich dem Arzt meine Neigkeitentaubheit. „Wenn ich einen Film sehe, langweilen mich die Bilder zu Tode“, sagte ich. „Ich will nur noch die Schnitte zwischen den Szenen sehen. Alles andere interessiert mich nicht mehr. Im Netz nur noch die Klicks. Keine Texte mehr, nix Visuelles, kenn ich alles schon.“

„Sie haben einen Morbus Nostalgis“, diagnostizierte der Arzt. „Sie leiden an einer leichten Form von Neuigkeiten-Manie. Sie sind ein bißchen Beständigkeitsgestört. Das kriegen wir wieder hin.“

Endlich hatte ich das Gefühl voranzukommen, aber dann wachte ich auf. Es war immer wieder der selbe Traum, seit Tagen. Ich kannte ihn in- und auswendig, er langweilte mich zu Tode. „Anderes Programm“, sagte ich in die Morgendämmerung hinein, aber sie antwortete nicht.

Ein gefährliches Behagen

Ist es eine Betäubung, die von der Wiederholung ausgeht? Ein gefährliches Behagen, das uns benebelt, während wir uns in Maschinen verwandeln? Wenn ein Lebewesen sich wiederholt, ist das auch ein Ausdruck von Vitalität. Herzschlag, Sex, Rituale – im „wieder" schwingt ein Geheimnis. „Do it again", sagt Marilyn Monroe. „Wieder" ist Zukunft.

Warum hatte ich dann Alpträume, wenn Dinge sich widerholten? Worin besteht diese manchmal geradezu körperliche Lust an der Wiederholung – daran, zum dreiundzwanzigsten Mal „Casablanca“ zu sehen und zum zweiundvierzigsten Mal bei Facebook nachzusehen, ob jemand etwas Neues gepostet hat? Und das in einer Zeit, in der uns im Netz Neuigkeiten ozeanisch überfluten, Abwechslung die erste Bürgerpflicht ist und in einem endlosen Fluß von nie Gehörtem, Überraschendem, nie Gesehenem das Neue als Todfeind der Wiederholung gegenüberzustehen scheint.

Computer drehen ständig durch

Dabei gehört exzessive Wiederholung ja zu den Grundlagen der Computerei. Schleifen („Loops“) sind Kernelemente jeder Programmiersprache. An ihnen kann man erkennen, dass Computer eigentlich ständig durchdrehen. Sie befinden sich in einem Zustand der unaufhörlichen Raserei, in dem Bits wie besessen herumfahren und auf ein Signal warten, das diesen meschuggenen Rundlauf beendet. Die Ringstraße um die sechs Hauptgebäude des Hauptquartiers der Firma Apple in Cupertino heißt nicht ohne Ironie „Infinite Loop”.

Wenn man Programmiersprachen mit anderen künstlerischen Sprachen vergleicht, wird deutlich, dass Loops eine sehr alte Form sind. Schon die frühesten Epen der Menschheit - das Gilgamesch-Epos, die Ilias, die Odyssee - ähneln in Struktur und Entstehungsprozess den digitalen Monumentalwerken unserer Zeit, den großen Programmierprojekten.

Leider haben sie ein Klavier

Mir gegenüber wohnt ein Studentenpärchen, nette Leute, leider haben sie ein Klavier. Er übt seit Monaten „The Entertainer", dieses Ragtime-Stück. Er sagt, er spielt. Ich sage, er übt. Das einzige, was das Stück spannend macht, ist die Frage, an welcher Stelle er hängenbleiben wird. Ich sitze, jedenfalls akustisch, neben dem Klavier und versuche zu arbeiten, das heißt, etwas Neues zu denken. Das geht aber nicht, wenn ich auf den Moment warte, an dem er sich wieder verspielt. Die Zeit bleibt stehen.

Vielmehr: es ist nie welche vergangen. Wenn ich Ragtime höre, wird mir schmerzlich bewußt, dass ich mich wieder eine Weile der Illusion hingegeben habe, die Zeit würde vergehen. Sie steht aber. Ich finde mich wieder, gefangen in der immer gleichen, unveränderlich festgeschraubten, mumifizierten Minute des „Entertainer“. Solche Zeitschleifen sind kein Science-Fiction-Phänomen. Nicht „Alles schon mal dagewesen” muß es in Wirklichkeit heißen, sondern “Alles immer noch da”.

Ich wurde müde, aber ich wehrte mich mit allen Mitteln gegen den Schlaf. Nicht wieder dieser Traum.

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Peter Glaser

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