© Gilbert Novy, Kurier

Peter Glaser: Zukunftsreich
09/27/2014

Die Hundedenkmaschine

Eine schwedischer Innovationsbetrieb möchte Tiere mit technischer Hilfe auf eine Kulturstufe mit den Menschen heben. So sieht es jedenfalls auf den ersten Blick aus.

von Peter Glaser

Als die Preussen 1757 zu Beginn des Siebenjährigen Kriegs in Böhmen vom habsburgischen Österreich besiegt wurden, schrie Friedrich der Große seinen davonlaufenden Soldaten im Zorn hinterher: „Ihr verfluchten Racker, wollt ihr denn ewig leben?“ Sprichwörtlich wurde der Ausruf später etwas umformuliert in einem Buchtitel – „Hunde, wollt ihr ewig leben?“ nannte der österreichische Schriftsteller Fritz Wöss seine 1957 begonnene Romantrilogie über die Schlacht von Stalingrad.

Nun scheint die Frage einer weiteren Modernisierung entgegenzusehen. Hunde, wollt ihr ewig bellen? Oder nicht vielleicht lieber sagen, wie es euch gerade geht, und zwar so, wie Menschen das tun? Dieses Unterfangen auf neue, technisch unerwartete Weise in Angriff zu nehmen, hat sich die Nordic Society for Invention and Discovery (NSID) aus dem schwedischen Malmö zum Ziel gesetzt. Das zugehörige Projekt heißt No More Woof (NMW). Ergebnis soll ein mobiles Gerät zur Auswertung von Hundegehirnströmen sein, die Auskunft über die Absichts- und Gemütslage des Vierbeiners geben, welche wiederum in natürliche menschliche Sprache umgewandelt werden soll.

Tierische Gedanken, in menschliche Sprache übersetzt

Bei einer Finanzierungskampagne auf der Crowdfunding-Plattform Indiegogo kamen mit 22.664 Dollar mehr als das Doppelte der für die Entwicklungsarbeit angepeilten 10.000 Dollar zusammen. Hier kann man „das erste Gerät, das tierische Gedanken in menschliche Sprache übersetzt“ schon mal vorbestellen – unter Vorbehalt (Das Ganze „ist nach wie vor Grundlagenforschung ... Wir wollen eingestehen, dass wir optimistische Träumer sind und, was noch wichtiger ist, dass wir die Aufmarksamkeit für diesen Bereich der Wissenschaft erhöhen wollen, um auch anderen auf die bestehenden Potentiale aufmerksam zu machen!“).

Schnapsidee mit EEG

Begonnen hat das Ganze als Schnapsidee. NMW-Projektleiter Tomas Mazetti und sein Bruder hatten sich spaßeshalber gefragt, was wohl passieren würde, wenn man dem Hund ihrer Mutter eines dieser neuen EEG-Headsets aufsetzt. Die Idee fanden beide reizvoll genug, um ein solches Headset zu bestellen. Der Hund produzierte auch brav Gehirnwellen. „Es ist nicht besonders kompliziert“, sagt Mazetti. „Wenn ein Hund wirklich ruhig, müde oder wütend ist, kann man das ganz leicht erkennen.“ Man kann das zwar auch ohne EEG-Headset, aber das ist natürlich nicht innovativ.

Bei den nachfolgenden Experimenten „im NSID-Labor“ wurde das EEG mit einem Prozessor und einem kleinen, portablen Lautsprecher verbunden, der künftig das im Hunde wallende Empfinden in verschiedenen gängigen Menschensprachen hervorbringen soll. Die NSID, die sich selbst als „vollkommen neue Art von Zukunftslabor“ bezeichnet, hat noch andere Produkte im Portfolio, darunter den iRock, einen Schaukelstuhl mit iPad-Stativ und einem Transmissionsrädchen zur Rückgewinnung der Schaukelenergie. Dann die Nebula-12-Indoor-Wolke, eine wolkenförmige Lampe mit Wettervorhersagefunktion (alles für eine Schweizer Möbelfirma). Und den Wall of Sound, den „größten iPhone-Lautsprecher der Welt“. Hier taucht zum ersten Mal die Bezeichnung Studio Total auf – eine schwedische Marketing- und Werbeagentur, die für das ganze kreative Geschwirr verantwortlich zeichnet und die bekannt ist für ihre PR- und Guerilla-Marketing-Aktionen.

Geld verbrennen für gerechte Bezahlung

2005 gründeten sie im Auftrag des Schwedischen Nationaltheaters erfolgreich eine „Kulturpartei“. 2010 erzeugten sie weltweite Aufmerksamkeit für das Thema ungleiche Bezahlung, indem sie die Feministin Gudrun Schyman 100.000 schwedische Kronen (rund 10.000 Euro) verbrennen ließen. Der Wall of Sound warb für ein schwedisches Textilunternehmen. Im Juni 2012 steuerte Mazetti mit einer Begleiterin ein Flugzeug ungenehmigt von Litauen nach Weißrussland, wo sie erst über der Stadt Iwianiec 500 Stück mit „Redefreiheit“ bestempelte Teddybären und Flyer mit Protestslogans abwarfen und anschließend eine zweite Ladung über dem Südwesten der weißrussischen Hauptstadt Minsk.

Im Licht dieser Aktivitäten sieht das mit der Hundedenkmaschine natürlich nicht mehr ganz so rein grundlagenforscherisch aus. Was die Crowdfunding-Kampagne angeht, muß man vielleicht noch wissen, dass professionelle Crowdfunder inzwischen gern erst einmal selber Geld einlegen, oft nicht unerhebliche Summen, um die allgemeine Spendenfreude in Schwung zu bringen. Es wäre natürlich nur Spekulation, wenn man sich überlegt, wie das eigentlich wäre, wenn die Ideengeber selbst die gesamte Funding-Summe aufgebracht hätten. 20.000 Euro sind, wenn man es recht bedenkt, für eine PR-Kampagne mit internationaler Wirkung eigentlich ein Klacks. Dafür läßt man auch schon mal ein EEG vor die Hunde gehen.

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