Für die Franzosen heißt es heuer wohl auf Feuerwerk zu verzichten

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Gastkommentar

Ein Feuerwerk an Mutlosigkeit

Dieser Brauch folgt einem strengen rituellen Ablauf: Der Forderung nach Verzicht bis hin zu Verbot, Umwelt, Tieren und Menschen zuliebe folgen polternde Parolen jener, die mit lauten Krachern und explodierenden Leuchtkörpern vielleicht auch ihre seltsame Vorstellung von Männlichkeit verteidigen wollen. Das Ritual endet schließlich mit Appellen an die Bevölkerung durch sich vor einer klaren Entscheidung wegduckenden Politiker*innen.

Ja, Feuerwerke sind hübsch und ihr Anblick weckt vermutlich in uns allen eine Bandbreite an Erinnerungen, von der Kindheit bis hin zu romantischen Lebensmomenten, die wir in der Vergangenheit unter raketenerleuchteten Himmeln erlebten. Genau so sollten wir die lärmenden, schmutzigen Funkenspektakel aber auch endlich ein für allemal belassen: Als bunte Erinnerungen an eine Vergangenheit, in der wir uns kollektiv noch zu wenig um unsere Umwelt und die Zukunft des Planeten Erde gekümmert haben.

Fakten für ein Feuerwerksverbot

Feuerwerke lassen die Feinstaubbelastung binnen kurzer Zeit massiv in die Höhe schnellen. Bei bestimmten Wetterlagen führt das dazu, dass man am 1. Jänner vormittags in manchen Städten das Haus nur schwer verlassen, ohne in Atemnot zu geraten. Neben dieser unmittelbaren Auswirkung auf die Gesundheit der Atemwege durch Feinstaub sind Feuerwerke aber obendrein auch klimaschädlich. Die deutsche Landwirtschaftliche Versicherungsanstalt hat bereits 2007 errechnet, dass in Deutschland zu Silvester Treibhausgase freigesetzt werden, die vergleichbar mit 2300 Tonnen CO2 wirken. Das entspreche in etwa der Menge, die bei 550 Flügen von München nach New York in die Lufthülle gelangen, berichtete damals der Deutschlandfunk. Nun verleiten solche Zahlen dazu zu glauben, Feuerwerke seien das alleinige Übel und mit ihrer Abschaffung das Klima gerettet. Natürlich ist dem nicht so: Man muss nicht nur Äquivalente reduzieren, sondern auch den CO2-Ausstoß von der Flugindustrie selbst sowie die kontinuierlich hohe Feinstaubbelastung, die zum größten Teil durch den Verkehr verursacht wird. Es braucht für die Klimawende Gesamtanstrengungen in allen Bereichen, und die schädlichen Auswirkungen des kurzen Vergnügens sind hinlänglich belegt, und das weiter zu ignorieren können wir uns langfristig nicht leisten.

Emotionen gegen ein Feuerwerksverbot

Diejenigen, die dagegen wettern, werden ihrem Motto auch in ihrer Diskussionskultur gerecht: Sie wollen es vor allem krachen lassen, auch verbal. Den Fakten auf der einen Seite, die alle für ein Ende der Silvesterknallerei sprechen, werden keinerlei sachliche Argumente entgegengebracht, sondern vor allem lautes, emotionales Kampfgeschrei von einem „Recht auf Kracherei“. Es wundert in diesem Zusammenhang nicht sehr, dass es vor allem Männer aus Kreisen mit sehr veralteten Männlichkeitsbildern sind, die diesen Kampf anführen – und auch, dass die Unfallstatistik im Zusammenhang mit Böllern und Raketen von Männern angeführt wird.

Kein Grund mehr zu warten

Tatsache ist: Es gibt kein einziges gutes Argument für das laute Festhalten einiger an ihren privaten Knallereien, das auch nur ansatzweise die von allen zu tragenden hohen gesellschaftlichen Kosten dafür rechtfertigen würde. Das Streitmuster um die notwendige Abschaffung von Feuerwerken und Böllereien ist dabei beispielhaft für den Diskurs, mit dem sich Klimakrisenleugner*innen und wirtschaftliche und politische Profiteure gegen die notwendigen klaren Schritte in der Klimawende weigern: Die Argumente und Tatsachen liegen alle auf dem Tisch. Man muss nicht noch weitere Informationen einholen oder abwarten oder bessere Argumente finden. Es gibt keinen Grund mehr zu warten. Man muss nur machen.

Manche Länder ergriffen die Gelegenheit, Covid-19 als Argument vorzuschieben um endlich die nötige Grundlage zu schaffen: Mit Verweis auf die wegen der Pandemie überlasteten Spitäler verbieten die Niederlande und einige Provinzen in Belgien den Verkauf, Kauf und die Verwendung von Raketen und Böllern komplett. In Deutschland wird der Verkauf verboten. Tatsächlich endet das „lustige Feiern“ mit Krachern und Raketen jährlich in zahlreichen Unfällen, teilweise mit schwer Verletzten. Dass man mit diesem vorgeschobenen Argument jedoch nicht zugleich Silvesterknallereien verbieten und Skipisten eröffnen kann, von denen vergleichsweise weitaus mehr Menschen in die überlasteten Krankenhäuser eingeliefert werden, mag durchaus der Grund sein, warum sich die politisch Verantwortlichen auch in diesem Jahr in keinem einzigen österreichischen Bundesland zu klaren Verboten durchgerungen haben.

Österreichische Lösung: Appelle statt Klarheit

In Österreich gibt es also auch dieses Jahr erneut ein Feuerwerk an Mutlosigkeit: Appelle zum Verzicht statt klarer Regeln. Einmal mehr schieben Politiker*innen die Verantwortung von Bundes- auf Landesebene und dort schlie´ßlich wieder weiter in die Gemeinden, bei denen in der momentan sehr österreichischen Regelung die Kompetenz liegt. Letztendlich hängt man aber die Verantwortung wieder der Bevölkerung um, wenn man so wie alle Jahre wieder kein einheitliches Verbot ausspricht, sondern erneut mutlos nur öffentlich dazu aufruft, man möge doch auf ein Feuerwerk verzichten. Eine ordentliche Portion Mut zu politischen Entscheidungen, das ist der einzige Vorsatz, den es für 2021 braucht. Dann klappts auch mit der Klimawende. Guten feuerwerksfreien Rutsch!

Über die Autorin

Tina Wirnsberger ist Trainerin für nachhaltige Wirtschaft & Politik und Sozialpädagogin. Sie war bis Jänner 2019 Grüne Stadträtin für Umwelt und Frauen in Graz.

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Tina Wirnsberger

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