Meinung
17.11.2015

Die hohle Erde und die Nazi-UFOs

Sie haben es vermutlich schon lange geahnt: Die Erde ist hohl. Innen wohnen mystische Lichtgestalten, Außerirdische und Nazis.

Wenn mein Telefon klingelt, dann erfahre ich oft spannende wissenschaftliche Neuigkeiten. Manchmal bekomme ich allerdings auch Anrufe der seltsamen Sorte – von Wunderheilern, Perpetuum-Mobile-Erfindern oder Leuten, die sich vor Reptilien-Aliens fürchten. Man erlebt so einiges, im Lauf der Jahre.

Vor ein paar Wochen war es wieder so weit. Ein sanfter Lichtstrahl fällt ins Büro, liebliches Wohlklingeln dringt aus dem Telefon, ich hebe ab und ein freundlicher Herr spricht zu mir: „Guten Tag, es geht um den Planeten Erde. Sind Sie da zuständig?“

Ich bin ja von Natur aus kein übertrieben bescheidener Mensch, aber dass mir gleich jemand planetare Entscheidungskompetenz zutraut, überrascht sogar mich. „Selbstverständlich“, antworte ich. „Was kann ich für Sie tun?“

Wie sich herausstellt, habe ich großes Glück: Ich spreche mit jemandem, der im Gegensatz zu unserem Wissenschaftlerpack die wahre Natur unseres Heimatplaneten durchschaut hat. Es ist nämlich so: Die Erde ist innen hohl, am Nord- und Südpol befinden sich Eingänge ins Innere. Die Bewohner der Innenerde besitzen untertassenförmige Flugmaschinen, und mit denen fliegen sie regelmäßig über die Wiener Donauinsel. Die Regierung weiß davon, tut aber nichts dagegen. Die NASA hat natürlich Beweise, doch die Satellitenfotos der polaren Eingangspforten ins Erdinnere werden der Bevölkerung systematisch vorenthalten.

Ich bitte den netten Herren, mir seine Sammlung an Beweisen zukommen zu lassen. Er ist überrascht. Offenbar hat man ihn bisher nicht so richtig ernst genommen, ich kann mir gar nicht vorstellen, wieso. Er verspricht, mir seine Unterlagen zu schicken, vielleicht nicht gleich morgen, aber spätestens nächste Woche.

Inzwischen recherchiere ich selbst. Die Hohlerde-Theorie ist überraschend weit verbreitet. Erstaunlich ist für mich, dass sich die Innenerdbewohner gerade bei der Wiener Donauinsel an die frische Luft wagen. Vermutlich machten sie das, weil sich bis ins Innere der Erde herumgesprochen hat, dass die österreichische Regierung außenpolitisch nicht besonders durchsetzungskräftig ist. Diplomatische Verstimmungen durch UFOs aus dem Erdinneren sind hier also unwahrscheinlich.

Agharta, Land des Glücks

Das Land im Erdinneren heißt Agharta, seine Bewohner sind uns in vielfacher Hinsicht überlegen, sie stehen außerdem in Kontakt mit freundlich gesinnten Außerirdischen aus dem Sternensystem Aldebaran. Ihre goldene Hauptstadt Shamballa ist ein Ort des inneren Glücks, Buddhistische Mönche, so erklären Anhänger der Hohlerde-Theorie, kennen schon seit Jahrhunderten die geheimen Wege dorthin.

Wie die Aghartaner im Inneren der Hohlkugel auf dem Boden bleiben, ist mir nicht klar. Physikalisch betrachtet dürfte es nämlich in einer Hohlkugel keine Gravitationskraft geben. Unklar ist auch, warum das bisschen Hohlerdschale ausreichend viel Gravitation erzeugt, um uns hier auf der Außenseite festzuhalten. Wie sich seismische Wellen bei Erdbeben durch das Erdinnere ausbreiten können, wenn es das Erdinnere gar nicht gibt, bleibt auch vorerst noch offen. Fest steht aus Sicht der Hohlerde-Theoretiker allerdings, dass die Innenweltler nicht im Finsteren ausharren müssen. In der Mitte der Erdkugel sitzt nämlich eine zweite Sonne, von der die gesamte Innenerde sanft ausgeleuchtet wird. Ich fände es ja ärgerlich, auch nachts Sonnenschein zu haben, aber dafür sind dort vermutlich auch im Winter die Heizkosten eher gering.

Vorsicht, Nazis!

Die wahre Sensation ist für mich allerdings, dass sich im Inneren der Erde nicht nur alteingesessene Aghartaner und Außerirdische herumtreiben, sondern auch Nazis. Nach dem zweiten Weltkrieg gelang nämlich einer Gruppe von Reichsdeutschen, unter ihnen Adolf Hitler höchstpersönlich, die Flucht ins Innere der Hohlerde. Möglich war das mit Hilfe von sogenannten „Reichsflugscheiben“, die unbegrenzte freie Energie erzeugen.

Das wirft schon wieder einige Fragen auf: Haben sich die Nazis im Erdinneren politisch durchgesetzt, oder mussten sie sich bei ihrer Einwanderung den Werten der aghartanischen Leitkultur anpassen? Gab es auf Aldebaran Demos gegen die Abendlandisierung Aghartas? Beneiden uns die Aghartaner dafür, dass wir jede Nacht freie Sicht auf den Sternenhimmel haben? Können wir auf der Erd-Außenseite das für den Tourismus nutzen? Gibt es Krieg, wenn wir und die Aghartaner versehentlich von innen und außen dieselben Erdölvorkommen anbohren? Und vor allem: Wenn es auch im Erdinneren Deutsche gibt, gewinnen sie dann auch dort im Fußball?

Drei Wochen später ruft mich der freundliche Herr noch einmal an, doch diesmal ist er weniger freundlich. Es ist eine Gemeinheit, dass er von allen immer ignoriert wird, donnert er mich an. „Aber ich habe doch gar nichts bekommen!“ rufe ich. „Jeden Tag warte ich auf Ihre Beweise, aber Sie haben mir nie etwas geschickt!“

Stille.

Na gut, das kann sein, meint der freundliche Herr. Er wird das sicher nachholen, aber heute hat er keine Zeit, und morgen vielleicht auch nicht. Aber er wird mir ganz gewiss etwas schicken. Spätestens nächste Woche.

Ich bin gespannt.

Florian Aigner

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen schreibt er jeden zweiten Dienstag in der futurezone.