Meinung
03.06.2017

Eine bessere Welt

Auf seiner Website Our World in Data eröffnet Max Roser weitreichende und überraschende Einsichten in die Entwicklung unserer Zivilisation.

Ein Forschungssemester in Brasilien vor sechs Jahren gab ihm den Anstoß zu etwas, das als Buchprojekt begann und dessen Datenüberfülle sich dann aber schließlich nur noch mit Computerhilfe bändigen ließ. Wie mißt man menschlichen Wohlstand über lange Zeiträume und nationenübergreifend? Our World in Data ist eine Website, die sich auf eindrucksvolle Weise dieser komplexen Frage zu nähern versucht.

Statt eines Buchs entstand eine Datendestillerie, in der die gehobenen Schätze angemessen dargestellt werden können. Initiator der Seite ist der deutsche Wirtschaftswissenschaftler Max Roser, ein aus dem Rheinland-Pfälzischen Kirchheimbolanden gebürtiger Weltbürger, der in Berlin, Innsbruck und Wien Philosophie, Ökonomie und Geowissenschaften studierte und an der Universität Oxford arbeitet. Gemeinsam mit dem britischen Developer Zdenek Hynek verwandelt er die gewonnenen Informationen in interaktive Grafiken und Karten.

Unerwartete Veränderungen

Die ursprünglich Idee war, ein gutes, altes Buch zu schreiben. „Ich habe angefangen, die ganzen Daten zu sammeln, die ich brauche, um zu zeigen, wie die Welt sich verändert“, sagt Roser. „Das ist ein bisschen aus dem Ruder gelaufen. Es passte nicht mehr in ein Buch. Also hab ich angefangen, online zu publizieren, um das Material frei verfügbar zu machen.“ Die Website erzählt die soziale, wirtschaftliche und ökologische Geschichte unserer Welt anhand sorgfältig erhobener Daten. Ein breites Spektrum von Themen macht anschaulich, wie sich der Lebensstandard auf der ganzen Welt geändert hat – oft unerwartet.

Während des Forschungssemesters in Rio war Roser überrascht zu sehen, wie schnell sich die Lebensbedingungen in Brasilien verändern. Sinkende Armut, sinkende Einkommensungleichheit – sein Forschungsthema. Überraschend positive Nachrichten. Er dachte: Das muss man mitteilen. „Wenn man empirisch betrachtet, wie die Welt sich über lange Zeiträume verändert hat, ist es relativ schwierig, das pessimistisch darzustellen“, resümiert Roser. Es sind aber nicht nur optimistische Daten. „Zum Klimawandel etwa gibt es wenig erfreuliche Entwicklungen.“

Wird die Zivilisation zivilisierter?

„Wir leben in der friedlichsten Epoche der menschlichen Spezies“, heißt es auf der Website, obwohl so viele Menschen auf der Flucht sind wie seit Ende des 2. Weltkriegs nicht mehr. Es geht nicht darum, darüber hinwegzutäuschen, dass es immer noch Krieg und Gewalt gibt. Max Roser fragt, ob die Zivilisation langfristig zivilisierter wird. Im Mittelalter gab es keine Facebook-Nachrichten, die man analysieren konnte, also muß der Forscher auch in die Archive steigen. Zum Glück machen internationale Organisationen inzwischen Daten relativ einfach verfügbar.

Ist unsere herkömmliche Sicht der Dinge zu einseitig? In einer aktuellen Umfrage sind zwei Drittel der Befragten der Meinung, dass sich die Armut in den letzten Jahrzehnten verdoppelt hat. Aber dieser Pessimismus ist nichts Neues. „An wen kann ich mich heute noch wenden? Jeder schaut auf seine Mitmenschen herab. Es gibt keine Gerechtigkeit mehr. Die Erde ist Verbrechern ausgeliefert“ – ein Zitat aus dem alten Ägypten, ungefähr 2000 vor Christus. Ungleichheit ist inzwischen zu einem öffentlichen Thema geworden. Roser glaubt aber, dass die Wahrnehmung dabei zu stark auf den USA liegt. Dort gibt es zwar Wirtschaftswachstum, aber die Einkommen am unteren Ende steigen kaum oder garnicht. Das ist aber kein universales Phänomen. In vielen europäischen Ländern gibt es starkes Wachstum, das alle Bevölkerungsschichten erreicht.

Gute Nachrichten unter dem Radar

Für Afrika hat Roser eine eigene Website eingerichtet – Africa in Data. Es ist immer noch eine verbreitete Ansicht, dass die Lebensbedingungen in Afrika miserabel sind und sich daran nie etwas ändern wird. Dabei verläuft vieles bemerkenswert positiv. Bildung und Gesundheit etwa haben sich sich sehr verbessert. Die wenigen verfügbaren Daten weisen darauf hin, dass das Wirtschaftswachstum hoch ist. Das Problem ist, dass die Nachrichten voll sind mit singulären Ereignissen. Viele der Trends, die auf der Afrika-Seite aufgezeigt werden, sind aber sehr langsam und es gibt keinen Grund, sie in die Tagesnachrichten aufzunehmen.