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Meinung
04/25/2011

Es war einmal - Privatsphäre

Die Aufregung um spionierende Apps, iPhones und Android-Geräte, die Positionsdaten speichern und weiterleiten, ist groß. Doch im Zeitalter der Smartphones gibt es keine Privatsphäre mehr. Wir haben - theoretisch - die Wahl - entweder analog oder digital zu leben.

Es ist eine dieser „Enthüllungen“, die eigentlich keine ist. Die Internet-Gemeinde war/ist aufgebracht darüber, weil Forscher in iPhones eine geheime Datei gefunden haben, in der gespeichert wird/wurde, wo sich der Besitzer so aufhält. Die Daten – Zeitpunkt und GPS-Koordinaten - werden automatisch immer an jenen Computer übertragen, mit dem das iPhone synchronisiert wird.

Viele Analyse-Patente
Einen Tag später wurde bekannt, dass selbiges auch in Smartphones mit dem Android-Betriebssystem gefunden wurde; was wiederum eine so große Überraschung nicht ist, denn Android ist immerhin ein Betriebssystem, das federführend von Google entwickelt wurde und der Konzern – ich vermeide hier den Begriff Datenkrake – ist ja bekannt dafür, dass er so einige Tricks beherrscht, was das Sammeln und Auswerten von Daten anlangt. Einige Patent-Beispiele gefällig? „Determining Advertisements Using User Behavior Information such as Past Navigation Information“ (20060069616), „Accelerating User Interfaces by Predicting User Actions“ (Patent 20060047804),  „Systems and Methods for Modifying Search Results Bases on a Users’s History“ (Patent 20060224587). Das sind nur drei von dutzenden Google-Patenten, in denen es um User-Tracking und User-Analyzing geht.

Der Peilsender in der Hosentasche
Wer ein Smartphone nutzt, für den gibt es keine Privatsphäre mehr, Handys sind Peilsender in der Hosentasche. Sie waren es schon immer, denn der Mobilfunkbetreiber konnte immer schon feststellen, wo sich jemand mit dem Mobiltelefon aufhält. Das funktionierte auch früher schon recht genau mittels Technologien wie der Triangulation bzw. Timing Advance, im Zeitalter von GPS-Handys ist es noch einfacher. Willkommen im Zeitalter der Location Based Services, willkommen in der Welt der Smartphones. Es wäre also unfair, nur Apple oder Google an den Pranger zu stellen. Jedes Smartphone speichert Daten, wer die Datenspionage vermeiden will, darf sich kein Smartphone kaufen.

Jede zweite App spioniert
Erst im Februar hat ein Forschungsbericht der TU-Wien ergeben, dass die Hälfte der iPhone-Apps die Nutzer ausspionieren. 55 Prozent von insgesamt 1407 untersuchten iPhone-Apps übermitteln die jeweilige Gerätenummer an App-Entwickler oder Werbefirmen.

Nicht datenschutzkonform
Vieles ist nach europäischem Recht nicht zulässig, das hat auch der deutsche Datenschützer Peter Schaar bestätigt. Den Konzernen, meist mit Sitz in den USA, ist dies relativ gleichgültig, denn auf deren Datensammlungen haben europäische Behörden ohnehin keinen Zugriff. Und in Brüssel ist man bislang noch nicht wirklich auf die Idee gekommen, Datenverstöße oder Datenspionage mit hohen Millionenbeträgen zu ahnden, wie sie es in der Vergangenheit bei Wettbewerbsverstößen - Stichwort Microsoft - getan haben.

Die AGB-Falle
Dennoch ist die Aufregung um diese Datenspionage groß. Dabei steht ohnehin alles in den Nutzungsbedingungen: „Um standortbezogene Dienste auf Apple-Produkten anzubieten, dürfen Apple und seine Partner sowie Lizenznehmer präzise Standortdaten erheben, nutzen und weitergeben, einschließlich des geographischen Standorts Ihres Apple-Computers oder -Geräts....“

Man ist also fast selber schuld. Allerdings: Wer liest wirklich die dutzenden Seiten langen AGBs durch? Das wissen Apple, Google und die vielen anderen IT-Konzerne dieser Welt, daher lässt sich in diese AGBs so gut wie alles hineinschreiben. Zum Glück gibt es Organisationen wie den Chaos Computer Club, die Electronic Frontier Foundation und diverse andere Datenschützer, die sich sehr wohl durch die elendslangen AGBs arbeiten und Konsumenten vor diversen Lücken warnen.  Hier könnten die Behörden ansetzen: Lesbare AGBs zu fabrizieren, nicht nur, was die Verständlichkeit, sondern auch was die Länge anlangt. Kann mir jemand verraten, warum sich AGBs nicht auf eine oder wenige Seiten zusammenfassen lassen? Damit würde die Chance, dass sie gelesen werden, gehörig steigen. Am besten wäre freilich eine einzige Seite – auf die zweite Seite einer Google-Trefferliste schauen auch nur noch ein Bruchteil der Internet-Nutzer.

Eines sollte uns im digitalen Zeitalter bewusst sein. Wir hinterlassen Spuren, die sich nicht mehr löschen lassen. Ob im Web oder mit dem Smartphone. Die einzige Hoffnung ist, dass vor lauter Daten die Auswertung immer schwieriger wird.