Meinung
17.08.2013

Durchlaufender Besitz

In der digitalen Welt sind die Dinge in Bewegung geraten. Sie lassen sich immer schwerer festhalten – und es wird immer unnötiger, etwas zu besitzen.

Die Flüchtigkeit der Onlinewelt, das Virtuelle, verändert unsere Auffassung von Eigentum auf erstaunlich radikale Weise. Was man bisher unter persönlicher Habe verstand, bezeichnet anschaulich der Begriff „ Besitz”, nämlich etwas, auf dem man quasi sitzt, damit es einem nicht abhanden kommen kann. Wichtigste Eigenschaft von Eigentum war das Bleibende. Eine Idealform von Besitz ist das Haus, das man auch beim besten Willen nicht wegtragen kann. Es ist eine echte Unbeweglichkeit. Eine Immobilie.

Ehe das große Fließen begann
Aber die Dinge sind in Bewegung geraten. Schon ehe im Netz das große, stofflose Fließen begann, konnte man zum Beispiel an modernen Möbeln erkennen, dass der Mensch und die ihn umgebenden Materialien zunehmend mobil werden. Das Festgefügte schwindet auch aus der Innenarchitektur. An seine Stelle treten verschiebbare Wände, modulare Schränkchen und immer mehr Mobiliar, das auf Rollen steht. Nichts ist mehr fix. Immer mehr Einrichtungsgegenstände sind ständig abfahrbereit und geben zu verstehen: Ich bin nur vorübergehend hier, ein Provisorium.

Die alte Wirklichkeit versucht sich der Wendigkeit von Software anzupassen. Im digitalen Austausch realer Waren findet denn auch die eigentliche Revolution statt. War früher Besitz verbunden mit dem Wunsch, etwas lange zu behalten und dauerhaft zu haben, so lockert sich diese Anziehungskraft heute immer mehr. Die Waren der Welt fahren am Bildschirm an uns vorbei, wie die Teller auf dem Fließband einer Sushi Factory. Auch Statussymbole haben eine neue Qualität. Mit Glanz versorgt man sich jetzt nicht mehr nur durch den Besitz von Objekten, sondern durch die Art, wie man die Dinge benutzt.

Besitz strömt heute durch die Adern des Netzes
Und die vielen Sachen, die früher in Kellern und Kammern verstaubt wären, sind heute Teil einer neuen, nachhaltigen Wirtschaft - einer Ebay-Ökonomie. Der immobile und der materielle Besitz haben zu fließen begonnen und strömen durch die Adern des Netzes. Etwas von der Leichtigkeit und Schnelligkeit der Online-Kommunikation geht auch auf all die Dinge über, die Gewicht und Größe haben. Was bisher Materialschwere war, wird nun von einer unirdischen Ideenleichtigkeit beflügelt. Und immer mehr Menschen entdecken die Freude an etwas, das man durchlaufenden Besitz nennen könnte.

Man behält Dinge nicht mehr unbedingt, sie werden zu etwas zunehmend Vorläufigem. Mehr Dinge zu haben, ohne mehr Dinge besitzen zu müssen - mit Hilfe des elektronischen Marktplatzes ist das nun kein Problem mehr. Statt ein Buch fest in seiner Bibliothek zu verankern, besorgt man sich viele Bücher, die man, wenn sie ausgelesen sind, wieder in den Kreislauf des sanften Konsums entlässt. Nicht mehr Besitz anzuhäufen ist das Ziel des netzökonomischen Zeitgenossen, sondern Besitztum strömen zu lassen. Liquide zu sein, heißt nicht mehr, einen Sack Geld neben sich stehen zu haben, sondern die Dinge im Fluss zu halten.

Rückkehr der Dinge
Es gibt bereits analoge „Rückholaktionen” wie die des Berliner Künstlers Aram Bartholl. In seiner Aktion „de_dust“ stapelte er mit einer Pixeltextur beklebte Holzkisten, wie sie in Videospielen a la Counterstrike zur Raumverkomplizierung herumstehen, mit dem Einverständnis der Berliner Verkehrsbetriebe auf dem Bahnsteig einer U-Bahn-Station. In einer anderen Aktion baute er aus Holz und Leinwand drei Meter groß eines der roten Markierungssymbole aus Google Maps nach und stellt sich damit zur Verblüffung von Menschen, die das Zeichen nur vom Bildschirm kennen, auf Straßen oder Wiesen.

Aber nicht nur Vorteile und Vergnüglichkeiten der alten Dingwelt finden sich modernisiert im Netz wieder. Im November 2007 beendete die niederländische Polizei eine Serie von Möbeldiebstählen in der 3D-Welt Habbo Hotel. Ein 17-Jähriger wurde festgenommen, fünf weitere Kids verhört. Für hübsche Möbel bezahlen Habbo Hotel-Bewohner echtes Geld - die Jungs hatten mit Tricks virtuelle Sessel und Sofas im Wert von etwa 4000 Euro gestohlen.

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Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm in Berlin und begleitet seit 30 Jahren die Entwicklung der digitalen Welt. Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs, Träger des Ingeborg Bachmann-Preises und Blogger. Für die futurezone schreibt er jeden Samstag eine Kolumne.