Meinung
03.12.2016

Die Scheinzeit

Adventgerecht eine kleine Geschichte des Lichts in den modernen Medienmaschinen: Immer findet sich eine Stelle an ihnen, an der man Einblick in ihr eigentliches Innerstes hat.

Es ist nicht einfach eine Kaverne aus Schaltungen und Kabelverbindungen, den Miniatur-Industrielandschaften aus farbberingten Widerständen und Kondensator-Wassertürmen, und später den chipbestückten grünen Leiterplatten, die sich dem Elektrohöhlenforscher zeigt, wenn er die Verkleidung eines solchen Geräts öffnet.

Atmende Laptops

Es war und ist der Einblick in das Innerste eines säkularen Tempels. In das innerste Geheimnis der Technik. Das fluoreszierende Grün an dem Radiokasten des Großvaters war zugleich unirdisch und dann doch wieder weich wie Moos – das Magische Auge, hätte es geatmet, weich pulsiert, wie es Lichter am Rand von Laptops tun, man hätte dem Radiogerät, das ohnehin schon in menschlichen Stimmen sprach, mühelos eine eigene Lebendigkeit zugetraut.

Das nächste Grün war granularer. Es war das Ergebnis einer ungeheuerlichen Anstrengung, nämlich Sandkörner sortierbar zu machen. Aus dem groben Pixelsand an der Datenküste ordnete die nächste leuchtende Maschine Lichtkörnchen zu Bildschirmzeilen, grün auf schwarzem Hintergrund. Das Pixel wurde zu einem neuartigen Atom, aus dem sich künstliche Welten zusammensetzten. Es war die Zeit, in der Computergeschäfte noch gar keine eigene Bezeichnung hatten und Nischen im Büromaschinenbedarf waren.

Die modernste Art der Nacht

Manchmal saß dann, durch das Schaufenster von der Straße aus zu sehen, ein Mann vor etwas, das, anstatt waschmaschinengroß unglaublich klein und ganz offensichtlich ein Computer war. Auf dem gedrungenen, dicken Bildschirm vor ihm verliefen lichtbröselige, grüne Zeichen auf schwarzem Hintergrund. Man wusste: Dieser Mann musste ein Programmierer sein. Jemand, der imstande war, aus diesem Schwarz, der modernsten Art der Nacht, dieses grüne Zeichenleuchten hervorzuheben.

Dann kamen die nachfolgenden Maschinengenerationen, an denen man die Nacht zum Tage machen konnte. Das grüne Gebrösel war einem schärfer umrissenen Schwarz gewichen, in dem sich Bildschirmbuchstaben nunmehr als eine Konkurrenz zu den gedruckten Buchstaben anmeldeten. Graustufen traten hinzu.

Meine Tinte ist das Licht

Ich arbeite gern nachts und habe zu dieser Zeit oft, wenn es später und dunkel wurde, die Bildschirmfarben umgekehrt und nicht mehr schwarz auf weiß geschrieben, wie man es jetzt altgewohnt vom Schreiben auf Papier auch auf der digitalen Maschine wiederhat, sondern neuerlich auf schwarzem Hintergrund, und mit weißen Buchstaben statt grünen. Das war jetzt anders: Meine Tinte ist das Licht.

Und manchmal war es auch so, dass dieses Schwarz – und es war tatsächlich so etwas wie schwarzes Licht – über den Bildschirmrand überlief und sich mit der Nacht drumherum verband wie Wasser in den Dünen, das im Dunklen endlich wieder die Verbindung mit dem Meer gefunden hat, und das weiße Leuchten der Bildschirmzeichen die Verbindung mit den Sternen.

Die Angst ist fast schon verflogen

Als in Paris mit Bogenlampen die elektrische Straßenbeleuchtung eingeführt wurde, trugen die Damen nachts Schirme aus Angst vor dem stechenden Licht. Heute haben wir wieder Schirme - Bildschirme nämlich - und die Angst ist fast schon verflogen und das Leuchten blausilbrig und scharf geworden.